Warum HG nicht immer für Handgranate steht

Glühbirne Pix kleinIch weiß noch genau, wann ich das „Heilige Kribbeln“ zum ersten Mal gespürt habe.

Es war vor neun Jahren an einem Freitag Ende Oktober. Einen Monat zuvor war meine Beziehung zerbrochen, und ich fühlte mich wie in der Twilight-Zone – gefangen in einer diffusen Welt, in der ich vor mich hin stolperte wie ein einsamer Wanderer in der Wüste. Ich saß im Büro und sah mir kurz die Gottesdienstinformationen der Vineyard Bern an, als ich die Anzeige für deren Jüngerschaftstraining entdeckte.

Bildquelle: Pixabay

Es hatte mich schon vor einigen Monaten gereizt, das Training zu besuchen. Da ich meinen Partner aber fast nur am Wochenende sah und der Kurs jeden Monat eines dieser Wochenenden beansprucht hätte, ließ ich es sein. Jetzt sah ich die Informationen auf dem Bildschirm und hatte plötzlich das verrückte Gefühl, dass ich da unbedingt hingehen sollte. Doch die Sache hatte einen Haken: der Anmeldetermin war seit drei Wochen abgelaufen, und starten würde das ganze am 29. Oktober.

Also morgen.

Wer mich kennt, weiß, dass es Dinge gibt, die ich unter normalen Umständen niemals tun würde. Mich drei Wochen nach Ablauf einer Frist irgendwo zu melden und zu fragen, ob ich nicht auch noch dabei sein könnte, gehört definitiv dazu – nicht zu reden von „einen Tag vor Kursbeginn“.

Aber die Sache ließ mich nicht los. Ich musste es wenigstens versuchen, selbst wenn ich mich damit lächerlich machte – schließlich konnten sie nur nein sagen. Ich schrieb also eine Mail und tigerte den Rest des Nachmittags im Büro herum, versuchte zu arbeiten und meine Hoffnungen gleichzeitig niedrig zu halten. Die Stunden vergingen, und nichts passierte. Ich war nicht enttäuscht – eigentlich war es klar gewesen. Wenigstens hatte ich es versucht.

Dann klingelte mein Telefon.

Am Apparat war Jeannette von Moos, die Mitorganisatorin des „Desert Training“, wie der Kurs passenderweise hieß. Sie fragte mich, ob ich bereit wäre, heute noch zu einem kurzen Gespräch vorbeizukommen, damit sie mich kennenlernen konnte. Natürlich sagte ich ja, worauf sie in einer Selbstverständlichkeit antwortete: „Dann gehen wir mal davon aus, dass Du dabei bist. Schick mir doch bitte ein Foto…“

Da passierte es, unspektakulär und gleichzeitig überwältigend. Mein Kopf war voller Sterne, und eine tiefe Freude breitete sich in mir aus – ich wusste, dass es „richtig“ war.

Das war es dann auch. Unser Gespräch verlief gut, und am Samstag brach ich nach Rüegsegg ins Startwochenende auf. In den neun Monaten „Desert Training“ habe ich viel über den Glauben und über mich selbst gelernt. Jeannie wurde zu einer guten Freundin, mit der ich mich immer wieder gern treffe, bei einem Mittagessen das Neueste austausche und staune, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man sich viel zu erzählen hat.

Seit damals habe ich das Heilige Kribbeln mehrmals gespürt – ein untrügliches Zeichen, dass etwas gut und wichtig und, im Christenjargon ausgedrückt, „dran“ ist. Es kommt nicht im Dutzend vor – ich frage Gott ja auch nicht, ob heute zum Abendessen Spaghetti Napoli oder Bolognese „dran“ sind. Aber es war zuverlässig da, wenn ich eine wegweisende Entscheidung traf.

Als Christin deute ich dieses Kribbeln als Reden des Heiligen Geistes. Es unterscheidet sich für mich von der Intuition, die aufgrund ihrer Auswertung von Fakten und Wahrnehmungen schlussfolgert, wie sich Entscheidungen auf die Zukunft auswirken könnten und mir ein entsprechendes Gefühl vermittelt. Ich schätze sie auch sehr und verlasse mich oft auf sie, aber der Heilige Geist liefert manchmal Hinweise, die sich nicht wirklich zurückverfolgen lassen und die darum umso wertvoller sind.

Diese Hinweise können auch negativer Art sein und mir mitteilen, dass eine Entscheidung in die falsche Richtung führt. Dann spüre ich meistens ein diffuses Unwohlsein, manchmal gerade dann, wenn weder aus sachlicher, noch aus persönlicher oder glaubenstechnischer Sicht etwas dagegen spricht.

Leider neigen wir dazu, die negativen Hinweise zu ignorieren. Wie oft habe ich im Nachhinein festgestellt, dass ich eigentlich gewusst hätte, was zu tun ist – aber ich hatte nicht den Mut dazu, weil es keinen handfesten Grund gab, mich gegen etwas zu entscheiden, oder weil es unpopulär gewesen wäre. Diese Entscheidungen ließen sich meist irgendwann korrigieren, aber es wäre einfacher und weniger schmerzhaft gewesen, wenn ich gleich auf die Stimme gehört hätte.

Ich wünsche mir, dass ich hier noch hellhöriger werde – egal, ob mir die Stimme mit einem heiligen Kribbeln oder mit einem diffusen Unwohlsein den Weg weisen will, und vor allem dann, wenn die Stimme nicht mit dem übereinstimmt, was Pragmatismus und rationales Denken mir mitteilen, denen ich als ausgesprochener Kopfmensch meistens den Vorzug gebe. Ich will mir die Situationen, in denen ich auf sie gehört habe, immer wieder in Erinnerung rufen – als Ermutigung, es das nächste Mal wieder zu tun, und als Ansporn, im Zweifelsfall gleich das erste Mal das Richtige zu wählen.

Kennst Du dieses „Reden“ auch, und in welchen Situationen erlebst Du es? Hast Du auch Erfahrungen mit beiden „Arten“ gemacht, und wie haben sich Deine Entscheidungen ausgewirkt? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

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6 Comments

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  1. Hallo Claudia, Ich habe dieses Kribbeln wie du es beschreibst noch nicht empfunden….Manchmal ist es jedoch so, dass wenn ich bete über irgendwas plötzlich eine Antwort in mir parat habe…aber manchmal ist mein Gedanke noch nicht einmal zu Ende gedacht, da bekomm ich plötzlich schon die Antwort. Wie oft hab ich schon „wow“ gedacht in solchen Momenten. Dann denke ich, dass dies der Heilige Geist ist. Ich denke der HG ist kein Faktor der mit großen Gedöns in unseren Alltag rein marschiert….er ist ganz leise wie der Wind (und nein ich rede hier nicht vom Sturm 🙂 ) um es mal poetisch auszudrücken.

    Aber ich hab für mich herausgefunden, dass mein innerer Friede der Gradmesser für alles ist und auch die Basis meiner Entscheidung bildet. Wenn sich der innere Friede bei irgendwas einstellt, dann weiß ich dass es ok ist. Vorher gebe ich nirgendwo mein persönliches JA. Stellt sich diese auch von dir genannte Unruhe bei mir mein gepaart mit einem Unwohlsein, dann weiß ich es ist nicht gut für mich. Diese Sache mit dem inneren Frieden hat so ähnlich auch mal Bayless Conley in einer seiner Predigten erwähnt und damals hab ich mich darin wieder erkannt.

    All dieses Gedöns, welches in manchen Gemeinden beschrieben wird wenn vom HG die Rede ist kommt mir ehrlich gesagt sehr unnatürlich vor. Das jedoch ist mein persönliches Empfinden…

    Ach ja ein persönliches Beispiel vielleicht noch: ich wollte 2001 in die USA fliegen und ich hab hin und her gedacht und nachgedacht und geplant usw aber ich konnte keine finale Entscheidung treffen. Eigentlich wollte ich nach NY und keine Ahnung wie weiter, aber ich konnte mich nicht entscheiden. Ich hatte einfach keinen inneren Frieden. Also hab ich mich dann kurzum umentschieden und bin in den Osten Kanadas geflogen – mit dieser Entscheidung war der innere Friede plötzlich da. Mein HInflug war am 9. September 2001…hinterher wusste ich weshalb der innere Friede sich partout nicht einstellen wollte.

    Aktuell habe ich wieder so ein Themenkoloss in meinem Kopf und der innere Friede steht noch aus…mal sehen wie es weitergeht….

    • Vielen Dank für Dein Feedback; ich finde es sehr spannend, wie wir alle das individuell erleben! Bei mir ist es ja auch nicht so spektakulär, sondern eher fein und leise. „Innerer Friede“ ist ein wichtiges Stichwort, das für mich auch passt. Dann wünsche ich Dir Deinen Themenkoloss viel Führung und dass der Friede bald kommt!

  2. Er hat sich eingestellt…. Schreiben hilft sich zu sortieren! Danke für deinen Beitrag… es ist gut so und ich brauche das scheinbar perfekte nicht wirklich 🙂 Du hast mich heute inspiriert und mir weitergeholfen…danke dir!

  3. Liebe Claudia, der Abschnitt “ Leider neigen wir dazu die negativen Hinweise zu ignorieren……..“ kann ich sehr gut unterschreiben. Ich habe es mehrmals am eigenen Leibe erfahren wie es ist, wenn man zögert etwas zu entscheiden oder wenn es unpopulär ist. Ich brauche dann einen heftigen Tritt in den Hintern von oben bis ich dann merke wie unwohl ich mich fühle und wie es in mir schon lange brodelt. Es korrigiert sich dann irgendeinmal von selber – aber meistens auf eine Weise, die mir nicht gefällt und die ich nicht so wollte. Jedes Mal denke ich, dass ich das nächste Mal anders handeln werde und mein Unwohlsein bemerken und akzeptieren will . Klar, ich habe auch schon gelernt und mache Einiges anders. Trotzdem war ich letztes Jahr dankbar für den Tritt in den Hintern. Leider ist die Geschichte unschön ausgegangen – aber inzwischen bin ich so froh und erleichtert und spüre auch leise den „inneren Frieden“.
    Dir liebe Claudia eine frohe Adventszeit! 😉

    • Liebe Siwi, vielen Dank für Deine Gedanken – ja, mit den negativen Hinweisen haben wir es wirklich schwerer 🙂 Es freut mich, dass der Friede im Herz bei Dir wieder etwas eingekehrt ist! Auch Dir eine schöne und besinnliche Adventszeit 😉

Deine Gedanken und Erfahrungen interessieren mich - ich freue mich über Deinen Kommentar!

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