Was mich bewegt. Ein Spontaneitäts-Experiment

Bild Claudia Zeitung V3Manchmal frage ich mich, ob ich zuviel überlege, bevor ich poste und ob es nicht authentischer wäre, aus dem Bauch heraus ein paar enthusiastische, empörte, weinerliche oder aggresive Sätze in die Blogossphäre zu schleudern.

Denn obwohl ich genug von jeder Sorte auf Lager hätte, um das hinzukriegen, tue es in der Regel dann doch nicht.

Ein Grund dafür ist, dass ich ja nicht nur für mich selbst schreiben will. Aber wer sich ständig fragt, was seine Leser denn interessieren könnte, schreibt vielleicht nicht mehr das, was er sollte, weil er Angst hat, dem einen auf den kleinen Zeh zu treten und den anderen zu langweilen. Und vielleicht sollte man manchmal einfach seine rohen Gedanken in die Welt posten. Mein heutiges frisch-drauflos-getippt Post ist deshalb Experiment, Mini-Rant und Eingeständnis in einem:

An manchen Tagen lautet meine Botschaft an die Welt, frei nach meinem eigenen Lied „Ich lasse los“, schlicht und einfach „Ich hab genug“, gefolgt von einem schweizerischen „I ma nümm.“

Manchmal – ja, auch und gerade jetzt – geht mir die Welt um mich herum so dermassen auf den Senkel.

Die Amerikaner und Trump – ist das Euer Ernst?

Der Händeschüttelskandal von Therwil – Lord, have mercy!

Die Flüchtlingskrise – für neue EU-Ankündigungen habe ich nur noch ein desillusioniertes Lächeln übrig.

Die Panama Papers (na gut, DAS überrascht mich jetzt so gar nicht).

Der Umgang der Menschen miteinander, vor allem online.

Das dumpfe Gefühl, dass wir fröhlich die Ressourcen dieser Erdkugel pulversieren.

Die widerwärtigen Kreisläufe von Waffenlieferungen, Krieg, Flüchtlingselend und Fremdenhass.

Und neben dem, was es zu beklagen gibt, beelenden mich die Reaktionen der Menschheit auf welches Problem auch immer: Die einen machen sich alles so einfach, dass es für jede Krise auf der Welt den einen und einzigen „BöFei“ gibt, den man nur an die Wand nageln oder aus dem Land jagen muss, damit „alles wieder gut“ wird. Für die anderen ist alles so komplex, dass man den Finger nirgends drauflegen kann und jede Verantwortung sich in der Masse der beteiligten Faktoren auflöst, weshalb praktischerweise alles so bleiben darf, wie es ist.

Die Welt kommt mir immer verrückter vor, und mein Glaube an die Fähigkeit der Menschheit, das wieder hinzubiegen, bewegt sich momentan auf bescheidenem Niveau.

Als überzeugter „Fool for Christ“ könnte ich einfach den Kopf nach hinten legen, gen Himmel schauen und die Worte „Herr, komm bald“ in den Äther schallen lassen, und ich würde lügen, wenn ich behaupten wollte, ich hätte es noch nie getan. Was aber kann ich sonst tun gegen diese Anwandlung von Nihilismus, die mein verstorbener Schwager oft mit den Worten „Het doch ke Wärt“ umschrieben hat?

Einerseits ist da zugegeben die Hoffnung auf das, was einmal kommen wird, egal, wie dumm sich die Menschheit anstellt. Für die Atheisten unter Euch: meine theologischen Weltflucht- und „alles-wird-gut“-Träume, die mir das Überleben im Chaos dieser Welt erlauben. Das (und dies ist für die Frommen unter Euch) Wissen darum, dass auch diese Erde und alles, was darauf lebt, einen Neuanfang, eine Neuschöpfung erleben wird.

Doch ich habe noch ein anderes Rezept, das mir im Falle eines solchen „Weltenjammers“ hilft. Es ist genauso wichtig wie der Glauben an das, was kommen wird. Es ist das Prinzip „Jetzt erst recht“ und der feste Wille, mich nicht von dem runterziehen zu lassen, was mich beelendet, sondern auf das zu schauen, was ich selbst ändern kann.

Ich will meinen Alltag so nachhaltig wie möglich leben – auch wenn ich es nicht perfekt mache, und auch wenn es angesichts der Zustände „ke Wärt“ zu haben scheint.

Ich will allen Menschen offen begegnen und jedem eine Chance geben, auch wenn Vorurteile im Moment Hochkonjunktur haben.

child-990368_1280Ich will mit dem, was ich tue, Hoffnung verbreiten, obwohl sie mir manchmal selbst kurzfristig abhanden kommt.

 

 

 

Mir hat mein Experiment gut getan.
Und was macht Ihr gegen Weltenjammer?
Ich freue mich auf Euren Kommentar!

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13 Comments

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  1. Wenn ich als durch und durch positiver Mensch mit ansehe, wie die Gier der Mächtigen und skrupellosen weiter im Steigen ist. Wenn ich miterlebe wie die Dummheit der über zivilisierten immer bedenklichere Ausmasse an nimmt. Kommt mir nur immer ein Spruch in den Sinn, den ich erfolglos versuche zu ignorieren und ihn dann entweder still für mich oder laut schreien von mir gebe.
    “ Alles Arschlöcher „

    • 🙂 I feel you! Und doch bringst Du es fertig, immer wieder in Deinem FB-Post dagegenzuhalten. Finde ich total cool und genial. Da muss so ein „AA“-Spruch für die emotionale Tiefenreinigung einfach ab und zu sein! Eine Arbeitskollegein pflegte zu sagen: „I wett i Waud go ‚Füdle‘ möögge“ 😀

  2. oh ja, das Ding oben in Anführungszeichen stimmt oft schon. Wenn ich „nüme ma“, dann versuche ich bewusst wieder mehr im Kleinen etwas zu bewirken. Und es hat noch immer funktioniert!. 🙂

    • Ich glaube auch, dass das Wunder wirkt – wenn man sieht, dass das, was man tut, eben nicht „für nüt“ ist, auch wenn es nur an einer kleinen Ecke der Welt passiert 🙂

  3. Liebe Claudia,
    einen Punkt kannst du aus deinem Weltenjammer streichen: Die Sorge, dass deiner Spontaneität Qualität mangeln könnte! Im Gegenteil: Sehr erfrischend, echt und, wie immer, treffend.Mein atheistischer Weltenjammer unterscheidet sich überhaupt nicht von deinem – außer dass ich niemanden habe, den ich bei Verzweiflung um Hilfe anrufen könnte. Wir alle können lediglich in unserem Umfeld die kleinen Dinge tun und bewegen – und das sollten wir weiterhin und zwar niemals ohne Hoffnung.Meine Hoffnung ist, dass langfristig die Evolution dafür sorgen wird, dass sich nicht die fittesten, sondern die sozialsten Menschenwesen durchsetzen werden – weil es deren Einstellungen sind, die ein Überleben des Menschen ermöglichen

    • Liebe Gerda, vielen Dank für Deinen Kommentar – Deine Hoffnung finde ich sehr ermutigend. Vielleicht heisst am Ende „fittest“ eben nicht das, was wir uns darunter vorstellen, und es ist gerade die andere Sicht auf Prioritäten, wie ich sie bei Jesus und im NT finde, die mich berührt. „Was ihr dem geringsten meiner Brüder…“ Das spricht von Solidarität gegenüber dem „unfit“ und von einer „verkehrten Welt“, die mit diesem Postulat eben eine andere Welt propagiert. Und egal, was hier und jetzt geschieht; diese Weltsicht will ich mittragen und danach handeln.

  4. liebe claudia

    danke für deine sicht die klar, humorvoll, gewürzt mit der wahrheit die sich bahn brechen wird, einfach erfrischend ist. es gibt grund zur hoffnung- man sagt der dunkelste moment der nacht ist der moment, bevor die sonne aufgeht. es gibt viel dunkelheit in der welt, genau deshalb erlaube ich mir etwas aussergewöhnliches hier zu berichten.
    gelesen in der derzeitigen annabelle ein artikel der mir mut macht. Das Frauenwunderland RUANDA.

    Da ich persönlich von dem was männer als AA auf dieser welt getan haben und noch immer tun – so enttäuscht bin, tut mir dieser artikel sehr gut. er bestätigt genau das was ich in meinem langen leben erlebt habe.
    der genozid der sich vor 22 jahren in ruanda an den tutsis abspielte ist noch in meinem gedächtnis. es gab nach diesen 100 tagen des mordens als ergebnis -100.000 waisenkinder, 70% der bevölkerung war weiblich, die meisten vergewaltigt und entehrt. Durften frauen bis zu dieser zeit weder haus noch grundbesitz haben, sind sie jetzt aus dieser not zu unternehmerinnen moutiert.
    die männer wurden traditionell trainiert dass Frauen beim sex keinen orgasmus haben durften, jetzt hat sich jetzt das blatt auch hier zum guten gewendet.
    die frauen haben vergeben im christlichen sinn, haben sich zusammen geschlossen und sind nicht nur als unternehmerinnen erfogreich, sonder auch mit 64% ( in der schweiz 29%) im parlament vertreten. das hat zur folge, das sich im gesundheits und bildungsbereich enorm viel verbessert hat. die kindersterblichkeit ist von 23% auf 5% !! gesunken die schulzeit geht nun doppelt so lange wie früher..ect.
    auf dem global gender gap report rangiert die schweiz auf rang 8 und ruanda innerhalb von 15 jahren auf platz 6.
    die frauen haben die plastiksäcke verboten- papier tuts auch. jeden samstag wird gemeinsam die strasse geputzt, blumen gepflanzt und diskutiert. wenn ein mann seine frau schlägt wird das öffentlich angegangen. in ländlichen gebieten gelten männer welche bei der hausarbeit helfen als von ihren frauen behext. es gibt also auch hier noch viel zu tun, doch der gedanke dass sich nach einem holocaust des hasses, nach einem völkermord, eine solche blüte in der gesellschaft hervorbringen lässt auf grund aufrichtiger vergebung, ermutigt mich enorm.

    mein wunsch wäre, dass alle männer die skrupellos auf dieser welt kriege befehlen, mafia bosse, drogendealer, sklavenhändler, korrupte minister usw einen privaten genozid ihrer gefühle nach gier und macht erleben würden um ihr herz wieder zu entdecken und zu einer wahren lebensqualität zu kommen , die es wert ist gelebt zu werden. ein mann ist ein mann denke ich – wenn er das beschützt und bewahrt was er liebt , dazu bekam er seine kraft und stärke. wie hässlich ist es dagegen wenn er diese kraft zur ausbeutung und zur erniedrigung von frauen und kindern benutzt.

    wie hiess der letzte song den udo jürgens kurz vor seinem tod geschrieben hatte?
    „das problem im system ist der mann“ hatte er recht?

    be blessed
    mona
    ps: meine grosstaste klemmt.

    • Liebe Mona, vielen Dank für Deine Gedanken und für das Teilen dieser ermutigenden Geschichte! Es ist unglaublich, was die Kraft der Vergebung bewirken kann. Mir gefällt Dein Satz: „Der Mann ist ein Mann, wenn er das beschützt und bewahrt, was er liebt.“ Und wenn Mann (und Frau) die Prioritäten hier richtig setzt, besteht Hoffnung 🙂 Be blessed too!

  5. Liebe Claudia, ich bin da ganz bei Dir. Und es gibt immer wieder Tage, an denen der Weltenjammer fast übermächtig erscheint. Ich flüchte dann ganz gern in meine Welt, verkrieche mich auch ganz gern in ein Buch. Und dann glaube ich immer ganz fest daran, dass auch ein so kleines Rädchen wie ich etwas bewirken kann. Ich darf mich nur nicht beirren lassen und weiter meinen nachhaltigen Weg gehen. Dann geht es mir gut und ich kann reinen Gewissens sagen: Ich bin mir treu geblieben.
    Dein Experiment finde ich super. Mehr davon. Liebe Grüße, Kerstin

    • Liebe Kerstin, es tut gut, wenn andere die eigenen Gedanken und den Weltenjammer teilen…und auch den weiteren Prozess. So kann man sich gegenseitig ermutigen, am eigenen kleinen Ort weiterzumachen. Auch unsere Bemühungen sind immer stückhaft, und wenn jemand will, kann er immer was finden, was beim anderen nicht „stimmt“. Das 100-prozentig richtige Leben gibt es nicht 🙂 Aber dort, wo ich meine Möglichkeiten habe, nutze ich sie. Ich gehe heute viel sorgfältiger mit Nahrungsmitteln und Kleidung etc. um. Das entspringt auch einer Dankbarkeit, einer Demut und einem Gefühl der Verantwortung für das „mir Anvertraute“, und gleichzeitig führt das dazu, dass ich an allem viel mehr Freude habe und es bewusster geniesse.

  6. Ich habe gegen meinen Katzenjammer gerade Deinen Katzenjammer gelesen und gemerkt, dass gemeinsames Katzengejammer irgendwie gut tut! Ich habe also die Lösung: Einfach Deine Zeilen lesen und … alles sieht schon nicht mehr so schwarz aus! 🙂

  7. @Modepraline: ach tut Dein Eintrag gut! Ich schliesse mich Eurem Katzenjammer an und freue mich, dass ich nicht alleine dastehe mit meinem ab und zu „Mag nüme“-Gefühl 🙂

Deine Gedanken und Erfahrungen interessieren mich - ich freue mich über Deinen Kommentar!

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