Benis Perle 3„Die Fähigkeit, das Leid um des Guten, um der Wahrheit und der Gerechtigkeit willen anzunehmen, ist unverzichtbar und bestimmt das Maß der Menschlichkeit. Wenn mein Wohlbefinden, mein Unverletztbleiben wichtiger ist als Wahrheit und Gerechtigkeit, dann gilt die Herrschaft des Stärkeren; dann dominiert die Gewalt und die Lüge. Die Wahrheit, die Gerechtigkeit muss über meiner Bequemlichkeit und meiner physischen Unversehrtheit stehen, sonst wird mein Leben selber zur Lüge.“

Kürzlich bin ich beim Lesen eines Posts über dieses Zitat gestolpert. Im Original ist es noch etwas umständlicher formuliert; es stammt von einem sehr belesenen und intellektuell brillanten, aber eher trockenen Gelehrten. Die Zeilen sind ein Ausschnitt aus §38 der Enzyklika „Spe salvi“ von Benedikt XVI., und sie haben mich zum Nachdenken gebracht.

Im ersten Augenblick habe ich nicht gesehen, was das alles mit mir tun hat. Wann muss ich in unseren verwöhnten Breitengraden schon um meine physische Unversehrtheit fürchten, wenn ich für Gerechtigkeit einstehe? Wann muss ich Leiden in Kauf nehmen? Beim näheren Betrachten ist mir aber aufgegangen, dass sich auch abstrakte Begriffe wie Unversehrtheit, Wohlbefinden, Wahrheit und Gerechtigkeit auf mein Alltagsleben herunterbrechen lassen.

Ich habe auch schon Situationen erlebt, in denen ich mich entscheiden musste, ob ich mein eigenes Wohl oder einen ethischen Wert höher gewichten will, und leider handle ich nicht immer so couragiert, wie ich es mir wünschen würde. Wenn ich realisiere, dass eine konsequente Handlung mich in eine unbequeme Lage bringen könnte, finde ich manchmal rasch einen Grund dafür, gerade jetzt nichts zu tun. Ich bringe Ausreden wie „Es würde ja doch nichts ändern“ oder verschiebe es auf später à la „Vielleicht kann man das mal in einem ruhigen Augenblick ansprechen“ – und mache nichts.

Das liegt zum einen an meiner leider noch nicht ganz überwundenen Gefallsucht und Konfliktangst – ein Teil von mir möchte immer noch, dass alle mit mir zufrieden sind und krümmt sich innerlich beim Gedanken, dass jemand meine Aktionen oder Worte missbilligt. Zum anderen ist mir klar, dass es in den wenigsten Fällen eine absolute Wahrheit gibt und dass mein Eindruck falsch sein kann. Was mich stört, ist für andere völlig in Ordnung. Und was ich normal finde, kann jemand anderen in den Wahnsinn treiben.

Ob ich es doch wage, hängt oft davon ab, was für Reaktionen ich erwarten kann. Wenn ich spüre, dass mein Feedback willkommen ist, werde ich es eher wagen, meine Meinung zu sagen. Wenn ich hingegen auf einen vorsichtigen Versuch hin eine abwehrende Reaktion erhalte, gebe ich erst einmal Ruhe, und je länger die unbefriedigende Situation anhält, desto eher laufe ich Gefahr, zu resignieren und mich zurückzuziehen. Auch wenn es nutzlos ist, bedauere ich heute Situationen, in denen ich zu lange gezögert habe, weil ich Angst hatte, jemanden zu verletzen, mich unbeliebt zu machen oder eine Beziehung aufs Spiel zu setzen. Genützt hat mein Zögern nämlich auch in dieser Hinsicht nichts.

Was nicht ist, kann noch werden, und auch wenn die Menschheit aus der Geschichte wenig bis nichts lernt, will ich mich damit persönlich nicht zufrieden geben. Ich will mein Wohlbefinden, in diesem Fall das Bad in konfliktfreien Gewässern und ohne Gegenwind, nicht höher werten als das Einstehen für das, was ich richtig und gerecht finde, auch wenn ich weiß, dass ich selbst nicht immer den absoluten Durchblick habe. Am Ende bleibt uns nichts anderes, als nach Abwägung verschiedener Sichtweisen zu entscheiden, wie wir eine Sache beurteilen, und danach zu handeln.

Wenn wir das tun, riskieren wir etwas. Vielleicht entstehen erst einmal negative Gefühle, vielleicht werden wir ausgelacht, angeklagt oder abseits gestellt. Aber wir stählen unsere Muskeln der Zivilcourage, denn unsere kleinen Entscheidungen im Alltag formen uns für größere Herausforderungen und bestimmen mit, wie wir uns verhalten werden, wenn einmal eine schwierigere Aufgabe vor uns liegt.

Wie wollen wir in unserem friedlichen Land sonst lernen, für etwas einzustehen? Wo wollen wir üben, aus unserer Komfortzone herauszukommen und böse Blicke und Verurteilungen auszuhalten, wenn nicht in bescheidenen Alltagssituationen, wo es vermeintlich „nicht so wichtig ist“?

Bei allem Wissen darum, dass Wahrheit, Gerechtigkeit und das Gute Begriffe sind, die von allen Seiten in Anspruch genommen werden und sich in einer Konfliktsituation nicht immer klar zuweisen lassen, will ich mich nicht hinter dieser Relativierung verstecken. Ich will darauf vertrauen, dass mich mein Urteilsvermögen nicht täuscht, und neben den Fakten weiterhin meinem im Rückblick recht treffsicheren Bauchgefühl vertrauen, das mir sagt, wenn etwas faul ist.

Inmitten dieser Grübeleien ist mir das Sprichwort in den Sinn gekommen, das unter anderem den Chinesen, dem Talmud  und Ghandi zugeschrieben wird (soviel zu verschiedenen Sichtweisen):

Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden zu Worten.
Achte auf Deine Worte, denn sie werden zu Handlungen.
Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden zu Gewohnheiten.
Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.

Ich will die Gedanken, die ich hier in Worten ausgedrückt habe, in Handlungen umsetzen. Dann können sie zu Gewohnheiten werden und meinen Charakter formen, der mein Schicksal mitbestimmt.

Was bedeutet für Dich „Zivilcourage“? Fällt es Dir leicht, für etwas einzustehen? Wo findest Du es am schwierigsten: in der Öffentlichkeit, Zuhause oder unter Freunden? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

 

Scheener Tag 4Gestern habe ich wie so oft über einem grüblerischen, ernsten Post zu einem inspirierenden und herausfordernden Zitat gesessen. Ich wollte es heute noch etwas weniger besserwisserisch gestalten und Euch servieren, aber dann bin ich in die Stadt gelaufen, um auf dem Markt einzukaufen – und habe mich anders entschieden. Ich sage einfach danke.

 

Für einen schönen Tag.

Scheener Tag 6Für meine Schwiegereltern, die mit mir den Garten in Form gebracht haben. Immer nehmen sie sich Zeit und arbeiten unermüdlich, nehmen Anteil an unserem Leben und lassen uns an ihrem und dem der Familie teilhaben. Es tut gut, zusammen Zeit zu verbringen.

 

 

Für geniales Wetter und eine Blütenpracht, die das Auge und das Herz freut, manchmal aufleben und manchmal ruhig werden lässt.

Scheener Tag 1

scheener Tag 2 links

Scheener Tag 5

 

 

 

 

 

Für alles, was mir immer wieder geschenkt wird – Gesundheit, Freundschaft, Liebe. Und vieles mehr.

Das nächste grüblerisch-ansatzweise-besserwisserische Post kommt sicher auch bald. Aber heute will ich mit „Spider Murphy Gang“ sagen: „So a scheener Tog!“.

Ein schöner, ein wunderbarer Tag. Und mit einem kleinen Extra wäre es der Tag der Superlative.

20140620_205454Hopp Schwitz – you can do this!

Schaut Ihr auch etwas Fussi – oder wendet Ihr Euch gerade mit Grausen ab? Und freut Euch lieber am schönen Garten? In jedem Fall: geniesst das Wochenende, und auch Euch ein danke – schön, dass Ihr immer wieder mit mir auf Reisen geht!

 

 

Sommer 3Nach diesem Pfingstwochenende mit Höchsttemperaturen schwelge ich immer noch im Sommerhoch. Auch heute Morgen sind die Temperaturen schon wunderbar – wunderbar, wenn man so was mag. Hiermit oute ich mich als Fan von 25+ und liefere sechs Topgründe für meine Zugehörigkeit zu „Some like it hot!“:

 

Endlich sockenlos!
Ich gehöre zu den besonders kälteanfälligen Leuten, die erst ab 25 Grad Strümpfe und Socken zuhause lassen. Und während ich die Strumpfhosen, die ich ab September trage, dezent unter den Hosen verstecken kann, kommen bei Socken und Söckchen um 20 Grad manche Leute schon auf die Idee, ich sei  nicht ganz zurechnungsfähig. Wenn das Thermometer 25 Grad überschreitet, wirke ich endlich wieder wie ein normaler Mensch.

Melodischer Weckruf!
Die Vögel kommen schon im Frühling zurück, aber da ist es mir oft zu kalt, um das Schlafzimmerfenster offen zu lassen (siehe oben). Darum ist der Sommer auch die Zeit, in der ich um sechs Uhr die Vögel zwitschern (manchmal auch die Krähen streiten) höre, und es gibt keinen schöneren Klang, um den Tag zu beginnen.

Sommer 1Dolce far niente!
Wenn es dann so richtig heiß wird, kann man endlich mal ohne schlechtes Gewissen nichts tun. Bei Temperaturen ab 30 Grad ist Gartenarbeit ein medizinisches Risiko, und so legt man sich am besten in einen Liegestuhl, liest und döst vor sich hin und wähnt sich in den Ferien in südlichen Gefilden. Einfach schön!

Gesünder essen!
Im Winter fröstelt es mich beim Anblick eines Salatkopfs, aber jetzt esse ich gern welchen. Während ich sonst kein großer Fruchtesser bin, liebe ich alle heimischen Beeren und kann jetzt aus dem vollen schöpfen. Ich trinke mehr Wasser und fühle mich einfach wohler.

Die Menschheit lebt!
Bei diesen Temperaturen bersten die Freibäder, an den Flüssen versammeln sich Familien zum Bräteln, und die Außenplätze von Restaurants sind rappelvoll. Menschen lachen und schwatzen, trinken was Kühles und spielen Volleyball. Plötzlich wird das Bild vom Menschen, der nur sein eigenes Wohl sucht und sich abkapselt, aufgeweicht. Ich sehe, dass Menschen eben doch andere Menschen suchen und finden und brauchen – und dass sie sich in der Natur heimisch fühlen.

Dem Paradies so nah…!
Und wie fast alles Schöne hat auch dieses Wetter für mich eine „geistliche“ Komponente. Mir kommt es vor, als ab wir Menschen bei diesen Temperaturen näher an uns selbst und an der Schöpfung wären. Wenn ich die Leute auf ihren Rädern lachend der Aare langfahren oder unter einem Baum liegend das Nichtstun genießen sehe, erinnert mich das an den Garten Eden. Das wünscht sich Gott für sein Volk – dass sie bei ihm zuhause sind, sich wohl fühlen und in seiner Gegenwart wie in der Sonne baden – mit der Ausnahme, dass unsere Seele für das Genießen seiner Gegenwart keinen Schutzfaktor braucht. Mehr geht immer!

Und weil es zu diesem Sommerfeeling auch einen Sommersong braucht: hier mein ultimativer und ewiger liebster Sommer-Song von Spider Murphy Gang!

Was sind Eure Sommer-Highlights? Oder sind Euch diese Temperaturen eher ein Graus? Ich freue mich auf Euren Kommentar!

??????????Mein Post über „Needful Things“ beschäftigt mich immer noch. Das liegt unter anderem daran, dass ich das Buch erst gerade ausgelesen habe und es eine Menge neuer Gedankenfunken ausgelöst hat. Vor allem hat es mich daran erinnert, was mich am Fach Geschichte fasziniert: nicht das Auswendiglernen von Daten, sondern das Verständnis dafür, dass aktuelle Situationen auf früheren Ereignissen und Entwicklungen beruhen.

Anfang August ist es 100 Jahre her, dass sich der lokale Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien zu einem Kontinentalkrieg und später zum Ersten Weltkrieg ausdehnte, und heute feiern wir 70 Jahre „D-Day“ – den Tag, an dem die Alliierten in der Normandie landeten und der die Wende im Zweiten Weltkrieg markiert. Diese Großereignisse lassen sich kaum anhand einer einzigen Ursache erklären, aber die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hilft uns, besser zu verstehen, was auf anderen Kontinenten, fernen Ländern oder in unserem eigenen Land und Leben vor sich geht.

Quelle: Staatsarchiv LuzernHeute kann sich zum Beispiel niemand mehr vorstellen, dass auf unserem Boden vor weniger als 200 Jahren ein innerschweizerischer bewaffneter Konflikt entbrannte. Die katholisch dominierten, föderalistisch geprägten Kantone schlossen sich gegen die protestantisch und zentralistisch eingestellte Mehrheit zusammen, was schließlich zum Bürgerkrieg führte.

                                                                                           Quelle: Staatsarchiv Luzern

Dank der klugen Kriegsführung von General Dufour starben im kurzen Sonderbundskrieg weniger als 200 Menschen – ein Punkt, der im Ausland sicher ein amüsiertes Lächeln auslöst: ach, und DAS nennt Ihr Krieg? Dennoch war unser Land davor und danach tief gespalten. Die Katholiken waren über 40 Jahre von der Regierung ausgeschlossen. Die Jesuiten wurden aus der Schweiz ausgewiesen, und der Jesuitenartikel, der den Orden in der Schweiz verbot, war bis 1973 Bestandteil unserer Verfassung. Noch in der Generation meiner Eltern wurde eine Heirat zwischen Katholiken und Protestanten nicht gern gesehen.

Wir können uns das heute nur noch schwer vorstellen – dabei sind wir selbst ein Produkt unserer Vergangenheit, und mit ein bisschen Nachdenken und „In-uns-gehen“ können wir oft herausfinden, wo die Ursachen unseres Verhaltens, unserer Vorlieben, unserer Fähigkeiten und Gewohnheiten verwurzelt sind. Ich gehe zum Beispiel gern spazieren und kann in der Natur, in der Weite, der Stille und der frischen Luft gut auftanken. Und ich erinnere mich an meine Kindheit mit Wochenendbräteln am Waldrand und Wanderferien im Berner Oberland. Als Teenager fanden wir diese Art Ferien nicht mehr so prickelnd, aber sie haben den Grundstein dafür gelegt, dass wir heute die Natur und die Bewegung im Freien so schätzen.

Natürlich trägt jeder Mensch auch an Erinnerungen und Erlebnissen, die Narben und oft eine innere Wachsamkeit hinterlassen haben. Wie eine Katze, die sich das Fell angesengt hat, oder ein Hund, der getreten worden ist, machen wir um bestimmte Situationen oder Charaktere einen weiten Bogen – manchmal ohne zu wissen, warum.

Ich habe noch immer Verhaltensweisen an mir, die ich mir nicht ganz erklären kann, erlebe Momente, „wo’s mer eifach tuet“, wo ich meine Reaktionen nicht kontrollieren kann. Und ich möchte erfahren, was dem zugrunde liegt. Das unkomplizierte Verhältnis, das heute zwischen Schweizer Katholiken und Protestanten herrscht, beweist mir, dass sich auch tiefe Gräben auffüllen und Verletzungen heilen lassen – sowohl im Gedächtnis eines Staates als auch im Hirn und Herz eines einzelnen.

Wir sind keine Sklaven unserer Vergangenheit. Wir können uns gegen unsere eigenen Verformungen stemmen, und wenn wir mit Gott in Beziehung stehen, können wir Verletzungen und Schmerz immer wieder bei ihm abgeben. Und wir schaden uns selbst, wenn wir unsere Vergangenheit als Schutzschild und Ausrede verwenden, um in unseren Verkrümmungen zu verharren und allen anderen die Schuld zu geben. Wir sind es uns selbst und anderen schuldig, uns nach innerer Freiheit auszustrecken.

Manchmal brauchen wir für so einen Prozess externe Hilfe. Aber egal, wie schwer unsere Last ist: Gott ist grösser als unsere Verletzungen. Er ist in der Lage, die härtesten Verkrustungen aufzubrechen, dass wundeste Herz zu heilen – wenn wir es wollen, wenn wir Geduld haben und wenn wir uns ihm immer wieder hinhalten.

Der D-Day symbolisiert die Wende im Zweiten Weltkrieg. Wenn ich mir bewusst werde, dass ich noch Befreiung brauche, und mich innerlich aufmache, um diese Befreiung zu erleben, kann auch ich den D-Day feiern.