Kommunikation – Glückskeks mit unbekanntem Inhalt

woman-82288_1280 kleinerKürzlich habe ich auf Facebook ein berührendes Video entdeckt. Es porträtiert einen tauben 15jährigen Jungen aus Uganda, der die Zeichensprache erlernt und dadurch erstmals mit anderen Menschen kommunizieren kann.

Bildquelle: Pixabay

 

Die Verwandlung eines „Incommunicado“

Am Anfang sitzt Patrick apathisch und mit abwesendem Blick zuhause. Die einzige Art, auf die sein Vater mit ihm kommuniziert, ist ein Handzeichen, wenn Patrick mit der Heugabel auf dem Feld arbeiten soll. Sonst sitzt er herum und nimmt an nichts Anteil. Wie sollte er auch? Er ist, wie Stephen King Nick Andros im Buch „Das letzte Gefecht“ beschreibt, „incommunicado“: er kann sich nicht mitteilen.

Dann besucht Patrick seine erste Lektion in Zeichensprache. Der Lehrer zeigt der Klasse Bilder von Tieren und gibt jedem ein Zeichen. Die Dinge erhalten einen Namen, und die Welt um Patrick erhält Sinn und Bedeutung. Am Ende der Lektion erhält Patrick einen besonderen Namen, den er mit seinen Klassenkameraden teilt.

Während Patrick die Bilder betrachtet und die Namen der Dinge „hört“, verwandelt er sich auf ergreifende und berührende Art. Sein Gesicht, erst staunend, dann voller Verständnis, beginnt zu leuchten und zu strahlen, als er begreift, dass jemand zu ihm spricht und er ihn verstehen kann.

Wenn ich die Ergriffenheit und Freude auf Patricks Gesicht sehe, wird mir bewusst, was für ein Geschenk es ist, dass wir mit der Welt um uns herum in Verbindung treten können – und wie einsam und verloren man sich fühlen muss, wenn man diese Möglichkeit nicht hat.

Der Schmerz, nicht verstanden zu werden

Wir können uns nicht vorstellen, wie es in dieser Welt des „incommunicado“ aussieht. Es ist eine Welt, in der die Dinge keine Namen haben, weil niemand sie uns sagt. Eine Welt, in der wir uns nicht mitteilen können, weil wir nicht wissen, wie man sich anderen verständlich macht. Wo wir keine Fragen stellen und anderen unsere Gefühle nicht begreiflich machen können, weil wir keine gemeinsame Sprache haben.

Wir können Patricks Elend nicht wirklich nachvollziehen. Trotzdem kennen wir  das Problem.

Wie oft wollten wir jemanden an unserer Freude teilhaben lassen, und unser ganzer Enthusiasmus fiel in sich zusammen, weil unser Gegenüber uns nur verständnislos angesehen und dann ein lauwarmes „ach ja, schön“ von sich gegeben hat? Wie oft wollten wir unseren Schmerz ausdrücken und mussten feststellen, dass unsere Worte nicht wirklich ankamen, weil unser Gegenüber so einen Schmerz vielleicht gar nicht kennt?

Und es tat weh.

Oft stehen wir auch auf der anderen Seite, wenn wir es verpassen, auf andere einzugehen. Vielleicht hat uns ein Freund etwas Schönes erzählt, und wir haben nur einen witzigen Spruch gemacht, anstatt uns richtig mit ihm zu freuen. Oder wir haben uns den Schmerz eines Menschen angehört und lauter weise Ratschläge formuliert, anstatt den anderen einfach zu umarmen.

„Wir sind alle total verschieden!“

Wer schuld am Missverständnis ist, lässt sich nicht so einfach beantworten. Oft sind wir einfach verschieden gestrickt: ein anderer, der uns sein Problem schildert, wünscht sich wirklich eine praktische Antwort und würde irritiert zurückzucken, wenn wir ihn in den Arm nehmen wollten. Für den einen ist „coole Sache“ eine vollständig akzeptable Reaktion auf eine Freudenbotschaft, während ein anderer mindestens einen Luftsprung von einem halben Meter und einen Indianertanz erwartet.

Ich gehöre zu den reservierteren Naturen, und meine persönliche Rettung ist oft das geschriebene Wort – eine Eigenschaft, die ich sowohl mit meinem Vater als auch mit meiner Schwester teile (obwohl Schwester etwas emotionaler geprägt ist). Im persönlichen Umgang sind wir alle eher zurückhaltend, und wenn wir sicher sein wollen, dass jemand den vollen Gehalt unserer Wertschätzung und Freude erfasst, greifen wir zum Stift oder zur Tastatur.

Das hilft, aber es ist nicht immer die beste Lösung. Wenn etwas im Argen liegt, können geschriebene Worte den Schaden vervielfachen, weil das Gegenüber oft nur das wahrnimmt, was es sowieso schon denkt. Ich kenne das, weil ich selbst ein Meister in der Kunst des paranoiden Hineinlesens bin. „Wie könnte xy diesen banalen Satz auch noch gemeint haben, wenn ich dazu Vorfall und Aussage a, b und c nehme und versuche, daraus einen Sinn zu basteln?“ In Konfliktsituationen ist es besser, sich Auge in Auge gegenüberzustehen und sich das, was man loswerden will, ins Gesicht zu sagen.

Geteilte Verantwortung

Ich glaube, die Verantwortung bei der Kommunikation tragen Sender und Empfänger zu gleichen Teilen, was uns gleichzeitig entlastet und verpflichtet. Wenn ich will, dass andere mich verstehen, muss ich mich auf sie einstellen. Ich spreche oder schreibe selten zum ganzen Globus, sondern zu einer ausgesuchten Gruppe oder einer einzelnen Person. Wenn ich berücksichtige, was ich über eine Gruppe oder einen Menschen weiß, kann ich mich eher so auszudrücken, dass ich verstanden werde. Wenn jemand ellenlange Monologe nicht schätzt, kann ich ihm das, was mir wichtig ist, in etwas kürzerer Form mitteilen. Wenn mein Gegenüber emotionaler ist als ich, wird er meinen Schmerz nicht verstehen, wenn ich ihn zu trocken rüberbringe. Das habe ich im übrigen vom Lektor meines Buchs gelernt: ich hatte einige schmerzhafte Stationen meines Lebens in meiner üblichen sachlichen Art beschrieben und wurde angehalten, meine Gefühle etwas direkter zum Ausdruck zu bringen, damit sie auch bei den Lesern ankommen.

Irgendwo hört aber sowohl unsere Verantwortung als auch unsere Macht auf. Wir können nicht mehr tun, als zu versuchen, auf unser Gegenüber einzugehen und Worte zu wählen, die er oder sie verstehen kann. Was er oder sie dann am Ende daraus macht, liegt nicht mehr in unserer Hand. Und das gilt auch umgekehrt: wenn jemand uns etwas mitteilt, das uns auf 180 bringt, können wir, bevor wir eine wutentbrannte Replik formulieren, vom Grundsatz des Wohlwollens ausgehen und überlegen, ob es vielleicht gar nicht „so“ gemeint war. Wir können uns fragen, wie dieser Mensch normalerweise kommuniziert, oder wir können zurückfragen, was er uns wirklich sagen will.

Mit Patricks Geschichte im Kopf will ich es nicht mehr als selbstverständlich ansehen, dass ich mich anderen mitteilen kann, dass ich gehört und verstanden werde. Und ich will das meinige tun, um Menschen in meinem Umfeld den Schmerz zu ersparen, wenn sie das Gefühl haben, mich nicht zu erreichen oder sich mir nicht verständlich machen zu können.

Wie geht es Dir so mit der Kommunikation? Kennst Du das Gefühl, wenn Du Dich fragst, ob Du vielleicht eine unbekannte Sprache sprichst, weil Dein Gegenüber Dich verständnislos ansieht? Oder hast Du mehr Mühe, die kryptische Sprache anderer zu entziffern? Ich freue mich auf Deinen Kommentar – und daran, dass wir miteinander kommunizieren können!

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