ID:87672899
Foto: Bigstock, ID:87672899

Wenn mich jemand nach meiner Lieblingsbibelstelle fragt, habe ich die Qual der Wahl – es gibt einige, die mir in den letzten zwölf Jahren wichtig geworden sind. Bisher war aber definitiv keine aus dem Buch Hiob dabei.

Das hat seine Gründe, und jeder, der die über 40 Kapitel schon mal gelesen hat, wird mir in einem recht geben: Es gibt kaum ein herausfordernderes Buch in der Bibel. Und doch habe ich entdeckt, dass man aus Hiobs Schicksal eine Menge über Gott und über die Einstellung zum Leben lernen kann – gerade in Zeiten wie diesen.

Es ist eine grausame Geschichte: Da lebt ein rechtschaffener, aufrichtiger Mann, der Gott liebt und ehrt und über jeden Zweifel erhaben scheint. Aufgrund eines Wettstreits zwischen Gott und Satan wird ihm alles genommen, was er hatte. Erst verliert er seinen Besitz, dann sterben alle seine Kinder. Doch immer noch preist er Gott mit den Worten „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, gepriesen sei der Herr!“

Dann aber schlägt Satan ihn mit Aussatz und mit Schmerzen, die ihn fast um den Verstand bringen, und das macht das Maß voll: Hiob verflucht den Tag, an dem er geboren wurde, und klagt Gott an, zutiefst überzeugt von seiner eigenen Rechtschaffenheit. Seine Freunde versuchen, ihm beizubringen, dass kein Mensch vor Gott gerecht ist, aber er bleibt hartnäckig dabei, dass er „das nicht verdient“ hat. Gott stellt ihm schließlich einige harte Fragen. „Wo warst du, als ich die Erde gründete?“ „Kannst du die Bande des Siebengestirns zusammenbinden oder den Gürtel des Orion auflösen?“ „Wer gibt die Weisheit in das Verborgene? Wer gibt verständige Gedanken?“ Als Hiob seinen Stand vor Gott begreift und sich demütigt, erhört ihn Gott und lässt ihm mehr zukommen, als er je hatte.

In Hiobs hartnäckiger Selbstgerechtigkeit erkenne ich mich wieder, und ich nehme an, ich bin damit nicht allein: Oft wollen wir nicht Gott, das Mysterium, sondern ein berechenbares Glaubenssystem, das uns beim gleichen Input zuverlässig das Gleiche liefert. Wir tun unser „Gutes“ zwar aus dankbarem Herzen, aber auch in der stillen Erwartung, dass Gott dann „seinen Part“ erfüllt. Aber diese Vorstellung ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich – gerade für das menschliche Miteinander in Krisen, wie wir uns jetzt in einer befinden.

Unsere Suche nach einer globalen Ordnung und einem Glaubenssystem ist auch eine Suche nach der Erklärung für die Ungerechtigkeit in der Welt. Doch so verständlich diese Suche sein mag: Wenn wir uns an ein falsches System klammern, verhärtet sich unser Herz.

Der „do ut des“-Glaube von Hiob (ich tue x, damit du y tust) kann nur in Selbstgerechtigkeit oder Verzweiflung enden. Wenn ich „alles richtig mache“ und es mir gut geht, blicke ich selbstzufrieden in die Welt und tadelnd auf jeden, dem es schlechter geht: Wenn Gott ihn nicht segnet, lebt er eben falsch oder hat noch eine verborgene Sünde. Werde ich aber krank, zerbricht meine Ehe oder verliere meinen Job, folgere ich daraus, dass ich nicht genug getan, noch eine Leiche im Keller oder zu wenig Glauben habe. Ich versuche krampfhaft, es besser zu machen, und wenn es nicht funktioniert, verliere ich im schlimmsten Fall den Glauben an mich und an Gott.

Ähnlich falsch liege ich, wenn ich mich bei der Esoterik bediene und mich beispielsweise an die beliebte Reinkarnationstheorie halte. Wenn ich an Karma glaube, wird mein natürliches Mitgefühl für Menschen in Not erstickt, da ich davon ausgehen muss, dass sich diese Menschen ihr Leiden durch ihr Verhalten in einem früheren Leben selbst eingebrockt haben. Und je schlechter es ihnen geht, desto abscheulicher waren ihre Verbrechen. Die einzige Motivation, solchen Menschen zu helfen, läge im meinerseitigen Sammeln von Karmapunkten, was die Ichbezogenheit dieser Lehre deutlich demonstriert.

Hiob lehrt mich etwas anderes: Die Demut, dass ich mein Leben nicht in allen Aspekten kontrollieren und beeinflussen kann. Niemand kann sich aussuchen, ob er oder sie in der Schweiz, in Syrien oder in Uganda geboren wird, in einer liebevollen oder einer dysfunktionalen Familie aufwächst, krankheitsanfällig oder robust ist.

Wenn ich das verstanden habe, löst mein Wohlergehen in mir nicht mehr ungerechtfertigten Stolz, sondern Dankbarkeit aus. Ich lerne, das, was ich habe, als Geschenk zu betrachten und verantwortlich damit umzugehen und Menschen, denen es schlechter geht, mit Mitgefühl und einem offenen Herzen zu begegnen. Nicht, um Karmapunkte zu sammeln. Nicht, um von Gott für mein Handeln entschädigt zu werden. Sondern weil die Liebe und die Versorgung Gottes, die ich erfahre, durch mich fließen und andere Menschen erreichen sollen.

Wir leben in einer herausfordernden Zeit, und mich schmerzt, dass auch unsere Herzen eng und enger werden. Wir fürchten um unseren Wohlstand und hacken auf den Ärmsten herum, während – wie war das noch? – die 62 reichsten Menschen der Welt die Hälfte des Globus besitzen. Ich bin mir bewusst, dass kein Land – und schon gar kein so kleines wie unseres – unbegrenzt Menschen aufnehmen kann. Aber dass ich in diesem Land geboren wurde, ist nicht mein Verdienst, und wenn ich darauf stolz sein muss, habe ich in meinem Leben nicht viel geleiset, auf das ich stolz sein könnte. Ich meine damit nicht Karriere und Geld scheffeln und „es zu etwas gebracht haben“, sondern das, was jeder Mensch kann: Anderen mit Sympathie und Hilfsbereitschaft begegnen, die Welt ein kleines bisschen besser machen.

Die Ungerechtigkeit der Welt, bei Hiob wie hier und heute, soll uns nicht unberührt lassen. Sie soll uns bewegen. Nicht dazu, uns eine spirituelle Rechtfertigung aus den Fingern zu saugen, die es uns erlaubt, uns auf unserem vermeintlich verdienten Wohlergehen auszuruhen, sondern zum Mitgefühl und zu beherztem Handeln, zur Widerrede, zur Aufklärung.

Wenn ich auf etwas stolz sein soll, dann will ich stolz darauf sein, dass ich mein Herz nicht von Besitzstandsängsten verhärten lasse. Stolz darauf, dass ich mich nicht von einseitigen Schuldzuweisungen verführen lasse, sondern akzeptiere, dass die Welt weit komplexer ist und dass mein Wohlstand und das Elend mancher Erdteile in direktem Zusammenhang stehen. Und das Wissen, dass ich die Welt nicht wirklich erlösen kann, soll mich nicht hindern oder entmutigen, an dem kleinen Ort, wo ich bin, etwas zur Linderung der Not beizutragen – worin auch immer ich meine Mission sehe.

Im Verlauf meiner Hioblektüre habe ich durchaus Stellen gefunden, die sich zu Lieblingsstellen mausern könnten. Vor allem habe ich eine entdeckt, die mich sowohl herausfordert als auch ermutigt. Sie fordert mich heraus, weil das Bewusstsein für ihre Wahrheit mir manchmal abhandenkommt, und sie ermutigt mich, weil ihre Wahrheit die Hoffnung ist, die mich trägt und antreibt, weil es einen gibt, der stärker ist als alles, was diese Welt und die Menschen bedrängt. Es ist ein Ausspruch Hiobs, gesprochen in seiner dunkelsten Stunde.

„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“

Hast Du Hiob auch schon gelesen, und wie hast Du es erlebt? Womit kämpfst Du, was ermutigt Dich? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

Clod 45 2Es ist wieder einmal soweit – ich darf Geburtstag feiern. Gerade sehe ich mir meine imaginäre Torte an, blase die imaginären Kerzen aus, wünsche mir was Schönes, lehne mich zurück und sinniere, was der Geburtstag mir dieses Jahr bedeutet. Es ist ein halbrunder: Ab heute Abend um 18:30 bin ich der 50 näher als der 40, und ich frage mich, ob mich der Gedanke erschrecken sollte.

Nachdem ich dankbar meiner recht robusten Gesundheit gedacht habe, werfe ich zwecks optischer Bestandsaufnahme einen Blick in den Spiegel. Graue Haare: Bisher kaum – Hosanna an meine Gene. Falten: Um die Augen und den Mund hat sich was Kleines angesammelt, aber abgesehen von einem manchmal sichtbaren vertikalen Graben zwischen den Augenbrauen sind es Lächelfalten. Keine „Schon-wieder-so ein-Scheiß-Wetter“- oder „Warum-habe-ich-nicht-was-die-hat“- oder „Heute-hasse-ich-alle“-Falten (wobei die genannte Stirnfalte Ausdruck davon sein könnte, dass ich die Momente, in denen ich letzteres empfinde, doch nicht ganz vor meinem Gesicht verbergen konnte). Und sonst? Gewicht: Medizinisch im grünen Bereich. Form: Ganz ok. Blick klar, Zähne gut, Geist wach. Ich bin zufrieden.

Aber ist das nicht schräg? Wie kann ich zufrieden sein? Wenn ich den Fernseher anmache oder in eine Zeitschrift schaue, sind definitiv alle Frauen jünger, grösser, schlanker, schöner und faltenfreier als ich. Die Zeitschrift sagt mir dann, wie ich ganz schnell auch so schön, schlank und faltenfrei werde (jünger und grösser ist relativ schwierig). Und der Fernseher preist mir all die Produkte an, die mir auf diesem Weg zum Glück verhelfen. Dass sie mir vor allem auf magisch-wundersame Weise das Konto leerräumen, wird betulichst verschwiegen.

Warum bin ich trotzdem zufrieden? Weil ich trotz fortgeschrittenem Alter einigermaßen ins akzeptable Bild passe? Vielleicht auch, aber die wahren Gründe liegen anderswo.

Einerseits hilft mir paradoxerweise, dass mir in meiner Teeniezeit so ziemlich nichts an mir gefiel. Es fing bei den Haaren an (zu dünn), ging über die Ohren (zu abstehend) zur Nase (zu römerhaft oder soll ich sagen rübennasenhaft), weiter zum Hals (zu kurz), dann zum Rücken (auch zu kurz) und schließlich zum wohl nur in meiner Fantasie existierenden „Bäuchlein“. Mit dem Rest konnte ich leben, aber ich fand mich mit all diesen Attributen einfach nicht attraktiv, was sich natürlich auf meine Ausstrahlung auswirkte. Nach mir haben sich die Jungs selten umgedreht, und sollte es doch einer getan haben, hätte ich es in meiner Unsicherheit wohl gar nicht gemerkt.

Als Resultat dieses Trauerspiels muss ich heute nicht alten, gloriosen Zeiten nachweinen, in denen ich die Ballkönigin war. Und seltsamerweise bin ich heute mit mir zufrieden, obwohl sich rein optisch nicht viel geändert hat: Alles, was mich störte, ist noch genauso wie früher – der einzige Unterschied ist das Bäuchlein, das inzwischen, wenn auch immer noch sehr dezent, in der Realität existiert. Trotzdem mag ich heute mein Aussehen, und mit den vermeintlichen Mängeln kann ich inzwischen umgehen: Ich trage meine dünnen Haare nicht zu lang, wegen der Ohren nicht zu kurz und wegen des Halses auch nicht mehr im Richard-Löwenherz-Pagenkopf (auch bekannt unter dem Namen „Topfdeckel-Frisur“). Ich trage keine Highwaisthosen, weil ich sie unbequem finde und sie an mir grässlich aussehen (kurzer Rücken + Bäuchlein + (vorhin vergessen) keine ausgeprägte Taille).

Positiv formuliert weiß ich, was an mir gut aussieht und worin ich mich gut fühle. Vor allem aber habe ich aufgehört, mich mit anderen zu vergleichen, sei es mit Zwanzig- oder Dreißigjährigen (ich bin ja keine Masochistin), aber auch nicht mit 45jährigen, die wie dreißig aussehen. Warum sollte ich? Und wer genau sagt überhaupt, wie wir auszusehen haben? Wer bestimmt, was schön ist?

Jeder kennt die Aussage: „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“. Heute fassen das manche Menschen so auf, dass dieses Auge die Gesellschaft ist, die anhand ihrer gerade aktuellen Vorstellungen bestimmt, was schön ist. Wer demzufolge in den Augen der Gesellschaft schön sein will, muss sich entweder so gut wie es geht in die Passform des aktuellen Trends quetschen oder damit leben, dass er gerade nicht schön ist, immer hoffend, dass sein Typ mal wieder in Mode kommt. Eine traurige und einengende Vorstellung – dabei liegt im Satz vom Auge des Betrachters so viel Wahrheit:

Ob ich mich schön finde, hängt entscheidend davon ab, welchen „Betrachter“ ich einsetze.

Ich kann es mir schwer machen und jeden, der mich auf der Straße kritisch mustert, als Maßstab nehmen. Ich kann die aktuellen Schönheitsvorstellungen nehmen und mich elend fühlen, weil ich nie „so“ aussehen werde. Oder ich wähle meinen Betrachter klüger aus und erlebe, wie ich unter seinem wohlwollenden Auge von innen heraus schöner werde, bis mich auch mein eigenes Auge  wohlwollend ansieht und ich mich annehmen kann, wie ich bin  – inklusive kurzem Hals, dünnem Haar und Hobbit-Ohren.

Bei mir wurzelt diese Selbstannahme in meinem Glauben, dass ich eine gewollte, geliebte und gelungene Schöpfung bin. Doch egal, ob wir uns darauf stützen oder nicht: Lasst uns heute anfangen, uns schön zu finden und damit aufhören, uns zu fragen, was anderen gefällt und was nicht. Lasst uns beschließen, dass wir unsere Zeit nicht mehr mit unsinnigen Vergleichen und der sklavischen Jagd nach dem Erfüllen irgendeines gerade gültigen Schönheitsideals, das bald wieder vergessen ist, vergeuden.

In diesem Sinne gelobe ich an diesem 22. Januar 2016, meinem 45. Geburtstag,  feierlich:

  • Dass ich niemals Highwaisthosen tragen werde, auch wenn sie sich zum angesagtesten Trend des Universums mausern sollten.
  • Dass ich die Farben trage, die mir gefallen, und nicht danach frage , ob sie gerade in sind.
  • Dass ich die Frisur trage, die zu meinem Kopf und meiner Persönlichkeit passt und nicht die, die in der Brigitte als die „Zehn aktuellen Topfrisuren (oder etwa Topf-Frisuren?) für Frauen über Vierzig“ angepriesen werden.
  • Dass ich Turnschuhe trage, wann immer es mir gefällt.
  • Und was gelobst Du?

Ich bin gespannt, was ich in fünf Jahren schreiben werde. Vielleicht haben die grauen Haare das Regime übernommen, oder die Fünf vorneweg treibt mich in die Krise, die ich bisher umschifft habe. Aber ich sehe dem Ganzen ruhig entgegen, und ich hoffe, das tust du auch. Und falls nicht, hier mein Credo für Dich:

Hallo, liebe/r Leser/in. Für die Akten: Du bist schön. Du bist cool und einzigartig und genau so, wie Du sein sollst. Alles an Dir ist genial, egal, ob gerade blonde, dunkle, lange, gerade oder gekrauste Haare „in“ sind, egal, ob die Apfelform, die Birnenform oder wie in der letzten Zeit üblich die Spargelform angesagt ist. Deine Form ist toll, lass Dir nichts anderes sagen. Zieh an, was Dir gefällt und worin Du Dich wohlfühlst, mach das, wonach Dir ist. Schau ab und zu in den Spiegel und sag Dir: „Ich bin ein sehr, sehr cooler Typ.“ Denn das bist Du!

Und als Geschenk von mir zum Schluss noch zwei Muthappen à la carte zum Mitnehmen. Der erste ist für die Bibelaffinen, der zweite für die mit dem speziellen Humor – und wer wie ich zur Schnittmenge gehört, darf an beiden Freude haben!

Psalm 139, 14-16
Ich danke dir dafür, dass ich so wunderbar erschaffen bin,
es erfüllt mich mit Ehrfurcht.
Ja, das habe ich erkannt: Deine Werke sind wunderbar!

Dir war ich nicht verborgen, als ich Gestalt annahm,
als ich im Dunkeln erschaffen wurde,
kunstvoll gebildet im tiefen Schoß der Erde.

Deine Augen sahen mich schon, als mein Leben im Leib meiner Mutter entstand.
Alle Tage, die noch kommen sollten, waren in deinem Buch bereits aufgeschrieben,
bevor noch einer von ihnen eintraf.

The New Year has already passed its ten days mark, and for a few days now, I’m trying to blog about my “Word(s) of the year“. I’ve started my post early as I was quite certain what my word would be: I have to set priorities to reach all my goals, and the word “focus” came to my mind. As I wasn’t totally happy with it, I let the post rest, hoping that a better word would soon pop up in my mind…

So beginnt mein heutiges Guest Post auf dem Blog von Tim Fall, und wer hier öfters liest, weiss, dass es dabei um  mein „Wort für 2016“ geht. Wenn Ihr wissen wollt, wie sich das alles auf Englisch anhört, dann könnt Ihr hier weiterlesen. Tims Blog ist auch sonst ein toller Tipp, um sein Englisch zu trainieren, spannende Fragen rund um den Glauben zu erörtern und Einblicke in das Leben eines amerikanischen Richters zu erhalten. Meine herzliche Empfehlung!

AlanRickmanDec2009
„AlanRickmanDec2009“ by Justin Hoch. Licensed under CC BY 2.0 via Wikimedia Commons

Vor einigen Tagen ist der Schauspieler Alan Rickman gestorben, und wie viele andere hat mich sein Tod getroffen. Ich habe nicht nur den Darsteller, sondern viele Filme, in denen er spielte, und die Personen, die er verkörperte, sehr geliebt: Ich schätzte die reservierte und doch tief empfindende, loyale Persönlichkeit Colonel Brandons in Sense and Sensibility, und ich empfand erst Abneigung und dann Hochachtung und Mitgefühl für den Potions Master Severus Snape auf der Reise durch die Harry-Potter-Filme.

Die heutige Popcorn-Perle, die ich zu Ehren von Rickman präsentiere, handelt von einem weiteren Film, den nicht so viele Leute kennen, der aber auch zu meinen „All Favorites“ gehört und die Kraft von Geschichten beleuchtet: Tim Allens schräge Sci-Fi-Parodie Galaxy Quest.

Der Film erzählt die Story eines in die Jahre gekommenen Schauspielerteams, dessen Sci-Fi-Serie Galaxy Quest vor fast 20 Jahren ein Renner war und das heute nur noch auf Fan-Conventions auftritt. Der arrogante Captain Jason Nemith, gespielt von Tim Allen, ist ein Egomane, der sich ständig in den Vordergrund drängt, weshalb der Rest der Crew die Nase voll von ihm hat. Ganz besonders trifft dies auf Alexander Dane zu (gespielt von Rickman). Er, der einst – und das erwähnt er in seiner traditionellen Krise vor jedem Fan-Auftritt – „einmal ein Schauspieler war“ und „als Henry III. fünf Vorhänge bekam“, wird als Dr. Lazarus von seinen Fans nur für einen Satz geliebt, den er bei jeder Gelegenheit zitieren soll.

„Bei Grabthars Hammer, bei den Söhnen von Warvan, du wirst gerächt werden!“

Er hasst den Satz wie die Pest, aber er wird seine Meinung im Verlauf der Geschichte noch ändern – denn etwas gänzlich Unerwartetes kommt auf die Truppe zu. An einer Convention trifft der „Captain“ auf ein paar seltsame Männer, die behaupten, sogenannte Thermianer zu sein, die ihn in einer „Angelegenheit von größter Wichtigkeit“ sprechen müssen. Er hält das Ganze für ein Amateurprojekt und sagt scherzhaft zu, worauf sie ihn am nächsten Morgen abholen. Als er auf dem Rücksitz einer Limousine verkatert ein Nickerchen macht, beamen sie sich mitsamt Auto auf ihr Raumschiff. Nesmith wacht auf und hält erst alles für Staffage. Auch als sie ihn über einen Bildschirm mit ihrem Kriegsgegner, einem humanoiden Reptilienwesen namens General Sarris, in Verbindung setzen, damit er für sie verhandelt, hält er das für ein Spiel. Er lässt ein paar Torpedos abfeuern und will dann nach Hause. Daraufhin wird er in einer Art durchsichtigem, geleeartigen Kokon auf die Erde gebeamt und stellt entsetzt fest, dass alles real war.

Kurz darauf kommen die Thermianer zurück und brauchen erneut seine Hilfe. Nesmiths Crew wird in die Sache hineingezogen: Es stellt sich heraus, dass die Thermianer, eine friedliche und naive Spezies, in ihrer Ecke des Universums die Live-Ausstrahlungen von Galaxy Quest empfangen konnten, und weil sie keine Vorstellung von Fiktion haben, hielten sie die Sendungen für historische Aufzeichnungen. Sie begannen, ihre Gesellschaft nach dem Vorbild der Serie aufzubauen und die vermeintlichen technischen Errungenschaften nachzubauen. Als sie in Not gerieten, wandten sie sich an die vermeintlichen Helden und waren sicher, dass die Crew ihnen rettend beistehen würde.

Der Echtkampf im All in der eigenen Rolle fordert allen Crewmitgliedern eine Menge ab, aber sie lernen auch etwas dazu und entwickeln sich weiter. Der Captain muss einsehen, dass er auf die anderen angewiesen ist und sich ihr Vertrauen erst verdienen muss. Alexander Dane versöhnt sich mit seiner Rolle als Dr. Lazarus. Und obwohl Mathesar, der Anführer der Thermianer, irgendwann erfährt, dass die Geschichten um Galaxy Quest erfunden waren, finden auch die Thermianer die Kraft, weiterzukämpfen, und besiegen am Ende den Bösewicht.

Abgesehen davon, dass der Film das ganze Star Trek Universum herrlich veralbert und ein köstlicher Spaß ist, fasziniert mich der darin enthaltene Gedanke, dass Geschichten eine gewaltige Kraft entwickeln können.

Wenn wir uns auf ein Buch oder einen Film einlassen, leben wir für eine bestimmte Zeit in einer anderen Welt. Auch wenn unser Verstand weiß, dass diese Welt fiktiv ist, läuft in unserem Gehirn und in unserem Körper ein Prozess ab, der das Gelesene und Gesehene als Realität erlebt. Wird es spannend, erhöht sich unser Puls, stirbt eine geliebte Figur, empfinden wir Trauer. Verlieben sich zwei Menschen, empfinden wir ihr Glück mit.

Eine Episode von „Star Trek. The Next Generation“ treibt diese Vorstellung noch weiter. In ihr entdeckt die Crew eine Sonde, die um einen zerstörten Planeten kreist. Die Sonde stammte von den Bewohnern des Planeten und wurde dort platziert, damit sie jemand findet und der Planet und die Geschichte seiner Bewohner nicht in Vergessenheit geraten. Captain Picard fällt in eine Art Schlafzustand und erlebt in seinem Geist auf dem Planeten ein ganzes Leben. Er lernt Flöte spielen, hat eine Familie, lebt in dieser friedlichen Gesellschaft und stirbt irgendwann im Kreise seiner Lieben, und als er wieder aufwacht, weiß er erst gar nicht, wer er ist, weil für ihn tatsächlich 70 Jahre vergangen sind.

So ähnlich geht es uns, wenn wir aus einem langen Buch oder einem intensiven Film auftauchen: Wir haben das Leben eines anderen gelebt, haben gesehen und gefühlt, was er oder sie erlebt hat und was wir sonst vielleicht noch nie empfunden haben. Wir haben unvergessliche Einblicke erhalten und wurden mit Erkenntnissen beschenkt, die uns sonst verborgen geblieben wären.

So wie ich immer wieder zu den Filmen und Büchern zurückkehre, die mir etwas Einmaliges mitgegeben haben, möchte ich auch schreiben. Manchmal verzweifle ich an diesem Anspruch, vor allem, wenn ich an meine noch kaum existente Erfahrung im Prosaschreiben denke. Ginge es nicht etwas einfacher? Aber ich will schreiben, was ich selber lesen würde, was mich fasziniert, zu Tränen und Freudenausbrüchen bewegt und mir eine Erfahrung schenkt, die mein Leben verändert und bereichert. Und darunter gebe ich mich nicht zufrieden. Wenn es dauert, dauert es eben.

Wir wissen bis heute nicht genau, was die Geschöpfe auf diesem Planeten alles mit uns gemeinsam haben. Mit Sicherheit ist es eine Menge: Viele Tiere haben eine enorme Lernfähigkeit, sie sorgen füreinander und haben Gesellschaften, die unseren ähnlich sind, und es steht – zumindest für mich – außer Frage, dass sie Trauer, Freude, Wut und anderes empfinden. Ich glaube aber, dass das Erkennen einer Fiktion uns von den anderen Geschöpfen absondert und uns Menschen noch enger miteinander verbindet. Die Liebe zu Geschichten umspannt den Erdball und alle Menschen aller Epochen und aller Gesellschaften. Das beweist die Tatsache, dass die ganz großen Geschichten überall gelesen und geschätzt werden. Und dank Schauspielern wie dem gewesenen Alan Rickman erwachen sie manchmal optisch zum Leben und lassen uns auf ganz neue Weise an ihnen teilhaben.

Der folgende kleine Ausschnitt aus Galaxy Quest zeigt die Wandlung, die die Figur von Dr. Lazarus im Film gemacht hat. Er ist eine letzte Hommage an den großen Künstler und mein Sonntagsgruß an Euch. Und falls ihr wie ich auch manchmal daran zweifelt, ob ihr der Vision, die in Euch brennt, gerecht werden könnt: Schaut Euch noch die 40 Sekunden im unteren Ausschnitt an und lasst Euch vom Motto inspirieren, das der Captain in Galaxy Quest so gern zitiert: „Never give up, never surrender!“ (Niemals aufgeben, niemals kapitulieren!)

Welches war die erste Geschichte in Buch oder Film, die Euch gepackt hat? Gibt es Bücher und Filme, zu denen Ihr immer wieder zurückkehrt? Ich bin gespannt auf Eure Kommentare!

child-990368_1280
Bildquelle: Pixabay

Das gute 2016 ist schon mehr als eine Woche alt, und eigentlich wollte ich Euch schon längst mein „Wort des Jahres“ präsentieren. Ich hatte das Post frühzeitig begonnen, weil ich schon ziemlich sicher war, was es sein würde: Ich muss dieses Jahr Prioritäten setzen, um meine Ziele zu erreichen, und deshalb kam mir das Wort „Fokus“ in den Sinn. Weil ich noch nicht ganz zufrieden war, habe ich das Post liegen lassen und mir gedacht, dass mir das bessere Wort, das wohl in die gleiche Richtung gehen würde, schon noch einfallen würde.

Dann bin ich am Dienstag als erste Einlösung eines Neujahrsvorsatzes wieder mal auf den Hometrainer gestiegen, habe mich eine halbe Stunde moderat abgestrampelt und erleichtert festgestellt, dass mein mittelalter Body noch leidlich funktioniert. Als ich danach die Stille im Haus und die müde Nachtrainings-Zufriedenheit genoss, wurde mir klar, dass ich meinen Fokus doch anders setzen muss. Im Grunde hat mir Gott so etwas wie das hier mitgeteilt:

„Meine Liebe, das mit dem Fokus ist eine schöne Idee. Aber wenn wir es genauer betrachten, kannst Du das schon gar nicht schlecht, und ich habe keine Angst, dass Du Dich verzetteln wirst. Du läufst eher Gefahr, Dir zu viel Druck aufzusetzen, morgens schon Angst zu haben, dass Du nicht genug erledigst, und durch Deine Tage zu hetzen. Was Dir fehlt, ist das Leben im Jetzt.“

Und er hatte (natürlich) recht.

Ich lebe oft in meinem Kopf und selten in der Gegenwart. Ich beschäftige mich mit der Vergangenheit, analysiere meine Handlungen, frage mich, was richtig und was falsch war und was für Konsequenzen es in meinem Leben hatte, ob dies und das eine direkte Folge davon ist – alles aus dem Wunsch heraus, zu verstehen und „es künftig besser zu machen“. In gleicher Weise bin ich innerlich oft schon in der Zukunft, zähle auf, was ich heute und was ich morgen noch alles tun muss, krame Zettel hervor und mache To-Do-Listen, um „es im Griff zu haben“. Und wenn ich nicht in einer anderen Zeit lebe, lebe ich in einem anderen Universum wie dem meines Buches, in einem Film oder einem Roman, den ich lese oder gelesen habe.

Das ist alles gut und wichtig, aber der winzige Moment des Jetzt ist der einzige Moment, wo mir andere Menschen und Gott begegnen können, wo ich mich selbst spüren und leben kann.
Deshalb soll mein Jahresmotto heißen:

„JETZT ist die Zeit.“

Jetzt. Die warme Dusche am Morgen, ohne in Gedanken schon hinter dem Computer zu sitzen.
Jetzt. Im Auto durch den Regen zur Arbeit, dem Prasseln und der Musik lauschen, ohne in Gedanken schon vom Auto ins Büro zu hetzen.
Jetzt. Mit jemandem ein Gespräch führen, da sein, neugierig sein, ohne schon zu überlegen, was ich danach mache.

Wenn ich das „Jetzt“ genieße, gebe ich anderen und mir selbst mehr Raum. Ich spüre mich besser, erde mich und ich bin mehr „da“. Gerade als Mensch, der kreativ arbeitet, Geschichten mit neuen Welten und Charakteren erschaffen will, bin ich auf die Inspiration durch das wirkliche Leben angewiesen. Egal, ob ich Menschen beobachte, mich unterhalte, durch den Regen laufe, ein Lied singe oder bete: Die Gegenwart mit all ihren Facetten ist ein Füllhorn derIdeen, die ich zu neuen Geschichten verarbeiten kann.

Ich freue mich auf ein Jahr mit mehr „Jetzt“ und weniger „morgen will ich“ und „warum habe ich“. Und es hat schon gut angefangen. Letzten Freitag bedeutete „Jetzt“ einen schönen Vormittag mit einer befreundeten Sängerin und Songwriterin bei Müsli, Brötchen und Kaffee, einen Shoppingnachmittag und ein exzellentes Essen am Abend mit Freunden. Ich konnte an dem Tag nicht viel Produktives erledigen, aber ich habe ihn in vollen Zügen genossen, weil es das war, was „jetzt“ passierte.

Ich könnte auch sagen, ich „pflücke den Tag“, ganz nach dem von Horaz formulierten „Carpe diem“. Aber obwohl wir, wie Horaz es schreibt, nicht wissen können und sollen, wie viele Winter wir noch vor uns haben und ob dieser hier der letzte ist, glaube ich im Gegensatz zu ihm nicht, dass die Zeit mir missgünstig und feindlich gesinnt ist. Wenn ich sie aufmerksam betrachte, zeigt sie mir, wie kostbar das Jetzt ist, denn als Mensch, der an die Einmaligkeit unseres irdischen Lebens glaubt, bin ich mir bewusst, dass jeder Tag zählt. Und auch wenn ich glaube, dass es danach weitergeht – anders, gewaltig, unvorstellbar, nicht fassbar – behält dieses Leben seine Bedeutung. Hier lebe und wirke ich genau jetzt; es ist die Zeit, die mir geschenkt wurde, um sie zu gestalten und zu nutzen, zu genießen, um zu lieben, zu wagen und zu scheitern – Spuren zu hinterlassen.

Ich will die Zeit auskaufen, bis nichts mehr übrig ist! Bist Du dabei?

Hast Du auch ein „Wort“ oder „Worte“, die für Dich das neue Jahr symbolisieren? Wovon träumst Du, was wünschst Du Dir vom neuen und noch frischen 2016? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!