Vor über drei Jahren habe ich auf meinem Blog ein Post verfasst, das ich immer noch zu meinem liebsten zähle, und am heutigen Pfingsttag kommt er mir erneut in den Sinn. In diesem Post hatte „Madame de Meuron“ einen Gastauftritt; die Berner Burgerin, die zur Legende wurde, als sie einen Mann fragte, ob er jemand sei oder Lohn beziehe. Im Originalton: „Syt Dir öpper oder nämet Dir Lohn?“

Heute, so reflektierte ich damals, ist es umgekehrt: Nur wer Lohn bezieht, kräftig konsumiert und zum Bruttosozialprodukt beiträgt, „ist jemand“. Das Primat der Nützlichkeit beherrscht die Welt.

Als Christen können wir dem Primat der Nützlichkeit ein besseres, lebensbejahendes System gegenüberstellen, denn Gott als Hersteller des Produkts „Mensch“ hat ein klares Ja zu allen Menschen. Seine Worte aus Psalm 139, wonach wir wunderbar geschaffen sind, gelten dem Flüchtling, der ohne Ausbildung zu uns kommt, dem ungeborenen Leben, ob gesund oder abseits der Norm, und dem geborenen Leben − auch dann, wenn es alt oder krank und für das Bruttosozialprodukt nutzlos geworden ist. Gottes Wertesystem schliesst alle ein – seine Liebe macht uns nicht gleich, aber gleich wertvoll.

Aber leben wir Christen dieses Wertesystem? Ist uns jedes Leben gleich viel wert, und behandeln wir es so, oder geben auch wir dem Drang des Wertens nach?

Der Drang des Wertens und Vergleichens entlarvt unseren unstillbaren Wunsch, besser und „mehr“ zu sein als andere − Stolz, die Sünde, die uns von Gott getrennt hat.

Kann es sein, dass wir diese Sünde so perfekt in unser christliches Wertesystem integriert haben, dass wir sie nicht mehr erkennen? Dass wir deshalb unserem christlichen Auftrag, Gott und die Menschen zu lieben und das Evangelium zu verkündigen, nicht mehr gerecht werden?

Wir sind, meine ich, nicht so schlecht darin, uns um die Schwachen zu kümmern. Diese Aufgabe ist als zentraler Punkt der christlichen Nächstenliebe in unserer Tradition fest verwurzelt. Zwar löst die Migration auch unter uns Christen manchmal Ängste aus, aber die meisten sind sich einig  dass die in der Bibel zitierten Witwen und Waisen heute in der Gestalt von Flüchtlingen unsere Hilfe brauchen.

Wir haben heute andere  „blinde Flecke“ und verhärtete Stellen des Herzens. Sie zeigen sich nicht bei den klassischen „Schwachen“, sondern bei Menschen,  die wir als persönliche Konkurrenz, als Bedrohung unseres Weltbilds oder als Gefahr für die Moral ansehen.

Wie begegnen wir Christen, die ein anderes Glaubensverständnis haben? Überschütten wir sie mit giftigen Tiraden und sprechen ihnen den Glauben ab, oder können wir ihre Sichtweise stehen lassen und zivilisiert diskutieren? Und wie ist es in der Gemeinde? Teilen wir Leben miteinander und helfen einander, die Lasten zu tragen, oder halten wir heimliche Wettbewerbe ab, wer gesalbte und frommer ist, und neiden einander Segen und Erfolg?

Was ist mit den Menschen, die anders leben und an etwas anderes glauben?  Begegnen wir ihnen mit aufrichtiger Liebe und der Überzeugung, dass wir nicht besser sind als sie, oder denkt ein Teil von uns: „Danke Gott, dass ich nicht bin wie dieser?“

Haben wir vielleicht mehr Mitgefühl für die „Schwachen“ als für anders Denkende, anders Glaubende und anders Lebende, weil wir in unserer Sorge um die Schwachen gut dastehen, während die anderen uns in unserem Selbstverständnis bedrohen?

Die Welt braucht eine Währungsreform des Herzens. Wir Christen können Gottes lebensbejahendes Wertesystem weitergeben und damit diese Reform in Gang setzen, indem wir die Währung von Gottes Liebe verkündigen, die uns und alle Menschen freisetzt und jedem Leben einen unveräußerlichen Wert verleiht.

Aber auch wir Christen brauchen diese Währungsreform. Wenn wir unseren Verkündigungsauftrag erfüllen wollen, brauchen wir mehr Mitgefühl, Liebe und Annahme für Menschen, die nicht geografisch, sondern innerlich „von woanders“ kommen; Verständnis für Menschen in Lebenssituationen, in die wir uns nicht so einfach hineindenken können.

Die „Menschen der Welt“ warten nicht auf unsere Absolution oder auf süßliche Beteuerungen, dass wir sie trotz ihrer uns fremden Lebensweise und ihren in unseren Augen verwerflichen Verfehlungen lieben. Sie warten auf authentische Begegnungen, die ihnen zeigen, dass wir sie so annehmen, wie sie sind.

Für diese Annahme müssen wir uns weder „der Welt anpassen“, noch brauchen wir uns selbst oder unseren Glauben zu verleugnen. Was wir brauchen, ist das tief verwurzelte Wertesystem Gottes, die innere Überzeugung, dass kein Mensch mehr wert ist als der andere.

Dafür brauchen wir ein neues Herz und einen neuen Geist. Dies wird uns in der Jahreslosung 2017 verheißen, und Gott schenkt uns beides, weil er genau weiss, dass wir es weder selbst produzieren noch erarbeiten können.

Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.
Ez 36,26

 

Auf Pfingsten liegt die besondere Verheissung der Erfüllung durch den Heiligen Geist. Lasst uns diese Verheissung in Anspruch nehmen und niemals vergessen, dass jeder Mensch wunderbar gemacht ist. Ganz unabhängig davon, was wir vom einzelnen, von seiner Lebensführung, seinem Glauben und seiner Einstellung halten, wird sich an einem niemals etwas ändern:

Den Wert eines jeden Menschen bestimmt der Hersteller.
Und der hat keinen Ausschuss produziert und kein Garantieablaufdatum festgelegt.

Gerade habe ich mir einen österlichen Videoclip angesehen. Zum Hymnengesang des Mormon Tabernacle Choir ersteht Jesus von den Toten, sieht dabei aus wie ein weisser American Football Star und segnet im leuchtenden Gewand die Massen; alles dermassen kitschig, dass es zumindest mich nicht besonders berühren kann – wären da nicht die Wundmale. Die Wundmale am Leib des Auferstandenen.

Jesu makelloser Auferstehungsleib trug immer noch Löcher an den Stellen, an denen er „wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden“  durchbohrt wurde, wie es bei Jesaja heisst. „Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.“

Dieses Bild rührt und bewegt mich mehr, als ich artikulieren kann. Es verbindet den Triumph der Auferstehung mit dem dafür erduldeten Leiden und schafft Raum für die tiefe Wahrheit, dass es den Triumph ohne das Leiden nicht gibt, aber auch dafür, dass der Triumph nun endgültig, der Tod trotz der Wundmale besiegt ist.

In diesem Bild liegt eine Spannung, die manchmal schwer zu ertragen ist, und  manchmal lösen wir die Spannung auf, indem wir eine der beiden Seiten ausblenden. Lange Zeit wurde im traditionellen europäischen Christentum das Leiden in den Vordergrund gestellt. Der Lohn dieses Leidens auf Erden wartet dabei im Himmel, und der Triumph der Auferstehung rückt in die Ferne. Diese Richtung malt ein trockenes, hoffnungsloses Bild des Christenlebens auf Erden; ein Leben, in dem Wunder und Verheissungen wenig Platz haben.  Es ist ein Bild der Pflichterfüllung, in dem Leiden, die mich treffen, einfach anzunehmen sind – der Herr will es so, so sei es.

Heute ist dieses trocken-düstere Bild stark in den Hintergrund gerückt. Seit mehreren Jahren liegt der Schwerpunkt der tonangebenden Freikirchen auf der Auferstehung ohne das Leiden. Jesus trägt keine Wundmale; das Leiden wird ausgesperrt und verdrängt. Gott will alle heilen, und wenn Heilung auf sich warten lässt oder gar ausbleibt, ist es sicher nicht Gottes Schuld, sondern meine.

In dieser Theologie ist alles möglich, und mit ihrer Hilfe wollen wir das auch. Wir wollen mehr, aber nicht mehr Gott, sondern mehr Wunder, mehr Heilung, mehr Segen, mehr Bekehrungen und am Ende die Weltherrschaft.

Diesem Bedürfnis, die Spannung aufzulösen, liegt in beiden Fällen Angst zugrunde. Während die einen Angst vor der Macht und Verantwortung haben, die uns in der Auferstehung gegeben wird, haben die anderen Angst vor der Unsicherheit und Machtlosigkeit, die im Leiden liegt. Aber Auferstehung und Leiden gehören zusammen: Die Wundmale an den Händen des Auferstandenen waren da; in der triumphalen Ankunft des wahren Lichts, des Weissen, des Guten trug der Herr die Wunden des Leidens, das diesen Triumph ermöglichte.

Wenn wir uns nur auf das Leiden konzentrieren, nehmen wir die Macht und Autorität, die wir als Christen durch Jesu Tod und Auferstehung erhalten haben, nicht in Anspruch und werden unserer Aufgabe nicht gerecht. Aber wenn wir uns nur auf die Wunder und den Triumph konzentrieren, blenden wir aus, dass die Welt, in der wir leben, nun mal nicht ganz von Gottes Reich durchdrungen ist. Es ist da und nicht da; es bricht an immer mehr Orten und immer häufiger an, aber nicht vollständig.

Die Zeit, in der ALLE Tränen abgewischt werden, wird erst erfüllt sein, wenn der Herr wiederkommt. Bis dahin müssen wir diese Spannung ertragen und dürfen in unserer Theologie auch das Leiden nicht vergessen – die Fragen ohne Antwort, die Krankheit ohne Genesung. Ja, Gott ist alles möglich. Ja, er will unser Bestes. Aber daraus abzuleiten, wir wüssten genau, was passieren muss, und damit unsere menschlichen Wünsche den Absichten Gottes aufzudrücken, ist anmassend.

Gott ist mehrere Nummern grösser. Er hört, erhört unsere Gebete, aber was er tut oder nicht tut, werden wir nicht immer verstehen. So sehr wir uns danach sehnen mögen: Es gibt kein Rezept dafür, irgendetwas von Gott zu bekommen, und wer solche Rezepte verkauft, nützt nur sich selbst. Der Glaube an Gott ist kein Rezept für unser Glück auf Erden, die Erfüllung all unserer Wünsche. Glaube ist Beziehung zum Allmächtigen; ihm nachfolgen, in Triumphen und im Scheitern. Und allfällige Allmachtphantasien abzugeben.

An diesem Ostermontag umarme ich beide Interpretationen der Wundmale – die Erinnerung an das Leiden, aber auch den Beweis des Triumphs über den Tod. Ich umarme die Spannung, dass Gott alles möglich ist und ich sein Werkzeug zu Grossem sein darf, dass ich manchmal aber auch mit jemandem in der Dunkelheit ausharren soll.

Vor kurzem hatten wir im Kleintheater Grenchen einen Künstler zu Gast, auf den ich mich schon lange gefreut hatte. Ich wurde nicht enttäuscht: Stefan Waghubinger präsentierte fast zwei Stunden superber Unterhaltung. Trocken und lakonisch, tiefgründig, gleichzeitig alltagsnah und transzendental plauderte er über das Leben, den Glauben, die Steuererklärung und vieles mehr. Viele seiner Texte klingen nach, aber einer ist mir besonders geblieben, weil er etwas ansprach, das mich oft beschäftigt.

Waghubinger hat über sein Leben philosophiert und darüber, was dieses Leben ausmacht. Er hat sich die Frage gestellt, ob er etwas anders haben möchte und ob andere es besser haben. Dann sagte er lakonisch, so ganz tauschen möchte  er dann doch mit keinem.

So simpel er klingt, sagt dieser Satz enorm viel aus. Mir zeigt er, welchen Irrweg wir betreten, wenn wir andere um etwas beneiden.

Wenn wir Neid empfinden oder etwas begehren, was ein anderer hat, sagen oder denken wir schnell mal, dass wir gern „wären wie xy“ oder dessen Leben hätten. Etwas Bestimmtes erregt unsere Aufmerksamkeit oder unseren Neid – ein hoher Lebensstandard, Berühmtheit, ein knackiger Po, eine tolle Stimme, das super Selbstvertrauen, die Traumfamilie, eine verantwortungsvolle, prestigeträchtige Position – und wir möchten „das“ auch. Wir fragen uns, warum er/sie und nicht wir „das“ hat. Aber obwohl wir vielleicht kurz denken, dass wir mit ihm oder ihr tauschen möchten, wollen wir das im Grunde gar nicht.

Wir hängen an unserem Leben, so unzulänglich  und nicht perfekt es auch sein mag. Wir wollen unser Paket nicht tauschen.

Würden wir unsere Kinder hergeben, um den tollen Job zu bekommen? Unseren Beruf, um dafür den Knackpo zu kriegen? Nicht wirklich. Kommt dazu, dass bestimmte Pluspunkte auch bestimmte Minuspunkte nach sich ziehen. Die verantwortungsvolle Position geht mit Sicherheit mit einer gehörigen Portion Stress einher, mit wenig Zeit für Hobbies und anderes. Wollen wir das auch? Natürlich nicht. Wenn wir jemanden beneiden, dann sehen und wollen wir nur die Sahneseite und dazu alles, was wir sonst haben – also etwas, das es gar nicht gibt.

Dummerweise fällt uns das Beneiden leicht, und diese Neigung in uns wird von der Welt, in der wir leben, noch angeheizt. Die Werbung gaukelt uns vor, was wir alles haben könnten undzeigt uns das Neueste, das natürlich viel besser ist als das, was wir haben. Und falls wir es dann noch nicht wollen, sehen wir es an unseren Bekannten oder Freunden, und spätestens jetzt müssen wir es auch haben. Denn die Werbung vermittelt ja nicht nur, wie toll etwas ist und jeder, der es hat, sondern auch, dass jeder, der es nicht hat, keine Ahnung hat und nicht zum auserwählten Kreis gehört.

Abgesehen davon, dass dieser Drang des Neidens und Vergleichens unseren Geldbeutel belasten kann, hat er noch ernstere Folgen. Oft neiden wir anderen auch Gaben und Talente. Wenn wir glauben, dass andere mehr Talente haben und wir zu kurz gekommen sind, wird unser Blick für die Gaben getrübt, die uns geschenkt wurden. Und was wir nicht sehen, setzen wir nicht ein. Dabei ist das,  was wir sind und haben – all unsere Erfahrungen, unser Gaben, unsere Gegenwart mit all ihren Freuden und Leiden – der Stoff, mit dem wir die Welt prägen können.

Ich beneide selten jemanden, bin aber nicht immun. Aktuell bin ich am anfälligsten, wenn mir andere auf ihrem Weg zum Autor ein paar Schritte voraus sind oder Wege einschlagen, die für sie funktionieren, von denen ich aber weiss, dass sie nichts für mich sind. Wenn ich lese, dass eine Autorin innert sechs Monaten schon wieder ein Buch veröffentlicht hat und das nächste auch gerade fertig wird, kriege ich ab und zu ein flaues Gefühl im Magen und frage mich, warum ich nicht schneller arbeiten kann. Gleichzeitig weiss ich, dass mein Buch die Zeit braucht; nicht weil es besser, sondern weil es anders ist und ich anders bin.

Meistens jedoch kann ich Neid auf der Seite lassen, und vier Punkte oder Gedanken unterstützen mich dabei. Der erste ist Glückssache, zum zweiten habe ich beigetragen, der dritte ist eine Erkenntnis, die jedem offensteht. Der vierte ist transzendental und die Wurzel.

Zum einen habe ich tatsächlich viel von dem, was mir persönlich wichtig ist: viel Freiraum, eine Arbeit, die mir gefällt, daneben Zeit für meine Schreib- und Musikprojekte. Eine gute Gemeinschaft. Freunde, die mich nehmen, wie ich bin; eine tolle Familie, einen Mann, der mich in allem unterstützt und der dieses seltsame Wesen, das ich bin, versteht (oder zumindest nicht schreien davor flüchtet).

Zum zweiten habe ich mich mit bestimmten Mängeln oder Eigenarten meinerseits versöhnt. Ich würde die dickeren, gewellteren Haare immer noch nehmen, aber ich habe die Gegebenheiten der Natur akzeptiert. Ich wünsche mir nicht mehr, extrovertierter zu sein, sondern kann damit leben, dass Menschen mich im ersten Moment für etwas reserviert halten, und vertraue darauf, dass die Menschen, auf die es ankommt, tiefer sehen.

Zum dritten ist mir bewusst geworden, wie trennend und zerstörend Neid sein kann. Egal, ob es um die Erfolge anderer Autorinnen geht oder um bessere Gesangskünste, um ein tolleres Aussehen oder mehr Selbstvertrauen: Wenn ich andere beneide, treibe ich einen Keil zwischen mich und diese Menschen, und das ist lebenshindernd.

Zum vierten und letzte gibt es zumindest für mich nur eine Wurzel, die wirklich vom Neid befreit. Es ist die Gewissheit, dass weder das Mass an Gaben und Talenten, das ich habe, noch die existierende oder fehlende Anerkennung etwas über meinen Wert als Mensch aussagen. Wenn ich begriffen habe, dass dieser Wert unveräusserlich und unveränderlich ist, weil er mir von Gott gegeben wurde, kann ich anderen befreit gönnen, was Gott ihnen schenkt.

Damit werde ich frei, zu sehen und zu schätzen, was er mir gegeben hat, und das Beste aus mir herauszuholen – zu meiner Freude und zum Wohl aller anderen.

Wo seid Ihr anfällig für Neid? Im Kilobereich oder im Postenbereich, bei der Nasenform oder beim Gehaltscheck? Bei der Kinderzahl oder beim Handymodell? Ich freue mich auf Euren Kommentar!

Der Freitagmorgen ist bei mir meist eine Mischung aus Haushaltsführung und Stadtbummel: Ich beschäftige mich mit Staubsauger  und Putzlappen, fülle danach in der Drogerie meiner Wahl meine Gesichtspflege-, Shampoo- und Medikamentenbestände auf  und schlendere meistens noch über den Grenchner Wochenmarkt.

Letzten Freitag verschob ich die Staubsaugerei  auf den Nachmittag. Ich spazierte in die Stadt,  klapperte die Stationen auf meiner Liste ab und machte mich zum Abschluss auf den Weg zu einer Neueröffnung: Ein Primarschul-Gspänli feierte die Aufrichtung ihres Geschäfts „Per Te“ an einem neuen, grösseren Standort.

Josi und ich sind keinen Kilometer voneinander entfernt im Grenchner Arbeiter-Quartier aufgewachsen; ich an der Lingeriz- und sie an der Karl-Mathy-Strasse, und als Kinder sind wir manchen Nachmittag in Endlosschleife den steilen Hang hinter ihrem Wohnhaus hinuntergerollt. Als ich ins Progymnasium eintrat, trennten sich unsere Wege. Josi lernte später Floristin, und wir begegneten uns dann und wann in der Stadt, bis ich die Region in Richtung Fribourg verliess. Nach meiner Rückkehr in die Heimat vor sechs Jahren traf ich Josi dann ab und zu auf dem Monatsmarkt, wo sie an einem Stand Blumengestecke verkaufte. Kurz vor Weihnachten letztes Jahr wurde ich auf ihr Geschäft „Per Te“ aufmerksam, das sie als „Shop im Shop“ in einem Fotogeschäft führte.

Als ich an diesem nasskalten Februartag die Ladentür öffnete, betrat ich in ein anderes, helles und freundliches Universum. Holzwände in zartgrün und cremeweiss strahlten Fröhlichkeit aus und verbreiteten eine entspannte Atmosphäre. Originelle Blumenarrangements, italienische Köstlichkeiten, handgemachter Schmuck und nachhaltig hergestellte Kleidung, Taschen aus Recycling-Material, hübsche Grusskarten und Mitbringsel aller Art lockten das Auge, und mittendrin stand Josi, als ob sie nie woanders gewesen wäre.

Ich  machte einen intensiven Rundgang, suchte mir etwas aus und stellte mich damit an die Ladentheke, als ein so intensives Gefühl in mir aufstieg, dass es mir die  Tränen in die Augen trieb.

Das Gefühl war erst schwer zu verorten. Ich freute mich für Josi und für unsere kleine Stadt, die für das Gewerbe ein hartes Pflaster ist, und ich war stolz auf den Grenchner Pioniergeist, der etwas wagt und hinter dem viel Tatkraft und Entschlossenheit steht. Es war berührend, Josi zwischen ihren Blumen und mit viel Herzblut ausgesuchten Produkten zu sehen, gerade im Bewusstsein, dass der Weg an diesen Ort Geduld und einen langen Atem erfordert haben muss. Josi und ich sind Mitte Vierzig und keine jungen Hüpfer mehr, und ihr Erfolg beweist mir, was man erreichen kann, wenn man geduldig und hartnäckig Zeit und Herzblut investiert.

Das ermutigt mich auf meinem eigenen Weg, und die Gemeinsamkeiten, die ich trotz  in unseren Wegen erkenne, berühren mich. Josi und ich haben eine unterschiedliche Gabenpalette: Sie ist eine handwerklich äusserst begabte, warmherzige Frau, die liebevoll auf Menschen zugeht und für eine Arbeit mit menschlichem Kontakt geschaffen ist, während ich handwerklich fast ein Totalausfall bin und im Nu ausbrenne, wenn ich zu lange unter Leuten sein muss. Ich erkenne Schönheit, wenn ich sie sehe, aber ich lebe oft in meinem Kopf und meinen Gedanken und kann Schönes nur in Worten schaffen. Und doch verbindet uns, so glaube ich, ein gemeinsamer Wunsch: Menschen Freude zu bereiten und sie zu ermutigen. Und in diesem Wunsch liegt das Geheimnis dessen, was etwas tief in meinem Inneren in Josis Laden zum Klingen gebracht hat.

Während Josi mir und einer anderen Frau ihre Kleidermarken zeigte, die nachhaltige Produktion und die bequemen Schnitte anpries, bemerkte sie lächelnd,  dass perfekt geformte Frauen in verschwindend kleinen Mengen existierten und ihre Zahl sich in unserem Alter dramatisch verringere, dass es darauf aber nicht ankomme. Sie wolle Kleidung anbieten, in denen Frau sich wohlfühlt, sagte sie. In diesen Worten schwang etwas Lebensbejahendes und Befreiendes mit; ein liebevoller Blick auf die Schöpfung, der mit den Worten aus Psalm 139 sagt, dass sie „wunderbar gemacht“ ist. In Josis Laden sind die Dinge wunderbar gemacht – manche von ihr selbst, manche von anderen. Sie wurden mit Kreativität und Herzblut, Sorgfalt und Liebe hergestellt, und darin spiegelt sich der Kern von Gottes Wesen und dem, was er geschaffen hat.

Wenn ich diesen Kern betrachte, sehe ich ein grosses, unerschütterliches Ja zum Leben in jeder Form; ich sehe die Liebe zu allen Geschöpfen, sehe Gottes Kreativität bei der Erschaffung allen Seins. Und ich sehe die Wertschätzung, die Gott jedem einzelnen seiner Geschöpfe entgegenbringt. Das Gleiche spüre ich in Josis Wirken – ein Ja zum Leben und zum Gegenüber in Worten und Gesten, die aufrichten und befreien und einen loslassen lassen. Ihr Laden atmet Liebe und die Bereitschaft, jeden Menschen zu akzeptieren, wie er ist. Er atmet Ewigkeit.

Als ich den Laden verliess, wünschte ich Josi im Stillen Erfolg, aber ich bin mir sicher, dass sie ihn haben wird. Wenn unsere Welt heute etwas braucht, ist es Berührbarkeit, Annahme und Lebensbejahung; sind es Menschen, die uns vermitteln, dass wir es wert sind. Die Gaben, die Josi dafür einsetzt, habe ich nicht, aber wenn ich in dem, was ich mit Worten schaffe, nur einen Bruchteil dessen vermitteln kann, habe ich mein Ziel erreicht.

Wieder ist ein Jahr vollbracht, und vielen bleibt es als „Annus Horribilis“ voller Schreckensmomente in Erinnerung. Mein eigenes 2016 war ein Gemisch aus Licht und Schatten – Momente, an denen ich mich freue, und Leistungen, auf die ich stolz bin, stehen stressigen, herausfordernden Phasen gegenüber.

What’s up, world?
Aus der globalen Sicht kommen die politischen Umwälzungen, kommen Krieg und Terror in den Fokus. Ich frage mich wie schon so oft, ob der Mensch fähig ist, dazuzulernen, oder ob er dazu verdammt ist, immer und immer wieder dieselben Fehler zu begehen. Das offenbar unglaublich dringliche Bedürfnis so vieler, schwarz-weiß zu malen und einfachste Antworten zu basteln, damit sie in ihrer kleinen Welt wieder zufrieden sein können, irritiert mich, und ich ärgere mich, wenn offenkundig selbst intelligente Menschen die Vernetztheit vieler Katastrophen und Probleme, die sich im Moment auf dem Globus abspielen, zugunsten dieser einfachen Antwort, die ins eigene Weltbild passt, verleugnen.

Stolz und Demut
Im persönlichen Bereich wird mir im Rückblick bewusst, was ich dieses Jahr alles geschafft habe. Am meisten sticht für mich mein erster Romanentwurf heraus. Im Januar und Februar habe ich geplottet, danach recherchiert und die erste Rohfassung geschrieben, immer in Absprache und mit Unterstützung meiner Agentin. Ende Oktober hat sie das erste Mal den ganzen Text bekommen und mir viele wertvolle Hinweise gegeben, woran ich weiterarbeiten soll. Übers Jahr verteilt habe ich auch ein eigenes Lied und ein Video dazu aufgenommen, wir haben an unserem Haus eine Außenrenovation machen lassen, und daneben liefen Job und all die ehrenamtlichen Engagements in Kirche und Stadt – alles in allem viel, an dem ich mich freue und worauf ich stolz bin. Doch dem Stolz folgt die Demut auf dem Fuß. Wenn ich an meinen Roman und die weitere Bearbeitung denke, sehe ich, was ich alles noch lernen und verbessern muss, und denke ich an den Song, der Ende November herausgekommen ist, oder an die Hausrenovation und meine anderen Engagements, sehe ich, wie wenig davon ich allein hätte schaffen können.

Gott gehorchen – Verantwortung für mich selbst übernehmen
Ich habe dieses Jahr stark erlebt, dass sowohl Gehorsam gegenüber Gott als auch Eigenverantwortung einen wichtigen Stellenwert haben. Es gab Momente, in denen mir klar wurde, dass ich etwas tun soll, obwohl meine logische Analyse mir etwas anderes sagte; Momente, in denen ich einen Schritt ins Ungewisse machte, weil ich spürte, dass Gott den Schritt wollte. Genauso stand und stehe ich vor Entscheidungen, wo ich einfach gefordert bin, mittels einer klaren Analyse eine Entscheidung zu treffen und so die Verantwortung für mich und das, was mir anvertraut ist, zu übernehmen.

Menschlich-Allzumenschliches
Gerade im Bereich Mensch zu Mensch habe ich viel Gutes und Herausforderndes erfahren. Ich durfte erleben, dass ich mich anderen freudig und von Herzen widmen kann – wenn ich in guter Verfassung bin. Auf meine gute Verfassung muss ich aber mehr und mehr achten, denn sonst komme ich rasch an einen Punkt, wo mich jede menschliche Interaktion mehr Kraft kostet, als ich noch habe. Und meine Zeit und Kraft sind begrenzt – das ist eine der Haupterkenntnisse dieses Jahres. Ich war mehr als einmal an einem Punkt, den ich bisher nicht kannte und an den ich nicht mehr kommen möchte, eine Art innerer Erschöpfung, in der ich anderen und mir gegenüber nicht mehr der Mensch sein konnte, der ich wirklich bin. Um dieser Mensch sein zu können, muss ich noch mehr lernen, anderen  etwas zu verweigern und sie damit vielleicht zu enttäuschen. Nicht alle Menschen können oder wollen tief genug blicken und sich in andere hineinversetzen, und deshalb beurteilen sie eine Situation oft nur aus ihren eigenen Bedürfnissen und Interessen heraus. Als Mensch, der manchmal ohne es zu wollen die Bedürfnisse und Wünsche anderer oft so klar wahrnimmt wie die eigenen, darf ich diese eigenen nicht vergessen.

Wenn ich in dem, was mich dieses Jahr am meisten geprägt hat, einen gemeinsamen Nenner erkenne, dann ist es die wundersam-schreckliche, herausfordernd-schöne Ebene der menschlichen Beziehungen.

Unser Zusammenarbeiten, Zusammensein und Zusammenleben sind oft so herausfordernd, dass wir (oder zumindest ich) uns manchmal am liebsten aus allen Verpflichtungen, Engagements und Beziehungen an einen Ort zurückziehen möchten, an dem niemand etwas von uns will, wo wir niemanden enttäuschen können, uns aber auch von niemandem durch dessen Wünsche und Bedürfnisse unter Druck gesetzt fühlen müssen. Und doch können wir fast nichts allein – wir brauchen einander. Ja, wir sind und werden besser zusammen, einerseits, weil wir unsere Gaben vereinen, einander ausgleichen, unterstützen und weiterbringen, andererseits, weil wir uns aneinander reiben und gezwungen sind, unseren eigenen Schwächen ins Gesicht zu sehen und sie zu überwinden, um zusammen etwas erreichen zu können.

Das ist das Schwierige, aber auch Hoffnungsvolle, und ich bin sicher, dass Gott es so gewollt hat. Er ist ein Gott der Beziehungen und hat uns für Beziehungen geschaffen, mit ihm und untereinander. Und ich zumindest spüre, dass ich meine menschlichen Beziehungen nur mit Gottes Hilfe auf die Reihe kriege, mit Gott, der mir meine Fehler und Schwächen vor Augen führt, der mir aber auch klar aufzeigt, wenn ich mich schützen und Grenzen ziehen muss, auch wenn dies zuerst einmal zu Konflikten führt. Darin will ich, und das ist eine der Wünsche an mich selbst, noch mutiger und kompromissloser werden, um meine Beziehungen zu anderen noch echter, ehrlicher und lebendiger zu gestalten.

Für mich war 2016 kein Annus Horribilis, aber ein Jahr voller neuer Erkenntnisse über mich und die Welt. Heute lasse ich dieses Jahr voller Licht und Schatten, voller Freude und Schrecken hinter mir und sehe hoffnungsvoll nach vorn. Ich hoffe, Ihr kommt mit, und wünsche Euch ein segensreiches, hoffnungsvolles und erfüllendes 2017!

Heiligabend ist da, und wie jedes Jahr will ich zu diesem Freudentag ein Post verfassen. Aber einfach ist es dieses Jahr nicht. Die Welt wirkt zerbrochen, und das nicht nur wegen des Terrors, dwe diese Vorweihnachtswoche überschattet hat.

Wir möchten die Geschichte der Menschheit als aufwärtsführenden Pfad sehen, auf dem sich der Mensch Stück für Stück weiterentwickelt. Aber obwohl der Mensch in bestimmten Epochen immer wieder über sich hinausgewachsen ist und die weltweiten Zahlen zu Kindersterblichkeit, Ausbildung und extremer Armut heute viel besser aussehen als vor 200 Jahren, lässt mich der Blick in die Jahrhunderte, in die jüngste Vergangenheit und auf die Gegenwart ernüchtert zurück. Wenn ich mir die Kriege und Greuel seit dem Zweiten Weltkrieg, die nackte Gier und den explodierenden Kommerz in der westlichen Welt ansehe, komme ich zu einem bitteren Schluss.

Weder Aufklärung noch wissenschaftlicher Fortschritt noch die durch Globalität verblassenden Grenzen haben den Menschen im Grunde seines Herzens verändert. Ja, er ist fähig zu Güte, zu Grosszügigkeit und Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit, aber im tiefsten Grund seines Herzens sieht er nur sich selbst und ist oft nicht willens, sich nur ein Jota in einen anderen Menschen hineinzuversetzen. Und die wissenschaftlichen Fortschritte haben dieses Wesen voller Machtstreben, Egoismus und Gier mit abertausenden neuer Möglichkeiten ausgestattet, seinen Willen durchzusetzen und andere zu unterdrücken oder zu vernichten.

An diesem Heiligabend 2016 sehe ich eine Welt in Trümmern, die sich vor Schmerzen windet. Eine Welt, die beweist, dass es mit der Sapientia des homo sapiens nicht weit her ist.

Und doch gibt es Gründe, gerade jetzt Weihnachten zu feiern.

Auch die erste Weihnacht ist in eine Zeit und eine Region des Aufruhrs gefallen. Gott hat nicht auf einen schönen und erhabenen Moment der Menschheitsgeschichte gewartet, um sich zu uns zu begeben – er kam mitten in das Chaos hinein.

Und so bedrückend und beängstigend wir diese Zeit empfinden mögen: In der Erkenntnis der menschlichen Grenzen und der menschlichen Widerborstigkeit, der sich wiederholenden Zyklen in der Menschheitsgeschichte, liegt ein gleichzeitig ernüchternder wie befreiender Gedanke: Der, dass unser hehres Geschlecht der Aufrechtgehenden, so sehr es das auch versucht, sich nicht selbst erlösen kann.

Und wir versuchen es unaufhörlich. Der moderne Mensch, der sich meist weigert, an einen Gott zu glauben, der ihn erlösen muss, lebt nicht frei und fröhlich vor sich hin, sondern verdammt, rechtfertigt und erlöst sich selbst in einem fort. Dieser Gedanke ist nicht von mir; ich habe ihn aus einem Blogbeitrag von Christof Lenzen, der ihn wiederum aus einem Vortrag von Andreas Malessa hat.

Der Mensch braucht auch keine Hölle mehr, denn er lebt bereits in einer. Er steht unter dem Druck, ein Leben zu leben, das „Erfolg“ ausstrahlt, er versucht, all den zivilisatorischen Regeln zu folgen, die mindestens so religiös verbrämt daherkommen wie die Zehn Gebote, und weil er nicht genügen kann, muss er sich immer wieder freisprechen. Das ist anstrengend, und vor allem funktioniert es nicht. Und genau hier liegt die harte, aber befreiende Erkenntnis:

Wir brauchen Gott.  Allein können wir es nicht und werden es nie können.

Aber wir müssen auch nicht, denn genau das bedeutet „Gnade allein“. Und an Weihnachten folgt, passend zum anstehenden Luther-Jahr, neben dem „Sola Gratia“ der Blick auf die Krippe, auf das „Solus Christus“. Nur Christus kann uns erlösen, nur durch ihn haben wir den Zugang zum Vater, die Erlösung der Sünde. Diese Aussage kann einengend und selbstgerecht wirken, aber diese Selbstgerechtigkeit wird dadurch aufgehoben, dass dieses Angebot allen Menschen gilt.

Ich feiere heute auch meine eigene Begegnung mit Jesus. Ich feiere, dass ich in den Jahren, in denen ich ihm in all meiner Unbeholfenheit und Widerborstigkeit gefolgt bin, schon viel Befreiung habe erleben dürfen. Was ich über das Menschengeschlecht gesagt habe, trifft auch auf mich zu – ich kann bösartig, rechthaberisch, egoistisch und ungeduldig sein und kann auf andere herunterblicken, und manchmal fällt mir das leichter, als gütig und geduldig zu sein. Aber immer dann, wenn Güte, wenn Liebe für meine Mitmenschen ohne Ansehen von Rang, Rasse oder Religion natürlich aus mir herausfliesst, weiss ich, dass Gott in mir wirkt.

Mehr als alles andere wünsche ich mir, dass die Angst und das Dunkel dieser Zeit Menschen zu Gott führen. Dadurch wird nicht sofort alles anders, aber wenn Menschen sein Angebot annehmen, sich berühren, heilen und verändern lassen, dann besteht Hoffnung für die Zukunft.

Wir können nicht, aber ER kann. ER kann in UNS. Und je mehr wir uns von ihm leiten lassen, desto stärker wird sein Reich sichtbar.  Wo die Welt aufklafft, wo sich Wunden auftun, öffnet sich auch immer Raum für das Licht. Das Licht, das von ihm kommt, das Licht, das uns vor zweitausend Jahren erschienen ist. Das Echte Licht.

Ich wünsche Euch allen eine segensreiche, lichtvolle Weihnachtszeit.
Be blessed!

„Macht hoch die Tür, das Tor macht weit!“ Die Adventszeit läuft auf Hochtouren, und die Christenheit konzentriert sich einmal mehr auf einen ihrer Grossanlässe. Auch in unserer Kirche häufen sich die Events. Vorletzten Sonntag hatten wir einen Gäste-Gottesdienst mit viel Musik, einer kleinen, aber feinen Besinnung und einem reichen Buffet mit gutem Essen und netten Gesprächen. All das habe ich sehr genossen und fühle mich so langsam richtig weihnachtlich – jedenfalls fast.

Inmitten dieser sich steigernden Weihnachtsstimmung empfinde ich ein in den letzten Wochen sich stetig steigerndes Unwohlsein über uns Christen. Ich habe das Gefühl, dass wir immer öfter Schlachten schlagen, die nicht unsere sind, und darüber das vernachlässigen, was wirklich wichtig wäre.

Vor gut einem Monat habe ich beim frühmorgendlichen Blick auf mein Smartphone fassungslos festgestellt, dass die Amerikaner Donald Trump zum Präsidenten gemacht haben. Mitverantwortlich für die Wahl war die grosse Mehrheit der zur Wahlurne pilgernden strammen Christen des Landes, und ein Hauptgrund für diese Entscheidung war die Hoffnung, dass der Gewählte künftige Vakanzen im Supreme Court mit konservativen Richtern besetzt, um mit dem Umstossen von früheren Gerichtsentscheiden die Abtreibung wieder zu kriminalisieren und die Homosexuellen-Ehe zu verbieten.

Ich hatte und habe Verständnis für die Bedenken gegenüber Trumps Rivalin Clinton, und ich habe sowohl ennet dem Teich wie auch hierzulande christliche Freunde, die ich liebe und schätze und die sich für die Wahl von Trump ausgesprochen haben. Aber ich bin der tiefen Überzeugung, dass die Entscheidung gefährlich war und dass ihr ein falsches Verständnis für die Beziehung zwischen Staat und Kirche und davon, worum es im Leben eines Christen eigentlich geht, zugrunde liegt.

In Entscheidungen wie diesen und Vorstössen ähnlicher Art hierzulande äussert sich in meinen Augen ein Drang, Menschen, die sich nicht zu unserem Gott bekennen, die Gesetze aufzuzwingen, die wir nach unserem Verständnis aus der Bibel herauslesen. Diesen Versuch, in letzter Konsequenz einen christlichen Gottesstaat zu errichten, halte ich für selbstgerecht, unbiblisch und verfehlt und habe dementsprechend tiefe Vorbehalte gegenüber einem solchen Ansinnen.

Sie beginnen mit der Frage, was „die Bibel sagt“. Jede Generation dieser strammen Christen behauptet steif und fest, so, wie sie die Bibel versteht, sei es richtig. Dennoch verändert sich das menschliche Verständnis gegenüber der Bibel und dem, was sie aussagt, seit 2000 Jahren laufend. In Amerika wurde einst das Halten von Sklaven mit der Bibel gerechtfertigt, während es heute mit der Bibel verurteilt wird. Ich plädiere keineswegs für ein Wischi-Waschi-Evangelium, in dem alles relativ ist, aber wir sollten uns bewusst sein, dass auch unser heutiges Verständnis biblischer Wahrheit vielleicht nicht in jedem Detail dem entspricht, was das Buch eigentlich sagen will. Diese Erkenntnis sollte uns dazu bewegen, demütiger mit dem Wort Gottes umgehen, uns vertiefter mit einzelnen Aussagen auseinanderzusetzen und Sätze wie „Die Bibel sagt klar, dass“ mit äusserter Vorsicht zu verwenden.

Vor allem aber vergessen wir bei unseren fieberhaften Bemühungen, noch mehr Evangelium in die Verfassung zu drücken, dass sich die Bibel mit ihren Geboten an die Gläubigen richtet. Nur sie sind „Gottes Volk“, und das ist nun einmal in jedem Land rund um den Globus immer noch eine Minderheit. Wie Luther sich einmal in einer Predigt ausdrückte: „Der Heilige Geist hat einen kleinen Haufen.“

Zu versuchen, allen Menschen Gottes Gebote aufzuzwingen, kann nicht funktionieren. Das zeigt sich rasch, wenn wir die Probe aufs Exempel machen: Wenn wir erreichen möchten, dass die Menschen Gottes Wort folgen und wir dabei nach Prioritäten vorgehen, müssten wir mit dem  Gebot anfangen, dass Jesus als das Wichtigste angesehen hat: Liebe Gott mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deinem ganzen Verstand, und deinen Nächsten wie dich selbst. Aber wir versuchen nicht, ein solches Gesetz zu erlassen, weil man niemanden zwingen kann, Gott oder seinen Nächsten zu lieben. Der freie Wille steht dem im Weg, und diesen freien Willen hat Gott selbst in uns hineingelegt. Auch wir sollten ihn respektieren.

Natürlich gibt es Grenzen dieses freien Willens. Sie liegen dort, wo wir anderen Menschen mit unserem Verhalten schaden und damit deren freien Willen verletzen. Dafür ist der Staat, dafür sind seine Gesetze da, und natürlich können und müssen auch diese Gesetze immer weiter verbessert werden, da sich auch das Verständnis für Recht und Unrecht verändert und (hoffentlich) verfeinert. Früher „gab“ es keine Vergewaltigung in der Ehe, weil man davon ausging, dass der Mann das Verfügungsrecht über die Frau hat – ein Verständnis, das ebenfalls auf der Verzerrung einer Bibelstelle beruhte.

Natürlich sollen die Werte, die wir aus unserem Glauben schöpfen, unsere politischen Entscheide prägen; natürlich soll der Christ sich politisch engagieren und seine Werte in die Gesellschaft tragen. Unser Gott ist ein Gott des Lebens, und alles Leben ist ihm kostbar und heilig. Der Schutz des ungeborenen wie des geborenen Lebens, die Sorge um die Schöpfung und die Verantwortung für die Schwächeren in der Gesellschaft sind für mich Eckpfeiler eines Lebens als Christ, und deshalb plädiere ich für eine Gesetzgebung, die sich um die Schwächeren kümmert, der Umwelt Sorge trägt und dem Menschen nicht freie Verfügungsgewalt über Leben und Tod gibt. Wir dürfen aber die schmerzlichen Spannungen nicht ausblenden, die in unserer gefallenen Welt nun einmal gegeben sind. Schwangerschaft durch Vergewaltigung, ungeborene Kinder, die aufgrund von schweren Schäden nicht überlebensfähig sein werden, schwangere Frauen in existenziellen oder psychischen Nöten, unheilbar Kranke, die grosse Schmerzen haben und dieses Leiden nicht mehr ertragen können – all das gibt es, und wenn wir das ignorieren, um unsere Ideologie aufrechterhalten zu können, machen wir es uns zu einfach und fügen den Betroffenen tiefes Unrecht zu.

Ich verstehe den Schmerz am Zustand der Welt – ich empfinde ihn auch. Das Leben scheint immer weniger wert, der einzelne Mensch wird zu ein Rädchen im Getriebe der Wirtschaft reduziert, der gefälligst mit seiner Arbeit und seinem Konsum die Maschinerie ankurbeln soll. Der Umgang der Menschen miteinander scheint verroht, von allen geteilte Werte scheint es kaum mehr zu geben. Dennoch bin ich überzeugt, dass es nicht die Aufgabe unseres Staates ist, die Gebote unseres Gottes abzubilden oder biblisch begründetes Fehlverhalten zu bestrafen, und dass es demzufolge nicht Aufgabe der Christen ist, einen Gottesstaat zu errichten, in dem diese Gesetze durchgeboxt werden. Wenn wir uns darauf konzentrieren, verschwenden wir unsere  Energie, anstatt sie für unsere Hauptaufgabe einzusetzen – das Verkündigen der Guten Botschaft, das Gewinnen von Menschen für Gott, die Ausbreitung von Gottes Reich.

Als Jesus vor Pilatus stand, sagte er diesem, sein Reich sei nicht von dieser Welt. Er fuhr erklärend fort, wenn es das wäre, dann hätten seine Diener seine Verhaftung verhindert. Das gilt auch heute, auch für uns. Das Reich Gottes, für das wir uns einsetzen sollen, ist nicht der politische Staat, und kein politischer Staat der Welt ist „Gottes Nation“. Reich Gottes bricht dort herein, wo wir für andere einstehen, wo wir seine gute Botschaft bringen, etwas zu essen oder eine helfende Hand, wo wir für und mit Menschen beten, Barmherzigkeit üben, Freundlichkeit und Annahme und ein offenes Ohr schenken. So wirken wir in die Gesellschaft hinein, so gewinnen wir Menschen für Gott, und so und nicht anders entsteht überall dort, wo wir sind, „Reich Gottes“.

Woran wird die Welt erkennen, dass wir seine Jünger sind? An unseren Initiativen, mit denen wir anderen auferlegen, wie sie leben sollen? An unseren Regeln? Nein. Durch die Liebe, die wir füreinander haben, und durch die Liebe, die wir Gott und dem Nächsten schenken, wie es im Gebot steht, das Jesus das Wichtigste war.

Lasst uns diese Liebe üben. Dann kann es Weihnacht werden.