Vom Mut, „daneben“ zu sein

dead poVor einigen Tagen hat die christliche Sängerin Natalie Grant von sich reden gemacht, als sie die Grammyfeier vorzeitig verliess – Teile der Show wurden offenbar sogar von weltlichen Medien als ziemlich okkult beurteilt und provozierten einige Reaktionen. Grant äusserte sich auf Twitter kurz über ihren Entscheid, ohne näher auf den genauen Grund einzugehen. Das wurde nicht überall verstanden und führte zu neuen Spekulationen.

Wir müssen nicht aus der christlichen Ecke kommen, um solche Situationen zu kennen. Wer seinen Grundsätzen treu bleiben will, muss sich ab und zu quer zum Mainstream stellen – und damit gegen den berüchtigten Gleichschaltungsimpuls in uns.

Im Film „Dead Poets Society“ macht der Lehrer John Keating ein interessantes Experiment. Er lässt seine Schüler über den Schulhof spazieren, und das eine ganze Weile lang. Was passiert? Erst läuft jeder für sich, in seinem Tempo und nach seinem Temperament – schlurfend, marschierend, schlendernd, albern oder ernst, gelangweilt oder verträumt. Irgendwann aber beginnen die Schüler, sich einander anzupassen. Ein Alphatier gibt das Tempo vor, die anderen fallen ein, und schon sieht das ganze aus wie eine Kasernenhofübung.

Woher kommt dieser Drang? Ist der Mensch einfach ein Herdentier und passt sich dem dominantesten in der Gruppe an? Wie es bei den Tieren ist, weiss ich nicht so genau, aber ich glaube, wir Menschen möchten einfach so unglaublich gern dazu gehören. Mehr als das – wir wollen den Stempel, dass wir „mittendrin statt nur dabei“ sind. Und wenn wir uns dem Gleichschaltungsimpuls  widersetzen und zu unserer Meinung stehen, müssen wir damit leben, dass man uns belächelt, als schräg und verschroben ansieht oder gar ablehnt. Und genau davor fürchten wir uns.

Ich erlebe das manchmal auf Parties mit Freunden. Ich habe kein Problem, wenn andere trinken und feiern, obwohl ich seit längerem keinen Alkohol mehr trinke. Aber wenn die Feierei ein bestimmtes „Level“ erreicht, habe ich grosse Mühe, das Fest noch zu geniessen. Ich bin dann müde (gerade weil ich nichts trinke) und genervt und möchte nur noch nach Hause. Dann tut es mir weh, wenn man mich als Spassbremse oder Moralapostel wahrnimmt, der ich eigentlich nicht sein will.

Ein weiterer Grund, warum ich manchmal etwas zurückhaltend mit meiner Meinung bin, sind die (leider) zahlreichen Christen, die anderen ihre Ansichten äusserst lieblos und rechthaberisch an den Kopf knallen. Mit diesen Pharisäern möchte ich nicht in einen Topf geworfen werden. Trotzdem möchte ich noch mehr den Mut haben, zu meinen Ansichten zu stehen, auch wenn man mich deswegen ab und zu für weltfremd oder verschroben hält.

Ich kenne einige Menschen, von denen ich mir in dieser Hinsicht noch eine Scheibe abschneiden kann. Sie sagen ihre Meinung gerade heraus und brauchen dafür nicht einmal überirdische Hilfe. Dagegen bin ich ein bekennender Hasenfuss   – ohne einen beherzten Tritt von oben geht es nicht.

Ich glaube, so lange wir es mit Respekt und Liebe tun, ist unser Beitrag nicht nur okay, sondern dringend notwendig – gerade und besonders dann, wenn es gegen den „Mainstream“ geht. Auf dem Spiel stehen heute Grundsätze wie die Würde und der Wert jedes Menschen, die nicht noch weiter relativiert werden dürfen, sondern unverrückbar sind und bleiben sollen.

Wie sieht es bei Dir mit dieser „Courage“ aus? Fällt es Dir leicht, Deine Meinung zu sagen, oder bist Du auch ein alter Hasenfuss wie ich? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

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11 Comments

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  1. Ich muss gestehen, dass mir diese Situation nur allzu bekannt vorkommt. Ich vertrage nicht sonderlich viel und sehe auch keinen wirklichen Sinn darin, mich „anzusaufen“ – ja, da wird mal schnell als Spaßbremse hingestellt. Anfangs war das schon ein harter Schlag, vor allem wenn man es von seinen Freunden hört. Ich lass mich zwar manchmal schon noch überreden mitzukommen, allerdings konsumiere ich praktisch keinen Alkohol. Denn dieser ist für mich ein Genussmittel und nicht der Weg zur Besinnungslosigkeit.
    Sicher ist es einfacher nachzugeben, aber ich habe bemerkt, dass es mir nichts bringt, mich zu verbiegen. Sie sind meine Freunde, also sollen sie mich so nehmen wie ich bin.
    Davon abgesehen, dass ich als einziger Bücherwurm sowieso schon „anders“ als der Rest bin 😉

    Liebe Grüße
    Smarty

    • Danke für Dein Feedback – tröstlich, dass es anderen manchmal auch so geht 🙂 Ich bleibe auch lieber dabei, und es kommt auch nicht mehr so oft vor (mag daran liegen, dass ich nicht mehr so oft feiern gehe – die Kondition lässt eben nach…). Aber wie Du schreibst – als Bücherwürmer kennen wir ja das Etikett des verschrobenen Nerds zur Genüge 😉
      Liebe Grüsse
      Claudia

      P.S.: Schönen Blog hast Du – da muss ich öfters reinschauen!

      • Sehr gerne 🙂
        Da hast du allerdings Recht, obwohl es auch irgendwie traurig ist, wie weit Gruppenzwang gehen kann..
        Ich finde, es gibt einfach so viel schönere und bessere Möglichkeiten einen Abend zu verbringen, als in einem verrauchten, stinkigen und sauteuren Club.
        Ein gemütliches Essen daheim, oder vielleicht sogar im Restaurant, ein gemütlicher Filmabend oder einfach nur zusammensitzen und quatschen, ist für mich weitaus verlockender.
        Oh ja, aber in dem Fall sollen sie mir das Etikett bitte alle aufdrücken, ich bin gerne ein Bücherwurm und das lass ich mir von niemandem nehmen 🙂

        Liebe Grüße

        PS: Dankeschön 🙂
        Aber das kann ich nur zurückgeben

      • Ja, der Gruppenzwang kann schon üble Blüten treiben. Ich bin froh, dass ich nicht mehr so abhängig von solcher Anerkennung bin, aber man kommt immer mal wieder in eine entsprechende Situation. Da heisst es dranbleiben 🙂 Ein gemütliches Essen oder einen Filmabend finde ich auch viiiel schöner als das Rumhocken in teuren Bars, wobei sie bei uns ja nicht mehr verraucht sind. Ausserdem habe ich in „jungen Jahren“ mehr als genug Zeit mit „dumm rumsitzen“ verbracht :-).Und den Bücherwurm lasse ich mir auch nicht nehmen – Bücher sind einfach so ein Schatz 🙂 Liebe Grüsse!

      • Leider, muss man sagen.
        Stimmt, aber ich seh’s in meinem Freundeskreis viel zu oft und ab und zu gerät man auch selbst in solch eine Situation, wie du sagst. Auf jeden Fall 🙂
        Bei uns sind sie es eben schon, teuer, verraucht und alleine als Frau ist man nicht mehr als ein Stück Frischfleisch.
        Das sind sie – und noch so vieles mehr 🙂
        Liebe Grüße und einen schönen Abend, mein Buch ruft mich wieder 😉

  2. Ja es ist nicht ganz einfach „eigen“ zu sein. Ich merke das vor allem bei Aktivitäten außerhalb des Freundeskreises. Mit meinen Arbeitskolleginnen verstehe ich mich echt gut aber wenn man wie ich nicht raucht bist du schon mal etwas außen vor. Dann gehe ich in der Regel recht individuell in die Pause statt wie die anderen immer punktgenau zur gleichen Zeit… huh, ganz schlecht. 😉 Da hat man wenig Chancen so richtig Anschluss zu finden.

    Lustig ist auch das Verhalten der Leute im Zug. Wenn ich da zur Arbeit fahre und auf dem Tablett-PC daddle, dann habe ich spätestens an der nächsten Station jemanden neben mir sitzen. Aber wehe ich häkle, dann kann der Zug oft noch so voll sein trauen sich die Leute nicht neben der „komische Tante“ Platz zu nehmen. Ich nehme es gelassen, dann habe ich schon mehr Armfreiheit 😀

    • Danke für Dein Feedback 🙂 – ist ja lustig mit der Häklerei! Immerhin kannst Du so zu den Nadeln greifen, wenn Du keine Lust auf Zuggesellschaf hast 😉 Und das Gruppengefühl der Raucher ist wohl eine Sache für sich! Schöner Avatar übrigens – und was heisst den Asentreu? Liebe Grüsse!

      • Asentreu und Spaß dabei 😀 Du hast es ja schon selbst herausgefunden auf meinem Blog. Ich bin Heidin und opfere den Asen und Vanen. Schon alleine deswegen schwimme ich wohl nicht in der Masse. Wenn ich auch sagen muss, dass man spirituell gesehen da gar nicht so alleine ist wie es auf den ersten Bick scheint.

      • Man lernt jeden Tag was dazu 😉 Wie bist Du denn auf meinen Blog gekommen? Aus meiner Optik sage ich natürlich : „Die Wege des Herrn sind unergründlich“ 😉 Ich kann mir schon vorstellen, dass sich Menschen angezogen fühlen – unsere Welt bietet ja oft nicht so viel „Sinn“, und ich stelle mir vor, dass das Opfern einem das Gefühl gibt, etwas im Griff zu haben (wenn ich x mache, passiert y). Mir ist natürlich mein Vertrauen in meinen Gott lieber 😉

  3. Nun, ich suche eigentlich immer nach sinnvollen Blogs mit denen ich etwas anfangen kann und die sympatisch bei mir ankommen. Dabei ist es mir reichlich egal aus welcher spirituellen Ecke jemand kommt. Interessante Leute die der Aufmerksamkeit wert sind gibt es überall, genau wie es überall Deppen gibt.

    Na vergleiche das heidnische Opfer doch mal großzügig mit den christichen Feiern in der Kirche. Damit will man ja auch etwas erreichen. Und wenn es nur ein klitzekleines Stück Aufmerksamkeit derer bzw. dessen ist, die/den man damit Ehren will.

    Rituale machen Sinn. Sie geben Halt und Sicherheit. Sie gliedern das Leben in menschlich überschaubare und vertraute Handlungen. Dabei spreche ich nicht nur von religiösen/spirituellen Ritualen sondern auch von den vielen Alltagsritualen die einem in Fleisch und Blut übergegangen sind. Ich mache jeden Morgen nach dem Aufstehen ein wenig Yoga. Wenn ich zu knapp dran bin und muss das ausfallen lassen fehlt mir echt was. Oder wenn ich auf meinen Zug warte, gibt es auf der Gegenseite eine besondere Baumgruppe, an die ich oft in Gedanken einen kleinen Morgengruß an die heilige Mutter Natur richte. Kleinigkeiten, gewiss. Mir helfen sie Achtsam durchs Leben zu gehen.

    • Da sagst Du etwas Wahres – es gibt wirklich überall alle Sorten Leute 🙂 Ich freue mich auch immer, wenn ich wieder einen neuen Blog finde und Menschen, mit denen es sich gut austauschen lässt! Und Rituale sind mir auch wichtig, um mich auf den Tag auszurichten. Sie sind dann am wichtigsten, wenn ich glaube, am wenigsten Zeit dafür zu haben 🙂

      Ich finde auch kirchliche Rituale ok; bei uns sehe ich da z.B. die Zeit des Worship. Das ist für mich eine Zeit, um mich auszurichten, Gott zu begegnen, und den ganzen Alltagskram hinter mir zu lassen. Ich glaube auch, dass sich Gott daran freut, aber gleichzeitig ist es schön zu wissen, dass ich auch kommen kann, wenn ich mal nullkommanichts zu geben habe, weil ich einfach nur leer bin.

      Natur ist für mich auch ein riesiges „Reservoir“ – wer wie Du sagst achtsam durchs Leben geht und diese Schönheit wahrnimmt, sieht seine Kämpfe aus einer anderen Perspektive und erlebt die schöpferische Kraft. Ich gehe gern spazieren, rede dabei mit mir selbst und Gott – meistens hörbar, aber ich weiss ja schon, dass ich ein schräger Vogel bin 🙂

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