AbstimmungMeine erste Wahlerinnerung ist der Esszimmertisch, an dem wir Wahlzettel falteten und in Couverts verpackten, wenn sich unser Vater für die Gemeinde-, Kantonsrats- und einmal für die Nationalratswahlen bewarb. Während die Packerei vor allem wegen des kleinen Zustupfs ans Taschengeld interessant war, versprach der Wahlsonntagsnachmittag im Kreise der Partei eine Menge Drama und Spannung.

In Grenchen versammelten sich die Sozialdemokraten früher im ehemaligen „Volkshaus“ und damaligen Restaurant Touring, um in einer Mischung aus Hoffnung und Aufregung auf die Wahlresultate zu warten. An den Wänden hing Papier, auf dem die Namen der Kandidaten und die derzeit bekannte Stimmenzahl standen. Regelmäßig rief jemand im Stadthaus an, um zu erfahren, was es Neues gab. War die letzte Stimme dann ausgezählt und das Endresultat bekannt, wurde entweder gejohlt oder gejammert, und im Anschluss machten die Parteiverantwortlichen den Kondolenz- oder Gratulationsbesuch bei den anderen Parteien.

An diesen Erinnerungen lässt sich unschwer erkennen, dass ich in einem hochpolitischen Haushalt aufgewachsen und als Tochter zweier feuriger Sozialdemokraten im doppelten Sinn politisch „sozialisiert“ wurde. Den Höhepunkt dieser Identifikation stellt ein Aufsatz dar, den ich an der Kantonsschule schrieb und der den Titel trug: „Warum ich die SP gut finde“. Ich bekam dafür die Höchstnote, bin mir aber bis heute nicht sicher, ob es an meiner schlüssigen Argumentation oder an den allfälligen roten Sympathien meines Deutschlehrers lag.

Folgerichtig trat ich mit zwanzig der Partei bei und erhielt, wie es damals üblich war, ein Parteibüchlein in rot mit aufgedruckter Rose in geballter Faust. Ein letztes Resultat meiner roten Jugend ist zudem mein Vulgo in der Studentenverbindung: nach einem entsprechenden Einstiegsbeitrag meinerseits taufte man mich „Prawda“, Name einer damaligen Moskauer Zeitung und offizielles Sprachrohr der Sowjetführung.

Das ist nun beinahe 25 Jahre her, und seitdem haben sich die Gewichte bei mir etwas verschoben. Ich kann mich immer noch mit vielen Anliegen der SP identifizieren, bin aber kein Parteimitglied mehr und habe auch kein Bedürfnis, mich einer anderen Partei anzuschließen. Da ich die Begabung und Freude an der Politik nicht geerbt zu haben scheine, ist das auch nicht unbedingt notwendig.

Heute suche ich mir meine Kandidaten eher nach der Übereinstimmung in sachpolitischen Fragen aus, was mit Smartvote wunderbar geht. Man muss für das Ausfüllen etwas Zeit aufwenden, bekommt dafür aber eine Liste mit den am besten passenden Parteien und Kandidaten. Bei meiner etwas ungewöhnlichen Weltanschauungsmischung komme ich bei den besten Treffern immerhin noch auf 58% Übereinstimmung.

Obwohl das Wahlmaterial noch nicht eingetroffen ist, nähern wir uns dem Höhepunkt des diesjährigen Wahlkampfs und damit dem Moment, wo einem das Ganze bei aller Freude an der Demokratie langsam auf die Nerven geht. Die hoffnungsvollen Kandidaten, die auf jedem Acker und von jeder Straßenlampe auf einen herunter lächlen und alle regionalen Anlässe bevölkern, die Dauerpräsenz des Themas in den Zeitungen und die ans Idiotische grenzenden Wahlfilmchen strapazieren unsere Geduld. Und egal, wen man wählt, scheint sich in unserer behäbigen schweizerischen Konkordanz nur im Zeitlupentempo etwas zu verändern. Manchmal beschleicht einem das Gefühl, dass am Ende sowieso alles beim Alten bleibt und man sich die Mühe auch sparen könnte.

Auch mir geht es zwischendurch so, und ich gebe zu, dass ich auch schon mal eine Wahl verpasst habe. Dennoch: Je älter ich werde, desto mehr entwickle ich mich zur glühenden Anhängerin einer konsequenten Ausübung unseres Stimm- und Wahlrechts. Sicher hat meine ursprüngliche politische Sozialisierung damit zu tun, zu der auch der sonntägliche Gang ins Wahlbüro mit den Eltern gehörte. Ein weiterer Punkt mag sein, dass mein früherer Pastor einmal sagte, Nichtwählen sei eine Sünde (was er sicher nicht ganz ernst gemeint hat). Vor allem aber finde ich, dass wir ein verdammtes Glück haben und das gefälligst wahrnehmen sollten.

Die Wahlen mögen manchmal nicht viel ändern, und auch Politiker sind nur Menschen mit Schwächen und Fehlern. Aber wir KÖNNEN wählen, und das frei und ohne Bedrohung. Das war selbst in unserem Land nicht immer selbstverständlich. Bei den kantonalen Abstimmungen zur Verfassungsrevision von 1848 hat schon mal ein Luzerner Kommandant entschieden, welche seiner Soldaten Urlaub bekamen und welche nicht (die Liberalen bekamen ihn, die Konservativen nicht), und beim Auszählen im selben Kanton wurden die Nichtstimmenden zu den Ja-Stimmen geschlagen. Vor Abstimmungslokalen kam es zu Bedrohungen gegenüber Konservativen und zu Schlägereien. Von dem, was heute im Rest der Welt an Unterdrückung, Mauscheleien und Betrug abgeht, wollen wir gar nicht reden.

Wahlabstinenz mag keine Sünde sein, aber wer die Möglichkeit hat und nicht hingeht – das meine bescheidene Ansicht – sollte danach bitteschön aufs Maul hocken. In dieser Hinsicht überlege ich mir die Lancierung einer „Maulkorbinitiative“: Wer in diesem Land stimm- und wahlberechtigt ist und nicht wählen geht, verliert für vier Jahre jedes Recht, sich mündlich oder schriftlich zu beschweren. Zuwiderhandlungen werden mit gemeinnütziger Arbeit, im Wiederholungsfall mit einem verordneten Fernsehmarathon aus „Arena“, „Schawinski“ und Wahlfilmchen der SVP bestraft. Wer seine Pflicht tut, darf hingegen, wie es sich gehört, schon am Abstimmungssonntag lauthals feiern oder jammern und dann vier Jahre lang lamentieren, was alles nicht so läuft, wie es sollte. Das allein sollte doch jeden professionellen Stänkerer an die Urne treiben!

Spaß beiseite: Es wäre wirklich wünschenswert, wenn sich wieder mehr Schweizer dazu bewegen ließen, den Weg an die Urne anzutreten. Unter all den Kandidaten hat es sicher genug, die ein aufrichtiges Interesse am Wohl des Landes haben und unter diesem Wohl etwas ähnliches verstehen wie Du oder ich. So sollte jeder und jede in der Lage sein, ein paar Kandidaten zu finden, die er mit Überzeugung auf seinen Zettel schreiben kann.

Warum nicht gleich heute bei Smartvote vorbeischauen, die Fragen beantworten und schauen, wen das Orakel ausspuckt? Ich habe es getan und mich gefreut, dass mein Cousin Matthias Meier-Moreno, der für die CVP in den Ring steigt, es auf Platz drei in meiner Auswahl geschafft hat. Nun habe ich neben dem familiären auch noch einen pragmatischen Grund, den politischen Fackelträger unserer Familie zu wählen und ihm hier – so parteiisch will ich sein – von Herzen Erfolg zu wünschen.

Also Leute, ab an die Urnen – und heute in einem Monat treffen wir uns dann zum ersten hochoffiziellen Jammern, Frohlocken, Leiden und Johlen. Ich freue mich!

Nicht nur an die Schweizer: Wie schaut es aus? Geht Ihr immer an die Urne, selten oder nie? Und warum? Ich freue mich auf Euren Kommentar!

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Füsse SprungWer sein Christsein öffentlich und leidenschaftlich lebt, muss mit bestimmten Reaktionen rechnen. In Diskussionen wird man schnell auf all das hingewiesen, was Christen so auf dem Kerbholz haben, und sind die Verbrechen früherer Zeiten abgehandelt, geht es genüsslich weiter mit der Erwähnung derjenigen berühmten Mitchristen, die gerade aus unappetitlichenGründen die Schlagzeilen dominieren. Damit kann ich leben. Allerdings beschäftigt mich das zugrunde liegende Prinzip, wenn ich es auf die persönliche Ebene herunterbreche.

Von hundert Leuten liest einer die Bibel, und neunundneunzig lesen den Christen – so hat es ein Erweckungsprediger einmal ausgedrückt, und das spiegeln auch die obigen Erfahrungen. Was wir tun und lassen, wird von anderen registriert und dem Christentum zum Wohl oder Wehe angerechnet.

Was die Furcht vor Meinung und Urteil der Menschen betrifft, habe ich zum Glück festgestellt, dass ich mit fortschreitendem Alter immer unempfindlicher dafür werde. Dennoch beschäftigen mich meine tönernen Füße, und meistens genau dann, wenn ich gefordert bin, mich noch mehr für meinen Glauben zu exponieren. Dann höre ich die Stimme, die Du vielleicht auch schon gehört hast. „Wieso willst ausgerechnet DU mit Deinem [man setze die Schwäche oder das Fehlverhalten ein, das einem am meisten beschämt] anderen erzählen, wie Dein Glaube Dich verändert und befreit hat?“

Wie gehe ich damit um, dass mein Grad an Heiligkeit für andere über die Tauglichkeit des Christentums entscheidet, wo ich doch genau weiß, dass ich trotz aller Bemühungen nie genügen kann?

Mich ermutigt der Gedanke, dass Gott seit jeher normale, fehlbare Menschen für sein Reich eingesetzt hat, die keineswegs immer zur geistlichen Elite gehörten. Als David zum nächsten König bestimmt wurde, war er der Kleinste seiner Familie und hütete Schafe. Einige der Jünger Jesu waren Fischer und vorher sicher nie bei einem Rabbi in der Lehre gewesen. Matthäus war Zöllner und übte damit einen Beruf aus, der einen äußerst schlechten Leumund hatte.

Genauso wenig zeichneten sich die Erwählten durch Fehlerlosigkeit aus: David, Noah und Gideon (um nur drei zu nennen) wirkten Großes für Gott, ließen sich aber auch Ehebruch, Trunkenheit und Feigheit vor dem Feind zuschulden kommen. Und was erfahren wir über das Verhalten der Jünger in Neuen Testament? Hat ihre Erwählung durch Jesus sie so geadelt, dass sie jeden Test bestanden?

Auch sie vollbrachten Großes und scheiterten dennoch immer wieder an sich selbst. Petrus wagte sich zu Jesus aufs Wasser, verlor dann den Mut und ging unter. Er versprach großspurig, für seinen Herrn in den Tod zu gehen, um ihn dann wie alle anderen in der Stunde der Not zu verlassen und zu verleugnen. Die Donnersöhne Johannes und Jakobus stritten sich darum, wer im Reich Gottes neben Jesus sitzen dürfe, und der später berufene Paulus sah es vor seiner Bekehrung in Damaskus als seine Lebensaufgabe an, die Jünger Jesu zu verfolgen und zu vernichten. Er blieb ein streitbarer Geist, obwohl er die meisten Briefe des Neuen Testaments schrieb und trotz seiner Pharisäervergangenheit zu den Nichtjuden geschickt wurde.

Gott beruft nicht die Fähigen – er befähigt die, die er beruft. Und er beruft nicht nur die starken, abgeklärten spirituellen Lehrer in seinen Dienst, sondern mehrheitlich normale, bedürftige Menschen mit Schwächen, die sich von ihm gebrauchen lassen, daran reifen und deren Lebensfrüchte für sich und vor allem für ihn sprechen. Das befreit auch mich darin, für ihn zu wirken. Gott setzt mich für sich ein, obwohl ich nicht perfekt bin.

Dass ich nicht aus mir heraus vollkommen bin, macht mir zudem klar, dass ich Gott brauche, und lässt keinen Platz für übermäßigen Stolz auf meine eigene Leistung. Gleichzeitig wächst mein Bewusstsein dafür, dass ich nur angedockt an ihn in der Lage bin, meine Aufgabe zu erfüllen. Jesus sagt klar, dass wir Reben an seinem Weinstock sind und nur in Verbindung mit ihm tun können, wozu wir bestimmt sind, und lieben können, wie er geliebt hat. Und das ist es, was andere wahrnehmen.

Menschen spüren, ob wir sie als Trophäen in unserem Bekehrungspalmares sehen oder an ihnen als Menschen interessiert sind, ob wir Ruhm und Ansehen für uns anstreben oder unseren Gott groß machen wollen. Und Menschen werden von Menschen berührt – von Echtheit, von Veränderung, von der Liebe, die ihnen entgegengebracht wird. Unsere Aufgabe, Menschen von der Strahlkraft des Evangeliums zu überzeugen, gelingt am besten, wenn in uns das Resultat der erfahrenen Liebe Gottes durchschimmert – in einem befreiten, liebevollen Auftreten und im Bewusstsein, dass ich weiß, wem ich mein Leben und meine Veränderung verdanke. Nicht mir selbst oder irgendwelchen geistlichen Klimmzügen (auch wenn Wille zur Veränderung und Disziplin wichtig sind), sondern zuerst und vor allem Jesus.

Gott gebraucht uns und nimmt uns in seinen Dienst, wie wir sind: Auf dem Weg, entwicklungsfähig, heilungsbedürftig und mit Schwächen behaftet. Er geht mit uns und hilft uns, seinem Sohn, dem menschlichen Abbild seiner selbst, ähnlicher zu werden.

Mich ermutigt das, immer und überall dazu zu stehen, dass ich ein „Work in Progress“ bin. Ich mache Fehler, manchmal kleine, manchmal auch größere, aber aus jedem gehe ich als Mensch hervor, der etwas dazu gelernt hat. Ich werde mein Leben lang den Status „in Bearbeitung“ tragen, aber das ist in Ordnung. Denn ich lebe in der Hoffnung, dass ich mit jedem Tag, an dem ich mich seiner Führung unterstelle, meinem Herrn ähnlicher werde, und in der Gewissheit, dass ich am Tag meines Todes, endlich „vollendet“, in seine Herrlichkeit eingehe.

Wie geht es Dir mit Deinen Schwächen und Unzulänglichkeiten? Lebst Du gemäß der Devise „frisch, fromm, fröhlich, frei“, oder plagen Dich Gedanken, dass Du nicht genügst? Mach Dir bewusst, dass Deine Fehleistungen der Vergangenheit hinter Dir liegen und auch alles Zukünftige bereits vergeben ist. Das meint nicht „billige Gnade“ oder „machen, was immer ich will“, sondern ein befreites Leben im Bewusstsein, dass Jesus nicht für die in ihren Augen „Gesunden“ gekommen ist, sondern für die Menschen, die wissen, dass sie Gott brauchen.

Und er freut sich, dass Du ihn brauchst – zuallererst, damit Du jeden Tag mit dem Bewusstsein beginnen kannst, dass nichts und niemand Dich von der Liebe Gottes trennen kann.

?Nach sieben Tagen Peak District bin ich wieder im Alltag angekommen. Die Zeit in England war entspannend, friedlich und inspirierend – unter anderem haben wir „Stanage Edge“ erklommen und das „Chatsworth House“ besichtigt, Stammsitz der Dukes of Devonshire und Schauplatz von Mr. Darcys „Pemberley“ in „Pride & Prejudice“ 2005. Der aufregendste und anstrengendste Tag war aber der zweitletzte, und das eher zufälligerweise. Alles begann mit einer harmlosen Wanderung.

 

?Wir hatten uns entschlossen, dem „Ladybower Reservoir“ einen Besuch abzustatten – ein Stauseegebiet mit Wäldern und Hügeln, ideal für einen entspannenden Ausflug. Nach etwa anderthalb Stunden Wanderung durch Wälder und Wiesen oberhalb des Seeufers erreichten wir das Ende des Seearms und machten uns auf der anderen Seite auf den Rückweg. Als ein hölzerner Wegweiser einen Hügel hinaufzeigte, beschlossen wir spontan, ihm zu folgen, weil es spannender schien, als auf dem asphaltierten Weg weiterzuwandern.

20150829_111637An dieser Stelle ein kleiner Exkurs und eine Warnung für Schweizer, die in England wandern wollen: Wo bei uns ein leuchtend gelber Wegweiser auf die Minute genau angibt, wie lange man nach Wengen oder aufs Stockhorn braucht, genügt den Engländern ein hölzernes oder metallenes Schild mit der Aufschrift „Public Footpath“, mit viel Glück ergänzt durch zwei Pfeile und eine vage Ortsangabe.                  SO sehen Wegweiser aus!

20150822_142430Aber genug der Tirade: Wir ließen Stausee, Wiesen und Wälder immer weiter unter uns. Es war heiß, und wir gerieten ins Keuchen. Als der Weg sich vom See abwandte, wurden wir unsicher, beschlossen aber weiterzugehen. Die mit Steinen, Schafen und pinken Heidekrautbüschen gesprenkelten Hügel waren verwunschen und malerisch, die Stille und Weite wunderbar.

Dennoch wurden wir nach einiger Zeit durstig und müde. Wir hatten nicht für eine so lange Wanderung eingepackt, und unser Trinkwasservorrat neigte sich dem Ende zu. Außerdem führte der Weg auf einen Hügelkamm, den wir uns nicht mehr antun wollten, und es sah nicht so aus, als ob es eine Alternative gab. Aber es konnte ja nicht so schwierig sein, etwas abzukürzen – oder?

Wir riskierten es, verließen den breiten Trampelpfad und stürzten uns in die Heidekrautbüsche. Doch das war anstrengender als gedacht: Unter den struppigen Büschen verbarg sich unebener Boden, und wir mussten die Beine bei jedem Schritt anheben, als ob wir durch kniehohen Schnee stapfen würden. Ab und zu sprang unerwartet ein verschrecktes Schaf blökend hinter einem Strauch hervor, und wir wussten nie, ob wir beim nächsten Schritt in einem Erdloch stecken würden.

20150822_145310Tapfer kämpften wir uns durch die Misere und hofften inständig, dass endlich ein Weg zum Vorschein käme. Fehlanzeige. Irgendwann dämmerte uns leise, dass es bei weitem einfacher und weniger anstrengender gewesen wäre, auf dem Trampelpfad den Hügelkamm zu erklimmen. Nachdem wir uns zu dieser Erkenntnis durchgerungen hatten, änderten wir die Richtung um 90 Grad und kletterten entschlossen bergan. Einige schweißtreibende Minuten später war es geschafft, und die breiten Natursteinplatten, die die Hochebene durchzogen, waren ein exorbitant schöner und erleichternder Anblick.

 

20150822_150459Der Rest der Wanderung war dann weit angenehmer, obwohl langsam ein Gewitter aufzog und wir nicht recht wussten, wie wir von der Höhe wieder zum See herunterkommen sollten, doch schließlich kamen wir wohlbehalten und trocken wieder im Tal an und belohnten uns für die lange Wanderung mit einem Abendessen im Pub. Die einzigen Nachwehen unseres unvorsichtigen Experiments waren Muskelkater und ein verbrannter Nacken, weil wir bei der stressigen „Pfadfinderei“ vergessen hatten, Sonnencreme aufzusprühen.

***

Der überraschende, glücklicherweise glimpfliche Ausgang unserer Spontanentscheidung hat mir wieder einmal klar gemacht, dass Abkürzungen in vielen Fällen keine Lösung sind. So ungern wir das hören: Oft ist das Wichtige im Leben nur auf dem längeren und anstrengenderen Weg zu erreichen.

Abkürzungen und Beruf(ung)
Auf meinem steinigen Hike zum ersten Prosawerk fantasiere ich manchmal davon, schon jetzt so schreiben zu können wie Dick Francis, Harper Lee, Elisabeth George oder Stephen King. Aber abgesehen davon, dass ich SO wohl niemals schreiben werde, weil solche Talente dünn gesät sind, weiß ich auch, dass diese Damen und Herren viel Zeit aufgewendet haben, um ihren Stil zu finden und zu perfektionieren. Ich kann den Weg zu meinem eigenen Stil und zur Qualität, die mir vorschwebt, nicht abkürzen: Mir bleibt nichts anderes übrig, als die nötige Zahl Worte zu schreiben, Kurse zu besuchen und Wagenladungen Schweiß (und vielleicht Tränen) zu vergießen.

Abkürzungen und Beziehungen
Das Gleiche gilt für Beziehungen. Auch wenn wir uns mit manchen Menschen rasch und manchmal fast magisch verstehen, braucht es Zeit, bis Freundschaften die Tiefe und Beständigkeit entwickeln, auf der unser Vertrauen wachsen kann. Wird das Vertrauen erschüttert, braucht es Zeit und Geduld, um diese Wunde wieder zu schließen, und dafür braucht es beide Seiten. Das gelingt nich immer, und manchmal müssen wir akzeptieren, dass sich eine Beziehung nicht mehr wiederherstellen lässt.

Abkürzungen bei Gott
Der erste Punkt gilt auch für meine Beziehung zu Gott: Wenn ich mir eine Nähe wünsche, in der ich mich geborgen fühle, muss ich Zeit investieren. Mir hilft Verschiedenes, meine Beziehung zu ihm zu vertiefen und mein Vertrauen wachsen zu lassen: In seinem Wort zu lesen zeigt mir seinen Charakter; zu beten und auf seine Stimme zu horchen fördert meine Feinfühligkeit für sein Reden; ihm zu singen und ihn anzubeten zeigt mir seine Erhabenheit, öffnet mein Herz für Erkenntnisse und verändert mich zu ihm hin, und auf Spaziergängen in seiner Gegenwart, ohne Plan und Wunschliste, lerne ich zu glauben, dass er auch mein Freund und immer nur eine Haaresbreite und ein Gebet von mir entfernt ist.

Doch hier hört die Beziehung zu Gott auf, wie die zu einem Menschen zu sein. Denn während wir bei Menschen nicht immer wissen, woran wir sind, während wir uns missverstehen können und manchmal wankelmütig sind, ist Gott immer der Gleiche. Und der schönste Zug an ihm, den man guten Gewissens von keinem Menschen erwarten kann: Ich kann sein Vertrauen, seine Liebe und sein Wohlwollen nie mehr verlieren. Selbst wenn ich mich daneben benehme, rebelliere und ihn anklage, kann ich jederzeit zu ihm umkehren. Wenn ich einen Fehler gemacht habe, muss ich danach nicht geduldig den verlorenen Boden wieder gutmachen. Gott kennt mich bis auf den tiefsten Grund meines Herzens, und bei ihm kann ich nichts falsch machen.

Diese Heimat bei Gott ist es, die mein Leben leicht und hell macht. Nicht leicht im Sinne von problemlos, nicht hell im Sinne von ohne Schatten und schwere Zeiten. Aber meine Quelle versiegt niemals, und um zu ihr zu gelangen, brauche ich keine Abkürzung – denn der Weg zum Herzen Gottes könnte nicht kürzer sein.