Worte wie Sterne in einer Welt des Grauens

Sahara_Crash_-1935-_copyright_free_in_Egypt_3634_StEx_1_-croppedIn drei Tagen jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Dass dieses Jubiläum ansteht, kann man zurzeit nicht übersehen: Wenn man den Fernseher anmacht, laufen auf allen Kanälen Sendungen über das Dritte Reich und den Krieg. Vergangenen Sonntag habe ich in die „Bilanz“-Serie über Hitler hineingeschaltet, und die Originalaufnahmen von Tod und Verwüstung, Gewalt und unsäglicher Grausamkeit haben mich tief getroffen.

 

 

Obwohl es seit diesen Grausamkeiten immer wieder zu Völkermorden gekommen ist, gelten die Verbrechen am jüdischen Volk und an anderen Minderheiten während des Dritten Reiches immer noch als düstere Spitze des unfassbar Bösen, und noch heute lassen sie uns mit einem Gefühl der Ohnmacht, des Horrors und einer ratlosen Ungläubigkeit zurück.

Wie kann sich der einzelne dermaßen aufhetzen lassen, dass er seinen Mitmenschen so etwas antut oder tatenlos dabei zusieht? Wir wissen es nicht, und wenn wir uns heute umsehen, finden wir genug Beispiele rund um den Globus, die die gleichen Fragen aufwerfen und uns erneut verzweifeln lassen.

Dennoch denke ich heute daran, dass auch in diesen dunklen Zeiten Blumen der Menschlichkeit blühen durften. Ich denke an den Industriellen Oskar Schindler, der viele Juden vor der Deportation gerettet hat, oder an den St. Galler Polizisten Paul Grüninger, der durch die Vordatierung ihrer Einreisevisa mehreren hundert Juden und anderen Flüchtlingen die Einreise in die Schweiz ermöglichte. So wurde auch damals das Böse immer wieder mit Gutem überwunden.

Der Pilot und Schriftsteller Antoine de St. Exupéry, der vor allem durch seine Fabel vom „Kleinen Prinzen“ berühmt wurde, hat auch viele seiner Kriegserlebnisse in Worte gefasst und sich Gedanken über die Welt, die Menschen, die Liebe und Gott gemacht. In seinem Werk „Terre des hommes“, das Anfang 1939 erschien, traf er unheimlich genau den Nerv der Zeit und blickte in die kommende düstere Zukunft:

„Wir alle fühlen mehr oder minder deutlich eine Sehnsucht nach der wirklichen Geburt. Aber uns drohen trügerische Lösungen. Man kann die Menschen ja auch aufwecken, indem man sie in Uniformen steckt. Dann singen sie ihre Kampflieder und teilen ihr Brot als Kameraden miteinander. Dann meinen sie gefunden zu haben, was wir suchen, das Allverbindende. Aber an dem Brot, das man ihnen bietet, müssen sie sterben.“

Im gleichen Werk verbindet er den Menschen und sein Schicksal mit dem seines Nächsten und schreibt:

„Menschsein heißt verantwortlich sein. Scham empfinden beim Anblick einer Not, auch wenn man augenscheinlich nicht schuld an ihr ist. Stolz sein auf den Erfolg, den die Kameraden errungen haben. Das Gefühl haben, dass der Stein, den man setzt, mitwirkt am Bau der Welt.“

Mir begegnet in St. Exupérys Texten sein Glaube, sein Wissen um die Vergänglichkeit des Materiellen und seine tiefe Überzeugung, dass der Mensch nur in seiner Verbindung zu anderen Menschen seine Bestimmung erfüllt. Und vielleicht ist dieser letzte Punkt der Schlüssel, mit dem das Leid in unserer Welt bekämpft werden kann.

Ideologien wie das Nazitum schaffen es immer wieder, dem Fremden, dem „anderen“, das menschliche Gesicht zu entreißen und ihn zu einem Tier oder gar einer Sache zu degradieren. Und wenn ich den anderen erst einmal nicht mehr als Mitmenschen, sondern als Tier oder als Sache sehe, interessiert mich sein Schicksal nicht mehr. Jedes Mitgefühl stirbt und weicht Gleichgültigkeit oder Hass .

Doch was schon John Donne in seinem Gedicht „Niemand ist eine Insel“ geschrieben hat, gilt: wir Menschen sind miteinander verbunden, und das Leid des anderen ist auch mein Leid. Wenn wir uns das bewusster machen und den Bruder im anderen sehen, wird uns auch sein Wohl mehr am Herzen liegen, wird sein Leid uns bewegen, und wir werden danach handeln.

Dafür müssen wir nicht alle nach Afrika reisen, um Brunnen zu bauen – es gibt in unserem Umfeld genug Menschen, denen ein freundlicher Blick, ein Wort oder eine Hilfestellung wieder zeigen würden, dass sie nicht allein sind. Und je mehr wir den anderen als Mitmenschen sehen, desto immuner sind wir gegen Hassideologien und Versuche, andere zu einer Sache zu machen.

Ich bin keineswegs der geborene Menschenfreund und Kümmerer – ich bin eigenbrötlerisch veranlagt und drehe  mich oft um meine eigene Achse. Aber wenn ich mich an die dunklen Tage vor 70 Jahren erinnere, will ich es mir zum Ziel machen, in jedem Menschen – egal, woher er kommt oder wie viel wir gemeinsam haben – den Bruder und die Schwester zu sehen, dessen Schicksal mich nicht kalt lassen darf.

Und ich erinnere mich daran, dass auch für St. Exupéry diese Verbindung zwischen den Menschen ihren Ursprung in Gott hatte.

„Jahrhundertelang hat meine Kultur durch die Menschen hindurch Gott betrachtet. Der Mensch war nach dem Ebenbild Gottes geschaffen. Man achtete Gott im Menschen. Die Menschen waren Brüder in Gott. Dieser Abglanz Gottes verlieh jedem Menschen eine unveräusserliche Würde. Die Beziehungen des Menschen zu Gott begründeten ganz klar die Pflichten eines jeden gegenüber sich selbst und dem Nächsten (…) Die innere Schau Gottes machte die Menschen gleich, weil gleich in Gott…Gleichheit ist nur noch ein sinnloses Wort, wenn nichts vorhanden ist, worin sich diese Gleichheit knüpfen lässt.“
(Pilote de guerre).

Eigentlich wollte ich das 100. Blogpost für eine besondere Ankündigung verwenden, aber diese Gedanken haben sich dazwischen geschoben. Daher verschiebe ich meine News auf den nächsten Beitrag. Ihr dürft gespannt sein…!

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