Christi Wundmale – warum Triumph und Leiden zusammengehören

Gerade habe ich mir einen österlichen Videoclip angesehen. Zum Hymnengesang des Mormon Tabernacle Choir ersteht Jesus von den Toten, sieht dabei aus wie ein weisser American Football Star und segnet im leuchtenden Gewand die Massen; alles dermassen kitschig, dass es zumindest mich nicht besonders berühren kann – wären da nicht die Wundmale. Die Wundmale am Leib des Auferstandenen.

Jesu makelloser Auferstehungsleib trug immer noch Löcher an den Stellen, an denen er „wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden“  durchbohrt wurde, wie es bei Jesaja heisst. „Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.“

Dieses Bild rührt und bewegt mich mehr, als ich artikulieren kann. Es verbindet den Triumph der Auferstehung mit dem dafür erduldeten Leiden und schafft Raum für die tiefe Wahrheit, dass es den Triumph ohne das Leiden nicht gibt, aber auch dafür, dass der Triumph nun endgültig, der Tod trotz der Wundmale besiegt ist.

In diesem Bild liegt eine Spannung, die manchmal schwer zu ertragen ist, und  manchmal lösen wir die Spannung auf, indem wir eine der beiden Seiten ausblenden. Lange Zeit wurde im traditionellen europäischen Christentum das Leiden in den Vordergrund gestellt. Der Lohn dieses Leidens auf Erden wartet dabei im Himmel, und der Triumph der Auferstehung rückt in die Ferne. Diese Richtung malt ein trockenes, hoffnungsloses Bild des Christenlebens auf Erden; ein Leben, in dem Wunder und Verheissungen wenig Platz haben.  Es ist ein Bild der Pflichterfüllung, in dem Leiden, die mich treffen, einfach anzunehmen sind – der Herr will es so, so sei es.

Heute ist dieses trocken-düstere Bild stark in den Hintergrund gerückt. Seit mehreren Jahren liegt der Schwerpunkt der tonangebenden Freikirchen auf der Auferstehung ohne das Leiden. Jesus trägt keine Wundmale; das Leiden wird ausgesperrt und verdrängt. Gott will alle heilen, und wenn Heilung auf sich warten lässt oder gar ausbleibt, ist es sicher nicht Gottes Schuld, sondern meine.

In dieser Theologie ist alles möglich, und mit ihrer Hilfe wollen wir das auch. Wir wollen mehr, aber nicht mehr Gott, sondern mehr Wunder, mehr Heilung, mehr Segen, mehr Bekehrungen und am Ende die Weltherrschaft.

Diesem Bedürfnis, die Spannung aufzulösen, liegt in beiden Fällen Angst zugrunde. Während die einen Angst vor der Macht und Verantwortung haben, die uns in der Auferstehung gegeben wird, haben die anderen Angst vor der Unsicherheit und Machtlosigkeit, die im Leiden liegt. Aber Auferstehung und Leiden gehören zusammen: Die Wundmale an den Händen des Auferstandenen waren da; in der triumphalen Ankunft des wahren Lichts, des Weissen, des Guten trug der Herr die Wunden des Leidens, das diesen Triumph ermöglichte.

Wenn wir uns nur auf das Leiden konzentrieren, nehmen wir die Macht und Autorität, die wir als Christen durch Jesu Tod und Auferstehung erhalten haben, nicht in Anspruch und werden unserer Aufgabe nicht gerecht. Aber wenn wir uns nur auf die Wunder und den Triumph konzentrieren, blenden wir aus, dass die Welt, in der wir leben, nun mal nicht ganz von Gottes Reich durchdrungen ist. Es ist da und nicht da; es bricht an immer mehr Orten und immer häufiger an, aber nicht vollständig.

Die Zeit, in der ALLE Tränen abgewischt werden, wird erst erfüllt sein, wenn der Herr wiederkommt. Bis dahin müssen wir diese Spannung ertragen und dürfen in unserer Theologie auch das Leiden nicht vergessen – die Fragen ohne Antwort, die Krankheit ohne Genesung. Ja, Gott ist alles möglich. Ja, er will unser Bestes. Aber daraus abzuleiten, wir wüssten genau, was passieren muss, und damit unsere menschlichen Wünsche den Absichten Gottes aufzudrücken, ist anmassend.

Gott ist mehrere Nummern grösser. Er hört, erhört unsere Gebete, aber was er tut oder nicht tut, werden wir nicht immer verstehen. So sehr wir uns danach sehnen mögen: Es gibt kein Rezept dafür, irgendetwas von Gott zu bekommen, und wer solche Rezepte verkauft, nützt nur sich selbst. Der Glaube an Gott ist kein Rezept für unser Glück auf Erden, die Erfüllung all unserer Wünsche. Glaube ist Beziehung zum Allmächtigen; ihm nachfolgen, in Triumphen und im Scheitern. Und allfällige Allmachtphantasien abzugeben.

An diesem Ostermontag umarme ich beide Interpretationen der Wundmale – die Erinnerung an das Leiden, aber auch den Beweis des Triumphs über den Tod. Ich umarme die Spannung, dass Gott alles möglich ist und ich sein Werkzeug zu Grossem sein darf, dass ich manchmal aber auch mit jemandem in der Dunkelheit ausharren soll.

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4 Comments

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  1. In der Kunsthalle Karlsruhe hängt ein wunderbares Kreuzigungsbild von Matthias Grünewald, der sogenannte Tauberbischofsheimer Altar. Ich finde ein Tick besser als der Isenheimer Altar. Obwohl ich glaube, dass er hier einen anderen Schwerpunkt gelegt hat. Aber was wirklich heraussticht ist das Leiden Christi. Ich habe es noch nie so dramatisch, wie in diesem Gemälde gesehen (sehen wir mal vom Film The Passion ab). Neben der Trauer (er starb für mich) organisiert Jesus am Kreuz die Beziehung von Johannes und seiner Mutter Maria. Er schaut über den Tod hinaus. Das Leben geht weiter.

    • Das muss ich mir unbedingt auch mal ansehen; die bildliche Kunst ist etwas, was ich gerade erst am Entdecken bin! „Passion“ war natürlich von besonderer Intensität – fast nicht zu ertragen streckenweise…Das mit der Beziehung von Johannes und Maria ist ein wunderschönes Bild; Jesus, der noch am Kreuz sich um das kümmert, was danach kommt 🙂 Liebe Grüsse!

  2. Liebe Claudia Ja ich sitze in der Dunkelheit und kann mich nicht wehren , mir ist nur noch schlecht und elend. teffi hätte am 13.4. bis zum 24 zu mir in die Ferien kommen sollen. Am selben Tag sagte man mir ohne Begründung ich kann Steffi nicht holen sie bleibt über Ostern im Heim. Ich habe sie jetzt 5 Wochen nicht gesehen eiss nicht wie es ihr geht und was man ihr sagte warum sie nicht nach Hause darf. Der Heimleiter ist ein Macho und hat womöglich finanzielle Problemen mit nur 3 Behinderten…die Beiständin kann sich gegen ihn nicht durchsetzen und hat 3x versucht ihn dazu zu bewegen dass ich steffi holen kann, er sagte nein. Ich bin verzweifelt ich hab nur noch Durchfall und Herzrasen und solche Zustände – was machen die mit ihr?? Danke für Deine Worte sie haben mich getröstet- wenn Du willst rufst Du mich an…. Liebe Grüsse mona

    _____

    • Liebe Mona, das ist ja schrecklich – ich fühle mit Dir! Einfach furchtbar; dass die das so machen dürfen, scheint ja fast unglaublich 😦 Ich hoffe sehr, dass sich das bald auflöst; werde dafür beten! Und ich denke an Dich ❤ Momentan bin ich gerade auf der Arbeit; vielleicht kann ich mich später noch melden. Sei ganz fest gedrückt! Liebe Grüsse Claudia

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