BrockenLetzten Sonntag begann unser Pastor seine Predigt mit diesen Worten: „Eigentlich habe ich das Folgende für mich geschrieben – aber ihr dürft gern zuhören, wenn ihr wollt.“ Ich fand seinen Einstieg originell, und auch die Predigt hat mich berührt, ermutigt und herausgefordert. Vor allem hat sie mich daran erinnert, dass wir anderen oft am meisten geben, wenn wir sie an unseren Kämpfen teilhaben lassen.

Eine Woche zuvor habe ich selbst predigen dürfen. Genau wie mein Pastor habe ich eigentlich für mich gesprochen, als ich die immer wieder aktuelle Frage stellte, wie wir es schaffen sollen, das Richtige zu tun und das Falsche zu lassen.

Eines meiner Aha-Erlebnisse in der Predigtvorbereitung war, dass wir diese Frage nicht zum Zentrum unseres Christenlebens machen sollten – sonst hätte Christus nicht sterben müssen. Ziel seines Todes am Kreuz und Berufung jedes Menschenlebens ist Gemeinschaft und Beziehung mit Gott und nicht die Erfüllung eines Regelwerkes. Und – dies war das zweite Aha-Erlebnis – die Qualität unserer Gottesbeziehung beeinflusst unter anderem, wie wir mit den alltäglichen und weniger alltäglichen Herausforderungen in unserem Leben umgehen. In unserem Verhalten offenbart sich unser Vertrauen in Gott.

Bis vor kurzem hätte ich die Frage, ob ich Gott vertraue, mit einem herzhaften und etwas selbstgefälligen JA in Großbuchstaben beantwortet. Ich hatte keine Probleme außer den harmlosen Scharmützeln, die man mit wenig Aufwand ausfechten und abhaken kann. Doch dann tauchte ein großes, fettes Dilemma von der Sorte „Schläfer“ auf, das offenbar seit Jahren im Untergrund seine Zeit abgewartet hatte.

So selbstgefällig, wie ich zu sein pflegte, hat es sich vor mich hingepflanzt und tut, was es kann, um mir die Sicht auf alles andere zu versperren. Es frisst meine Energie, nährt meine Zweifel an Gottes Versorgung und untergräbt mein Vertrauen, dass ihm alles möglich ist. Und es zwingt mich, mir die Frage zu stellen, ob ich dieses Vertrauen jemals hatte.

Sollte Gottvertrauen sich nicht gerade dann erweisen, wenn es menschlich gesehen keine Lösung gibt? Sind wir nicht gerade in unmöglichen Situationen gefordert, seine Verheißungen in Anspruch zu nehmen und darauf zu vertrauen, dass er Wunder tut? Oder manche Wünsche, so nachvollziehbar und verständlich sie sein mögen, niederzulegen und sterben zu lassen, voller Vertrauen, dass Gott in das Tote neues Leben einhauchen wird?

(Eine kleine Nebenbemerkung an die Wohlwollenden unter Euch, die glauben, dass ich zu hart mit mir bin und aus einem Kieselstein den Fels von Gibraltar mache: glaubt mir – ich kann unterscheiden. Und auch wenn Ihr nicht glaubt, dass es in meinem Leben einen solchen Brocken geben kann, gibt es ihn doch – und er ist wirklich mächtig fett.)

Im Umgang mit dem fetten Brocken auf unserem Weg haben wir verschiedene Möglichkeiten. Wir können beten, dass er sich hinweghebt. Wir können uns davor hinsetzen und weinen, wir können darüber klettern. Und wir können versuchen, darum herum zu gehen. Und nicht alle Strategien sind empfehlenswert.

Beten ist immer gut – es bedeutet, Gott zu vertrauen und seine Verheißungen in Anspruch zu nehmen. Hinsetzen und Weinen ist eine Mischung aus auf-Gott-harren und abgeben, aus loslassen und vertrauen, dass Gott etwas Neues macht. Darübersteigen ist der Versuch, das Problem aus eigener, menschlicher Kraft zu bewältigen, was gerade bei den Brocken der fetten Art für sich allein oft nicht funktioniert. Und darum-herum-gehen ist der Versuch und die Versuchung, den guten Weg zu verlassen, dem Brocken auszuweichen und zu hoffen, dass es dahinter einfach weitergeht.

Im Moment oszilliere ich zwischen verschiedenen Strategien. Manchmal sitze ich vor dem Brocken und weine, manchmal bete ich um das Wunder. Und manchmal, so schwer es ist, das zuzugeben, verlasse ich meinen Pfad und gehe ansatzweise um den Brocken herum, um zu schauen, ob das nicht auch funktionieren kann.

Das einzige, was ich nicht tue, ist klettern, und das liegt daran, dass ich in mein menschliches Vermögen in diesem besonderen Fall noch weniger Vertrauen habe als in Gottes Kraft. Und obwohl ich mich frage, ob ich zu wenig eigenes Bemühen investiere, tröstet mich der Gedanke, dass ich Gott trotz meiner Zweifel immer noch mehr zutraue als mir und den Umständen. Ich erlebe jeden Tag, dass er mich tröstet und herausfordert, meine Sicht verändert und in mir die Hoffnung am Leben erhält, dass es eine Lösung gibt – auch wenn ich sie im Moment nicht sehen kann.

Was ist Gottvertrauen also letztlich? Bedeutet es, jeden Moment auf Kurs zu bleiben in der Gewissheit, dass Gott alles hinbekommt? Das ist sicher das Modell, nach dem ich mich ausrichten will. Für mich, die es manchmal nicht lassen kann, es vermeintlich besser zu wissen, heißt es, ihm zu vertrauen, dass er mich auch dann nicht allein lässt, wenn ich wieder einmal versuche, um den Brocken herumzugehen. Dass er mich führt und zu mir spricht, wenn ich mal nicht hören will. Dass er mich niemals loslässt und mein Herz verändert, weil ich es ihm trotz allem immer wieder hinhalte.

Dieses Hinhalten ist einer der Schlüssel in unserer Beziehung zu Gott. Wenn wir mit etwas kämpfen, uns hilflos, unfähig und schlecht fühlen, ist es mit das Schlimmste, wenn wir uns auch noch vor Gott verkriechen und uns von seiner liebenden Gegenwart und Veränderungskraft abtrennen.

Gott hat mich in einem anderen Kampf vor längerem von der Angst befreit, auch in desaströsem Zustand zu ihm zu kommen, und diese Angst ist nie zurückgekehrt. Das macht es mir möglich, mich selbst ohne rosa Brille und mitsamt allen Abgründen ehrlich zu betrachten. Und solange ich dazu den Mut habe, bin ich bereit für Veränderung, Heilung und Wiederherstellung. Auch wenn sich nicht jedes Problem allein dadurch lösen lässt, dass ich mich verändere, helfen mir diese Gedanken:

Ich kann zu Gott kommen, wie ich bin.
Ungekämmt und ungewaschen, chaotisch, zweifelnd, aufgewühlt.
Und werde angenommen.

Und genau deshalb ertrage ich meinen Anblick auch dann, wenn ich
ungekämmt, ungewaschen, chaotisch, zweifelnd und aufgewühlt bin.
Und kann mich verändern lassen.

Gott kennt unser Herz. Er weiß, wie wir es meinen. Wir können und müssen ihm nichts vormachen. Wir können und sollen seine Gegenwart suchen und die Beziehung zu ihm vertiefen. Und genau aus dieser Beziehung wächst letztlich das Vertrauen, das uns hilft, mit den Brocken in unserem Leben mit seiner Hilfe fertig zu werden.

Wie hast Du es mit dem Gottvertrauen? Was machst Du mit den Brocken, wenn sie sich Dir in den Weg stellen? Erkennst Du Dich in den Strategien wieder? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

SechselaeutenAm vergangenen Montag fand in Zürich das traditionelle „Sechseläuten“ mit seinem Zug der Zünfte und der „Böögg“-Verbrennung statt. Dabei wissen die wenigsten, die den Anlass besuchen und die prächtigen Bilder in sich aufnehmen, dass auf diesem Platz vor 70 Jahren Kartoffeln geerntet wurden. Verantwortlich dafür war ein Mann aus Bern, dem ich dieses heutige Post über Persönlichkeiten des Zweiten Weltkriegs widmen möchte.

Die Schweiz hatte vor dem Krieg rund die Hälfte ihrer Nahrungsmittel importiert, und im Fall eines Embargos der Achsenmächte hätte ihr eine Lebensmittelknappheit gedroht. Deshalb brachte Friedrich Traugott Wahlen, Chef der Abteilung für landwirtschaftliche Produktion und Hauswirtschaft im Eidgenössischen Kriegsernährungsamt, am 15. November 1940 in einem Vortrag ohne Wissen seiner Vorgesetzten seinen seit 1935 vorbereiteten Anbauplan vor eine breitere Öffentlichkeit.

Anbauschlacht 1Sein Plan wurde in weiten Kreisen der Bevölkerung positiv aufgenommen und überzeugte schließlich auch die erst widerstrebenden Führungskräfte in Staat und Wirtschaft. In den kommenden Jahren wurden auf großen Höhen Nahrungsmittel angepflanzt; ungenutzte Flächen wie öffentliche Parks, Sportplätze, aber auch der Sechseläuten- und der Bundesplatz wurden in Ackerland umgewandelt. So gelang es, die Anbaufläche von 183’000 bis 1945 auf 352’000 Hektaren auszuweiten und den Selbstversorgungsgrad von 52% auf 59% zu erhöhen.

Doch der Nutzen der Anbauschlacht ging weit darüber hinaus: Die Unterordnung aller unter ein gemeinsames Ziel förderte die gesellschaftliche Integration, und die Anbauschlacht wurde zum Symbol für die Volksgemeinschaft, den Widerstandswillen und die Selbstbehauptung der Schweiz.

Mit seinem Vorpreschen an die Öffentlichkeit hatte Friedrich T. Wahlen einiges riskiert, aber es hatte sich gelohnt. Und es sollte nicht der letzte große Dienst sein, den er seinem Land erweisen konnte: Nach dem Tod von Bundesrat Markus Feldmann 1958 wurde Wahlen dank seiner im Krieg erlangten Popularität in den Bundesrat gewählt, obwohl er seine Karriere größtenteils in Ausland gemacht hatte.

Nach seinem Agronomiestudium in Zürich war Wahlen in Deutschland, England, den Niederlanden sowie 1923-29 in Kanada tätig. Nach einer längeren Tätigkeit in der Schweiz führte ihn seine Aufgabe als Direktor der Abteilung für Landwirtschaft der „Food and Agricultural Organization“ (FAO) ab 1949 zuerst nach Washington und 1951 nach Rom. 1950-52 war er bei der FAO als Chef des technischen Programms tätig und amtierte 1958-59 als Vizedirektor.

Seine Berufung zurück in die Schweiz kam zwar unerwartet, aber doch nicht ganz unverhofft. Bereits 1950 hatte er in einem Brief während eines Flugs von Rom nach New York geschrieben:

„Der Abflug von Zürich war unvergleichlich schön. Ich habe die Schweiz noch nie bei so schönem Wetter nachts überflogen. Was für ein Lichterkranz um den Zürichsee! Und dann hörte es gar nicht auf. Man sieht erst bei Nacht, wie dicht die Schweiz besiedelt ist. Der kleinste Weiler schickt ein paar Lichtlein zum Himmel. Man denkt sich, wie jedes dieser Lichter ein Bauernhaus, eine Scheiterbeige oder einen Hanslibirenbaum beleuchtet. Ich dachte, ich müsse doch noch einmal eine Mission im Schweizerland haben, früher oder später. Aber vielleicht sind das nur Träume.“

Wie er dann in der Rückschau schrieb, wurden seine Träume zur Wirklichkeit –

„und zwar zu einer sehr verantwortungsvollen Wirklichkeit. Aber was könnte mehr Befriedigung bieten als ernst genommene Verantwortung im Dienste einer geliebten Heimat!“

Ich bin auf Wahlen im Rahmen meiner Arbeit als wissenschaftliche Assistentin gestoßen, und je mehr ich über diesen Mann gelesen habe, desto grösser wurde meine Achtung und Bewunderung für ihn. Er war ein geradliniger, humorvoller, tiefsinniger und doch bodenständiger und – was mich natürlich nicht wundert – ein zutiefst gläubiger Mann. Als Sohn eines Lehrer und Predigers der Evangelischen Gemeinschaft schöpfte er aus seinem Glauben an Gott viel Kraft, und seine Schriften und Tagebucheinträge spiegeln eindrücklich, wie nahe und natürlich für ihn die Beschäftigung mit Gott war. So schrieb er in einer Notiz zum Spiel der Wolken, das er aus dem Flugzeug bewunderte:

„Ob wohl der Schöpfer all diese schönen Formen und Farbeffekte voraussah, als er ans Werk ging? Und ob er wohl vorausplante, dass sich die Menschen daran freuen sollten? Ich denke schon; darum hat er ja unser Leben auch lang genug bemessen. In den zehn oder weniger Jahren, die vielen andern Lebewesen beschieden sind, sähe man wenig.“

Sein Glaube floss auch in seine Beziehungen und in seine Arbeit ein. Er war einer der Bundesräte, die sich in ihrer Antrittsrede vor dem Parlament auf Gott beriefen, und einer seiner engsten Freunde, der 2009 verstorbene Schweizer Journalist und Schriftsteller Alfred A. Häsler, lässt in einem seiner Bücher eine Erinnerung aufleben, die den Schalk, die Lebensfreude und die natürliche Frömmigkeit dieses Mannes demonstrieren:

„Wahlens und wir genossen auf der Terrasse in S. Abbondio am 7. Oktober 1975 einzigartige Wolkengebilde, bei einem Boccalino Nostrano. Auf einmal sagte Fritz Wahlen: ‚Wäre das jetzt Blasphemie, wenn wir auf den lieben Gott anstoßen würden, weil er das so schön gemacht hat?‘ Darauf standen wir auf und stießen auf den lieben Gott an. Es war eine beinahe feierliche Stimmung.'“

Friedrich_Traugott_WahlenFriedrich Traugott (sic!) Wahlen ist für mich ein Vorbild dafür, wie ich als Christ in der Welt leben will – tief verwurzelt im Glauben, aber nahbar, voller Ehrfurcht für meinen Schöpfer und Sehnsucht nach seinem Reich, aber voller Dankbarkeit und Freude an dem, was er mir hier auf Erden schenkt.

Den Kopf im Himmel, die Füße auf der Erde
und das Herz bei den Menschen.

Und meine Hoffnung und Zuversicht gründend auf den lebendigen Gott – oder wie Wahlen selbst es am Schluss seiner Rede „Hochkonjunktur und Menschenwürde“ vor der Neuen Helvetischen Gesellschaft am 23. September 1956 ausgedrückt hat:

„Wenden wir den Blick nur auf die Menschen, dann erscheint die Lage aussichtslos (…) Die einzige Zuversicht, die Bestand haben kann, stammt aus dem Glauben, dass Gott lebt.“

Quellen: Wikipedia, Artikel „Plan Wahlen“, Historisches Lexikon der Schweiz, Artikel „Anbauschlacht“ und „Wahlen, Friedrich T.“, Friedrich T. Wahlen, „Erinnerungen“, „Dem Gewissen verpflichtet“ (hrsg. A. Häsler), Alfred A. Häsler, „Briefwechsel“. Bilder: Wikipedia, Schweizerische Eidgenossenschaft.

Am 8. Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 70. Mal, und am gleichen Tag erscheint der historische Jugendroman „Gefährliche Zettel – Vom Jungen zum Mann im Dritten Reich“ von Lee Strauss, den ich ins Deutsche übersetzen durfte. Als Auftakt zu dieser Veröffentlichung stelle ich auf meiner Website in einigen Posts Menschen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs vor, zu denen ich einen besonderen Bezug habe oder die mich beeindruckt haben. Ich nutze die Gelegenheit, um auch hier auf dem Blog meine „History Nerd“ Seite ein bisschen durchsickern zu lassen.

london-700859_1280Den Anfang macht der Theologe Dietrich Bonhoeffer, dessen Einatz für Gott und die Menschen genau heute vor 70 Jahren am Galgen endete. Er büßte damit für seine mutige Kritik am Naziregime, seine Tätigkeit im Widerstand und seine Beteiligung am gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944.

Bonhoeffer wächst in einer gutbürgerlichen Familie auf, die seinen Wunsch, Theologie zu studieren, überrascht aufnimmt, ihn aber in seinen Plänen unterstützt. Nach seinem Studium beginnt er eine Lehrtätigkeit, ist aber auch einer der ersten Theologen, die sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten kritisch äußern.

Er wird einer der entschiedensten Vertreter der Bekennenden Kirche Deutschlands. 1936 wird ihm die Lehrberechtigung entzogen. Ende der Dreissigerjahre nimmt er Kontakt zum Widerstand auf, 1940 erhält er Redeverbot und 1941 Schreibverbot. Am 5. April 1943 wird er wegen „Wehrkraftzersetzung“ festgenommen, und einige Monate nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 kann ihm die Beteiligung an diesen Plänen nachgewiesen werden. Als einer der letzten Beteiligten an diesem Anschlag wird er am 5. April 1945 zum Tod durch Erhängen verurteilt.

Ich habe große Ehrfurcht und Respekt vor diesem Mann und frage mich oft, wie schwer ihm die Entscheidung gefallen sein muss, sich an einem Attentat zu beteiligen. Ist der Mord an einem einzelnen Menschen gerechtfertigt, wenn dadurch Millionen gerettet werden können? Bonhoeffer hat diese Frage für sich nach langem Ringen mit Ja beantwortet. Er war bereit, für seine Überzeugung zu sterben und hat es schließlich auch getan.

Dennoch orienterte er sich niemals nur am Jenseits. Wie sein Biograf Ferdinand Schlingensiepen es in einem Bericht der „Welt am Sonntag“ ausdrückte, hat Bonhoeffer mit Leidenschaft gefordert, dass wir unser Leben auf Erden keinesfalls mit Gedanken an den Himmel verträumen. Wir sollen bereit sein für die Ewigkeit, aber auch offen für alle Schönheiten dieser Erde und bereit für die Aufgaben, die uns hier gestellt sind.

Bonhoeffer ist für mich ein wunderbares Vorbild eines Menschen, der Denken, Glauben und Handeln in Einklang brachte. Er hat der Welt tiefgründige Bücher über die christliche Nachfolge, aber auch viele poetische Texte und Zitate hinterlassen. Ein Text, der als sein persönliches Glaubensbekenntnis bezeichnet wird, berührt mich besonders:

„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, das Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“

In der Morgendämmerung des 9. April 1945 wurde Bonhoeffer zum Tod durch Erhängen geführt. Die zur Hinrichtung Bestimmten mussten sich völlig entkleiden und nackt zum Galgen gehen. Der Lagerarzt beobachtete die Szene und berichtete 1955 schriftlich darüber: Bonhoeffer, den er damals nicht gekannt habe, habe ruhig und gesammelt gewirkt, sich von allen Mithäftlingen verabschiedet, an der Richtstätte ein kurzes Gebet gesprochen, sei gefasst zum Galgen gegangen und in wenigen Sekunden gestorben.

Vielen Menschen ist Bonhoeffer vor allem mit einem seiner letzten Gedichte in Erinnerung geblieben. Er schrieb es am 19. Dezember 1944 aus dem Konzentrationslager an seine Verlobte, und es wurde in verschiedensten Versionen vertont. „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ ist bis heute ein Leuchtfeuer und Trostspender, der  inmitten der Verzweiflung tiefstes Vertrauen in einen Gott ausstrahlt, den wir niemals ganz begreifen werden.

Ich beschließe dieses Post in Erinnerung an den großen Mann und Jünger Jesu mit einigen Strophen des Gedichts und einer Version dieses Liedes, die ich am 14. März diesen Jahres begleitet von einem befreundeten Pianisten eingesungen habe.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
Erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
Noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach, Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen
Das Heil, für das du uns bereitet hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
Des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
So nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
Aus deiner guten und geliebten Hand.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
So lass uns hören jenen vollen Klang
Der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
All deiner Kinder hohen Lobgesang.