Ich habe lange keinen Snack mehr fabriziert – dafür ein heftiges Mea Culpa! Grund dafür war nichts Tragisches, sondern dass ich intensiv an der Überarbeitung meines Buches werkle und auch sonst viel läuft. Heute will ich endlich wieder einmal ein paar Gedanken teilen, und vielleicht wird es etwas schwer verdaulich, denn es geht um das Thema Zerbruch.

Wann wird aus einem Problem eine Krise, wann aus der Krise der Zerbruch? Wenn das Fundament unseres Lebens wankt oder bricht, wenn das, worauf wir unsere Identität bauen und woraus wir unsere Kraft ziehen, Gefahr läuft, sich in Nichts aufzulösen.

Wenn man diese von mir fabrizierte Definition liest, könnte man sich als Christ auf die fromme Wolke setzen und behaupten, dass der oder die Zerbrochene auf ein falsches Fundament gebaut hat. Ist nicht das einzige, was uns wirklich trägt, Gottes Liebe und der Wert, den wir aus seiner Liebe zu uns geschenkt bekommen haben, der Wert, den niemand uns nehmen kann?

Frei nach Radio Eriwan: Im Prinzip Ja. Aber seien wir ehrlich: Niemand lebt nur aus Gottes Liebe, und auch wenn wir fest in dieser Liebe verwurzelt sind, haben wir alle auch andere Bereiche im Leben, die für unser inneres Gleichgewicht und unser Wohlergehen wichtig sind.

Zerbruch deutet darauf hin, dass nicht nur eine, sondern alle Grundlagen wanken – oder zumindest alle, die für uns von Bedeutung sind. In manchen Fällen kann so auch der Zerbruch einer einzigen Grundlage unser ganzes Leben ins Wanken bringen.

Ich habe einen solchen Zerbruch vor über zehn Jahren erlebt, als eine Beziehung zu Ende ging. Alles andere in meinem Leben – meine Familie, meine Arbeit, meine Beziehung zu Gott – blieb damals bestehen, aber es half nichts, weil ich meinen Lebenssinn, meine Identität und meinen Wert daraus bezog, dass ich einen Partner hatte, mit dem ich gemeinsam in die Zukunft blicken konnte. Als er mich verliess, war diese Grundlage verschwunden, und ich blickte ins wüste Nichts. Ich konnte mir nicht vorstellen, ein glückliches und erfülltes Leben zu führen ohne einen Menschen, der mein Leben teilte, und so sehr ich mich auch bemühte, an dieser Idee gefallen zu finden: Es funktionierte nicht.

Einige Zeit nach der Trennung machte ich einen Trip zu Ikea und kaufte unter anderem zwei identische Tassen, auf denen riesige, rot-violette Herzen prangten. Das kitschige Design hatte es mir angetan, und ich stellte mir vor, dass diese Tassen das Symbol für die nächste Beziehung seien, die Gott schenken würde. Irgendwann in nicht so ferner Zukunft – so meine Hoffnung – würde ich mit einem geliebten Menschen aus diesen Tassen trinken und glücklich sein. Aber als ich Zuhause meine Sachen auspackte, fiel eine der Tassen auf den weissen Plattenboden und zerbrach.

Es war nur eine Ikea-Tasse, aber in dem Moment war diese Tasse weit mehr. Mit ihr zerbrach mein Traum und meine bisher einzige Strategie, Glück und Geborgenheit zu finden. Der lächerliche Verlust traf mich tief, und heute glaube ich, dass Gott erst in diesem Moment mit der Botschaft zu mir durchdrang, die er mir seit dem Ende der Beziehung hatte geben wollen:

«Ich habe für Dich im Moment keinen Partner. Lass mich dieser Partner sein.
Richte Deinen Blick jetzt auf mich, und alles andere wird sich weisen.»

In den kommenden anderthalb Jahren lernte ich, mein Leben auf andere Grundlagen zu stellen; nicht auf einmal, sondern Tag für Tag mehr. Irgendwann kam der Moment, in dem mir bewusst wurde, dass ich mein Leben tatsächlich auch ohne Partner lebenswert und wertvoll fand. Ich war damals 36 Jahre alt, und das erste Mal glaubte ich, dass ich auch glücklich sein konnte, wenn nie mehr ein Mann in mein Leben treten würde. Es war der Moment, in dem mein neues Leben anfing.

Es hat sich dann doch noch ein Mann gefunden, der es wagen wollte, und ich bin glücklich darüber. Aber ich bin noch glücklicher darüber, dass ich nicht geheiratet habe, weil er der letzte sein könnte, der Interesse zeigt, oder – ganz nach «When Harry met Sally» – damit ich sagen konnte, ich war verheiratet, sondern weil es richtig war.

Mein Zerbruch damals war massiver, als es von aussen ausgesehen haben mag. Alles, was ich gewesen war, lag in winzigen Scherben vor mir; ich konnte es nicht mehr zusammensetzen. Und das war gut so. Denn hätte nur eine Ecke gefehlt, hätte ich sie einfach wieder angeklebt, so gut es ging. So aber konnte Gott das Material nehmen und neu zusammensetzen, etwas daraus machen, das ich vorher nicht gesehen hatte.

Bin ich ganz anders aus der Krise herausgekommen? Oberflächlich betrachtet vielleicht nicht. Aber in meinem Kern hat sich etwas Tiefgreifendes verändert, und diese Veränderung trägt mich bis heute. Sie führt dazu, dass ich meine Entscheidungen nicht aus Angst treffe, etwas zu verlieren, denn was am wichtigsten ist, kann mir niemand nehmen.

Aus wem oder was ich Sinn und Wert beziehe, das prägt und kontrolliert mich. Wenn mein Wert daran hängt, wieviel Geld ich habe, schiele ich ängstlich auf den Kontostand. Hängt er an meinem Partner, bemühe ich mich angestrengt, ihn oder sie bei Laune zu halten, und treffe vielleicht falsche, aus Verlustangst getriebene Entscheidungen. Hängt mein Wert an meinem beruflichen Erfolg, setze ich mich täglich unter Druck, besser zu sein als andere.

Wenn ich meine Identität in Gott finde, der mich geschaffen hat, und im Wert, den er mir gegeben hat, kann ich mein Leben freier und kühner leben. Ich werde dennoch auf meinen Kontostand achten, werde zu meiner Partnerschaft Sorge tragen und in dem, was ich tue, mein Bestes geben, aber ich tue es nicht aus Angst, sondern weil es das Richtige ist, im Wissen, dass nicht alles, was geschieht, in meiner Macht liegt.

Nicht immer wird das Zerbrochene wieder ganz werden. Aber wenn ich bereit bin, Gott die Dinge zusammensetzen zu lassen, kann etwas Neues entstehen – ich kann neu erstehen.

Jedem, der im Moment Zerbruch erlebt, möchte ich diese Worte zusprechen.

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Vor kurzem habe ich erfahren, dass der Immobilienmarkt heute mit sogenannten Visualisierungsprogrammen arbeitet. Diese faszinierende Technik, die auch auf Aussenbereiche wie Parks angewendet wird, hat mich von Anfang an begeistert, dann aber noch ganz andere Gedanken in mir ausgelöst.

Was hat es mit dieser Visualisierung auf sich? Vielen Menschen fehlt es an räumlichem Vorstellungsvermögen. Wenn sie sich Bilder einer älteren Immobilie ansehen, können sie den Status quo nicht ausblenden und sehen deshalb die Möglichkeiten nicht, die in der Immobilie stecken. Eine mit Möbeln überfüllte Wohnung verdeckt den grosszügigen Grundriss; in einer anderen hängen dicke, lange Vorhänge vor der breiten Fensterfront.

Während ein Visualisierungsprogramm die Wohnung oder das Haus ins beste Licht rückt, zeigt es gleichzeitig die Veränderungs- und Erneuerungsmöglichkeiten auf. Wie sieht das Wohnzimmer jetzt aus, und wie könnte man es umbauen? Wie könnte eine neue Küche, ein neues Bad in dieser Wohnung aussehen? Welche Räume könnte man umbauen und umnutzen? 360-Grad-Bilder vermitteln einen faszinierenden Eindruck davon, wie beispielsweise aus einer biederen Endachtziger-Wohnung ein lichterfülltes, modernes Apartment entstehen könnte.

Eine vielversprechende Geschäftsidee. Doch in der Idee steckt für mich etwas noch Befreienderes und Hoffnungsvolleres, das sich auf unser Bild von uns selbst und Gottes Bild von uns übertragen lässt.

Oft sehen wir in unserem Leben nur das, was ist und das, was war – ob gut oder schlecht. Wie Kratzer im Parkett oder Flecken an den Wänden registrieren wir die Wunden und Narben, die das Leben uns zugeteilt hat. Die vielen Möbel in unserer Wohnung, die den grossen Grundriss verdecken, sind die (zu) zahlreichen Verpflichtungen oder Projekte, mit denen wir uns verzetteln und überanstrengen, ohne es zu merken. Die Vorhänge können ein Job sein, der gutes Geld bringt, aber eigentlich nicht zu uns passt und uns die freie Sicht auf unsere wahren Wünsche verdeckt. Wir haben Mühe, hinter dem Status quo zu entdecken, was in unserem Leben möglich ist.

Nicht so Gott. Er sieht hier und heute alle Optionen – auch die, die wir uns nie erträumt hätten. Er öffnet unseren Blick für das, was sein könnte, und schenkt uns damit die Kraft, die nötigen Schritte in Angriff zu nehmen. Vielleicht brauche ich eine Weiterbildung, um den Traum der Selbständigkeit zu verwirklichen. Vielleicht brauche ich eine Therapie, um Geschehenes zu verarbeiten. Vielleicht muss ich mich meiner Bitterkeit stellen und Menschen vergeben, um frei zu werden. Gott sieht es und zeigt es mir.

Das bedeutet nicht, dass ich im Status quo nicht genüge. Gott hat ein volles und herzhaftes Ja zu mir, und in diesem Wissen darf ich mich geliebt, angenommen und aufgehoben fühlen. Aber ich darf gleichzeitig glauben, dass ich mich verändern kann und soll – nicht, weil Gott noch nicht zufrieden ist, sondern weil er mich in den Menschen umgestalten will, der ich wirklich bin; in den Menschen, den er sich erdacht hat und den das Leben mit allen Dellen und Schlägen teilweise verformt, verhärtet und verwundet hat.

Gott sieht uns ganz – was war, was ist, was kommt. Er nimmt uns mit in die Zukunft, die er bereithält, wenn wir ihm vertrauen und uns durch ihn und durch die Menschen, die uns begegnen, verändern lassen. Dafür will ich offen sein. Ich entdecke immer wieder Seiten an mir, die noch nicht frei sind; die will ich Gott hinhalten und mich von ihm verändern lassen. Ich vertraue ihm, weil ich in meinem Leben die Kraft der Veränderung erkennen kann, die von ihm kommt.

Und ich will anderen als Geburtshelfer dienen. Auch in unseren Beziehungen konzentrieren wir unseren Blick oft nur auf das, was war, und das, was ist. Das hat eine gute Seite, wenn wir den anderen annehmen, wie er ist, aber es hat auch eine pessimistische. Jeder hat Verhaltensweisen, angeboren oder entstanden durch Verletzungen, die das Zusammenleben erschweren, schädigen und schlimmstenfalls Beziehungen zerstören. Wenn wir diese Verhaltensweisen einfach als gegeben betrachten, schaden wir den Beziehungen untereinander und zementieren den Status quo. Wir resignieren und sagen im Grunde, dass wir dem anderen – und damit auch Gott – nicht zutrauen, sich zu ändern.

Ich brauche Gottes Visualisierungsprogamm für mich selbst und für meine Mitmenschen. Ich will diese neue Sicht, will das, was durch ihn möglich ist, in mir und anderen Menschen sehen und an diesem Bild festhalten. Ich will andere Menschen durch mein hoffnungsvolles Bild ermutigen und freisetzen. Denn wir alle brauchen Menschen, die uns zwar annehmen, wie wir sind, die aber auch sehen, was noch werden kann.

Gerade habe ich mir einen österlichen Videoclip angesehen. Zum Hymnengesang des Mormon Tabernacle Choir ersteht Jesus von den Toten, sieht dabei aus wie ein weisser American Football Star und segnet im leuchtenden Gewand die Massen; alles dermassen kitschig, dass es zumindest mich nicht besonders berühren kann – wären da nicht die Wundmale. Die Wundmale am Leib des Auferstandenen.

Jesu makelloser Auferstehungsleib trug immer noch Löcher an den Stellen, an denen er „wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden“  durchbohrt wurde, wie es bei Jesaja heisst. „Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.“

Dieses Bild rührt und bewegt mich mehr, als ich artikulieren kann. Es verbindet den Triumph der Auferstehung mit dem dafür erduldeten Leiden und schafft Raum für die tiefe Wahrheit, dass es den Triumph ohne das Leiden nicht gibt, aber auch dafür, dass der Triumph nun endgültig, der Tod trotz der Wundmale besiegt ist.

In diesem Bild liegt eine Spannung, die manchmal schwer zu ertragen ist, und  manchmal lösen wir die Spannung auf, indem wir eine der beiden Seiten ausblenden. Lange Zeit wurde im traditionellen europäischen Christentum das Leiden in den Vordergrund gestellt. Der Lohn dieses Leidens auf Erden wartet dabei im Himmel, und der Triumph der Auferstehung rückt in die Ferne. Diese Richtung malt ein trockenes, hoffnungsloses Bild des Christenlebens auf Erden; ein Leben, in dem Wunder und Verheissungen wenig Platz haben.  Es ist ein Bild der Pflichterfüllung, in dem Leiden, die mich treffen, einfach anzunehmen sind – der Herr will es so, so sei es.

Heute ist dieses trocken-düstere Bild stark in den Hintergrund gerückt. Seit mehreren Jahren liegt der Schwerpunkt der tonangebenden Freikirchen auf der Auferstehung ohne das Leiden. Jesus trägt keine Wundmale; das Leiden wird ausgesperrt und verdrängt. Gott will alle heilen, und wenn Heilung auf sich warten lässt oder gar ausbleibt, ist es sicher nicht Gottes Schuld, sondern meine.

In dieser Theologie ist alles möglich, und mit ihrer Hilfe wollen wir das auch. Wir wollen mehr, aber nicht mehr Gott, sondern mehr Wunder, mehr Heilung, mehr Segen, mehr Bekehrungen und am Ende die Weltherrschaft.

Diesem Bedürfnis, die Spannung aufzulösen, liegt in beiden Fällen Angst zugrunde. Während die einen Angst vor der Macht und Verantwortung haben, die uns in der Auferstehung gegeben wird, haben die anderen Angst vor der Unsicherheit und Machtlosigkeit, die im Leiden liegt. Aber Auferstehung und Leiden gehören zusammen: Die Wundmale an den Händen des Auferstandenen waren da; in der triumphalen Ankunft des wahren Lichts, des Weissen, des Guten trug der Herr die Wunden des Leidens, das diesen Triumph ermöglichte.

Wenn wir uns nur auf das Leiden konzentrieren, nehmen wir die Macht und Autorität, die wir als Christen durch Jesu Tod und Auferstehung erhalten haben, nicht in Anspruch und werden unserer Aufgabe nicht gerecht. Aber wenn wir uns nur auf die Wunder und den Triumph konzentrieren, blenden wir aus, dass die Welt, in der wir leben, nun mal nicht ganz von Gottes Reich durchdrungen ist. Es ist da und nicht da; es bricht an immer mehr Orten und immer häufiger an, aber nicht vollständig.

Die Zeit, in der ALLE Tränen abgewischt werden, wird erst erfüllt sein, wenn der Herr wiederkommt. Bis dahin müssen wir diese Spannung ertragen und dürfen in unserer Theologie auch das Leiden nicht vergessen – die Fragen ohne Antwort, die Krankheit ohne Genesung. Ja, Gott ist alles möglich. Ja, er will unser Bestes. Aber daraus abzuleiten, wir wüssten genau, was passieren muss, und damit unsere menschlichen Wünsche den Absichten Gottes aufzudrücken, ist anmassend.

Gott ist mehrere Nummern grösser. Er hört, erhört unsere Gebete, aber was er tut oder nicht tut, werden wir nicht immer verstehen. So sehr wir uns danach sehnen mögen: Es gibt kein Rezept dafür, irgendetwas von Gott zu bekommen, und wer solche Rezepte verkauft, nützt nur sich selbst. Der Glaube an Gott ist kein Rezept für unser Glück auf Erden, die Erfüllung all unserer Wünsche. Glaube ist Beziehung zum Allmächtigen; ihm nachfolgen, in Triumphen und im Scheitern. Und allfällige Allmachtphantasien abzugeben.

An diesem Ostermontag umarme ich beide Interpretationen der Wundmale – die Erinnerung an das Leiden, aber auch den Beweis des Triumphs über den Tod. Ich umarme die Spannung, dass Gott alles möglich ist und ich sein Werkzeug zu Grossem sein darf, dass ich manchmal aber auch mit jemandem in der Dunkelheit ausharren soll.

Vor kurzem hatten wir im Kleintheater Grenchen einen Künstler zu Gast, auf den ich mich schon lange gefreut hatte. Ich wurde nicht enttäuscht: Stefan Waghubinger präsentierte fast zwei Stunden superber Unterhaltung. Trocken und lakonisch, tiefgründig, gleichzeitig alltagsnah und transzendental plauderte er über das Leben, den Glauben, die Steuererklärung und vieles mehr. Viele seiner Texte klingen nach, aber einer ist mir besonders geblieben, weil er etwas ansprach, das mich oft beschäftigt.

Waghubinger hat über sein Leben philosophiert und darüber, was dieses Leben ausmacht. Er hat sich die Frage gestellt, ob er etwas anders haben möchte und ob andere es besser haben. Dann sagte er lakonisch, so ganz tauschen möchte  er dann doch mit keinem.

So simpel er klingt, sagt dieser Satz enorm viel aus. Mir zeigt er, welchen Irrweg wir betreten, wenn wir andere um etwas beneiden.

Wenn wir Neid empfinden oder etwas begehren, was ein anderer hat, sagen oder denken wir schnell mal, dass wir gern „wären wie xy“ oder dessen Leben hätten. Etwas Bestimmtes erregt unsere Aufmerksamkeit oder unseren Neid – ein hoher Lebensstandard, Berühmtheit, ein knackiger Po, eine tolle Stimme, das super Selbstvertrauen, die Traumfamilie, eine verantwortungsvolle, prestigeträchtige Position – und wir möchten „das“ auch. Wir fragen uns, warum er/sie und nicht wir „das“ hat. Aber obwohl wir vielleicht kurz denken, dass wir mit ihm oder ihr tauschen möchten, wollen wir das im Grunde gar nicht.

Wir hängen an unserem Leben, so unzulänglich  und nicht perfekt es auch sein mag. Wir wollen unser Paket nicht tauschen.

Würden wir unsere Kinder hergeben, um den tollen Job zu bekommen? Unseren Beruf, um dafür den Knackpo zu kriegen? Nicht wirklich. Kommt dazu, dass bestimmte Pluspunkte auch bestimmte Minuspunkte nach sich ziehen. Die verantwortungsvolle Position geht mit Sicherheit mit einer gehörigen Portion Stress einher, mit wenig Zeit für Hobbies und anderes. Wollen wir das auch? Natürlich nicht. Wenn wir jemanden beneiden, dann sehen und wollen wir nur die Sahneseite und dazu alles, was wir sonst haben – also etwas, das es gar nicht gibt.

Dummerweise fällt uns das Beneiden leicht, und diese Neigung in uns wird von der Welt, in der wir leben, noch angeheizt. Die Werbung gaukelt uns vor, was wir alles haben könnten undzeigt uns das Neueste, das natürlich viel besser ist als das, was wir haben. Und falls wir es dann noch nicht wollen, sehen wir es an unseren Bekannten oder Freunden, und spätestens jetzt müssen wir es auch haben. Denn die Werbung vermittelt ja nicht nur, wie toll etwas ist und jeder, der es hat, sondern auch, dass jeder, der es nicht hat, keine Ahnung hat und nicht zum auserwählten Kreis gehört.

Abgesehen davon, dass dieser Drang des Neidens und Vergleichens unseren Geldbeutel belasten kann, hat er noch ernstere Folgen. Oft neiden wir anderen auch Gaben und Talente. Wenn wir glauben, dass andere mehr Talente haben und wir zu kurz gekommen sind, wird unser Blick für die Gaben getrübt, die uns geschenkt wurden. Und was wir nicht sehen, setzen wir nicht ein. Dabei ist das,  was wir sind und haben – all unsere Erfahrungen, unser Gaben, unsere Gegenwart mit all ihren Freuden und Leiden – der Stoff, mit dem wir die Welt prägen können.

Ich beneide selten jemanden, bin aber nicht immun. Aktuell bin ich am anfälligsten, wenn mir andere auf ihrem Weg zum Autor ein paar Schritte voraus sind oder Wege einschlagen, die für sie funktionieren, von denen ich aber weiss, dass sie nichts für mich sind. Wenn ich lese, dass eine Autorin innert sechs Monaten schon wieder ein Buch veröffentlicht hat und das nächste auch gerade fertig wird, kriege ich ab und zu ein flaues Gefühl im Magen und frage mich, warum ich nicht schneller arbeiten kann. Gleichzeitig weiss ich, dass mein Buch die Zeit braucht; nicht weil es besser, sondern weil es anders ist und ich anders bin.

Meistens jedoch kann ich Neid auf der Seite lassen, und vier Punkte oder Gedanken unterstützen mich dabei. Der erste ist Glückssache, zum zweiten habe ich beigetragen, der dritte ist eine Erkenntnis, die jedem offensteht. Der vierte ist transzendental und die Wurzel.

Zum einen habe ich tatsächlich viel von dem, was mir persönlich wichtig ist: viel Freiraum, eine Arbeit, die mir gefällt, daneben Zeit für meine Schreib- und Musikprojekte. Eine gute Gemeinschaft. Freunde, die mich nehmen, wie ich bin; eine tolle Familie, einen Mann, der mich in allem unterstützt und der dieses seltsame Wesen, das ich bin, versteht (oder zumindest nicht schreien davor flüchtet).

Zum zweiten habe ich mich mit bestimmten Mängeln oder Eigenarten meinerseits versöhnt. Ich würde die dickeren, gewellteren Haare immer noch nehmen, aber ich habe die Gegebenheiten der Natur akzeptiert. Ich wünsche mir nicht mehr, extrovertierter zu sein, sondern kann damit leben, dass Menschen mich im ersten Moment für etwas reserviert halten, und vertraue darauf, dass die Menschen, auf die es ankommt, tiefer sehen.

Zum dritten ist mir bewusst geworden, wie trennend und zerstörend Neid sein kann. Egal, ob es um die Erfolge anderer Autorinnen geht oder um bessere Gesangskünste, um ein tolleres Aussehen oder mehr Selbstvertrauen: Wenn ich andere beneide, treibe ich einen Keil zwischen mich und diese Menschen, und das ist lebenshindernd.

Zum vierten und letzte gibt es zumindest für mich nur eine Wurzel, die wirklich vom Neid befreit. Es ist die Gewissheit, dass weder das Mass an Gaben und Talenten, das ich habe, noch die existierende oder fehlende Anerkennung etwas über meinen Wert als Mensch aussagen. Wenn ich begriffen habe, dass dieser Wert unveräusserlich und unveränderlich ist, weil er mir von Gott gegeben wurde, kann ich anderen befreit gönnen, was Gott ihnen schenkt.

Damit werde ich frei, zu sehen und zu schätzen, was er mir gegeben hat, und das Beste aus mir herauszuholen – zu meiner Freude und zum Wohl aller anderen.

Wo seid Ihr anfällig für Neid? Im Kilobereich oder im Postenbereich, bei der Nasenform oder beim Gehaltscheck? Bei der Kinderzahl oder beim Handymodell? Ich freue mich auf Euren Kommentar!

Der Freitagmorgen ist bei mir meist eine Mischung aus Haushaltsführung und Stadtbummel: Ich beschäftige mich mit Staubsauger  und Putzlappen, fülle danach in der Drogerie meiner Wahl meine Gesichtspflege-, Shampoo- und Medikamentenbestände auf  und schlendere meistens noch über den Grenchner Wochenmarkt.

Letzten Freitag verschob ich die Staubsaugerei  auf den Nachmittag. Ich spazierte in die Stadt,  klapperte die Stationen auf meiner Liste ab und machte mich zum Abschluss auf den Weg zu einer Neueröffnung: Ein Primarschul-Gspänli feierte die Aufrichtung ihres Geschäfts „Per Te“ an einem neuen, grösseren Standort.

Josi und ich sind keinen Kilometer voneinander entfernt im Grenchner Arbeiter-Quartier aufgewachsen; ich an der Lingeriz- und sie an der Karl-Mathy-Strasse, und als Kinder sind wir manchen Nachmittag in Endlosschleife den steilen Hang hinter ihrem Wohnhaus hinuntergerollt. Als ich ins Progymnasium eintrat, trennten sich unsere Wege. Josi lernte später Floristin, und wir begegneten uns dann und wann in der Stadt, bis ich die Region in Richtung Fribourg verliess. Nach meiner Rückkehr in die Heimat vor sechs Jahren traf ich Josi dann ab und zu auf dem Monatsmarkt, wo sie an einem Stand Blumengestecke verkaufte. Kurz vor Weihnachten letztes Jahr wurde ich auf ihr Geschäft „Per Te“ aufmerksam, das sie als „Shop im Shop“ in einem Fotogeschäft führte.

Als ich an diesem nasskalten Februartag die Ladentür öffnete, betrat ich in ein anderes, helles und freundliches Universum. Holzwände in zartgrün und cremeweiss strahlten Fröhlichkeit aus und verbreiteten eine entspannte Atmosphäre. Originelle Blumenarrangements, italienische Köstlichkeiten, handgemachter Schmuck und nachhaltig hergestellte Kleidung, Taschen aus Recycling-Material, hübsche Grusskarten und Mitbringsel aller Art lockten das Auge, und mittendrin stand Josi, als ob sie nie woanders gewesen wäre.

Ich  machte einen intensiven Rundgang, suchte mir etwas aus und stellte mich damit an die Ladentheke, als ein so intensives Gefühl in mir aufstieg, dass es mir die  Tränen in die Augen trieb.

Das Gefühl war erst schwer zu verorten. Ich freute mich für Josi und für unsere kleine Stadt, die für das Gewerbe ein hartes Pflaster ist, und ich war stolz auf den Grenchner Pioniergeist, der etwas wagt und hinter dem viel Tatkraft und Entschlossenheit steht. Es war berührend, Josi zwischen ihren Blumen und mit viel Herzblut ausgesuchten Produkten zu sehen, gerade im Bewusstsein, dass der Weg an diesen Ort Geduld und einen langen Atem erfordert haben muss. Josi und ich sind Mitte Vierzig und keine jungen Hüpfer mehr, und ihr Erfolg beweist mir, was man erreichen kann, wenn man geduldig und hartnäckig Zeit und Herzblut investiert.

Das ermutigt mich auf meinem eigenen Weg, und die Gemeinsamkeiten, die ich trotz  in unseren Wegen erkenne, berühren mich. Josi und ich haben eine unterschiedliche Gabenpalette: Sie ist eine handwerklich äusserst begabte, warmherzige Frau, die liebevoll auf Menschen zugeht und für eine Arbeit mit menschlichem Kontakt geschaffen ist, während ich handwerklich fast ein Totalausfall bin und im Nu ausbrenne, wenn ich zu lange unter Leuten sein muss. Ich erkenne Schönheit, wenn ich sie sehe, aber ich lebe oft in meinem Kopf und meinen Gedanken und kann Schönes nur in Worten schaffen. Und doch verbindet uns, so glaube ich, ein gemeinsamer Wunsch: Menschen Freude zu bereiten und sie zu ermutigen. Und in diesem Wunsch liegt das Geheimnis dessen, was etwas tief in meinem Inneren in Josis Laden zum Klingen gebracht hat.

Während Josi mir und einer anderen Frau ihre Kleidermarken zeigte, die nachhaltige Produktion und die bequemen Schnitte anpries, bemerkte sie lächelnd,  dass perfekt geformte Frauen in verschwindend kleinen Mengen existierten und ihre Zahl sich in unserem Alter dramatisch verringere, dass es darauf aber nicht ankomme. Sie wolle Kleidung anbieten, in denen Frau sich wohlfühlt, sagte sie. In diesen Worten schwang etwas Lebensbejahendes und Befreiendes mit; ein liebevoller Blick auf die Schöpfung, der mit den Worten aus Psalm 139 sagt, dass sie „wunderbar gemacht“ ist. In Josis Laden sind die Dinge wunderbar gemacht – manche von ihr selbst, manche von anderen. Sie wurden mit Kreativität und Herzblut, Sorgfalt und Liebe hergestellt, und darin spiegelt sich der Kern von Gottes Wesen und dem, was er geschaffen hat.

Wenn ich diesen Kern betrachte, sehe ich ein grosses, unerschütterliches Ja zum Leben in jeder Form; ich sehe die Liebe zu allen Geschöpfen, sehe Gottes Kreativität bei der Erschaffung allen Seins. Und ich sehe die Wertschätzung, die Gott jedem einzelnen seiner Geschöpfe entgegenbringt. Das Gleiche spüre ich in Josis Wirken – ein Ja zum Leben und zum Gegenüber in Worten und Gesten, die aufrichten und befreien und einen loslassen lassen. Ihr Laden atmet Liebe und die Bereitschaft, jeden Menschen zu akzeptieren, wie er ist. Er atmet Ewigkeit.

Als ich den Laden verliess, wünschte ich Josi im Stillen Erfolg, aber ich bin mir sicher, dass sie ihn haben wird. Wenn unsere Welt heute etwas braucht, ist es Berührbarkeit, Annahme und Lebensbejahung; sind es Menschen, die uns vermitteln, dass wir es wert sind. Die Gaben, die Josi dafür einsetzt, habe ich nicht, aber wenn ich in dem, was ich mit Worten schaffe, nur einen Bruchteil dessen vermitteln kann, habe ich mein Ziel erreicht.

Meine diesjährige Suche nach dem „Wort des Jahres“ begann früh und verheissungsvoll: Ich hatte mehrere Ideen, und bald schon glaubte ich zu wissen, welche es werden sollte. Dann aber kam ich ins Grübeln, weil mir diese Favoriten so einseitig schienen.

Ich wollte konsequent meine Entscheidungen umsetzen und meine Ziele verfolgen, aber keinen Tunnelblick bekommen, der mich nur meine eigenen Interessen sehen lässt. Ich wollte achtsam und liebevoll sein, aber auch die Kraft haben, das durchzusetzen, was ich für richtig halte.

Zwei Wochen nach Jahresstart habe ich es schliesslich gefunden – das Wort, das mich dieses Jahr leiten und motivieren, inspirieren und ermutigen soll. Es heisst Commitment.

Dass es ein englisches Wort ist, war keine Absicht; es hat einfach am besten ausgedrückt, was mir wichtig ist. Und das Schöne ist, dass seine zahlreichen deutschen Entsprechungen all die Facetten dessen ausdrücken, was ich dieses Jahr ins Zentrum stellen will.

Zusage und Verbindlichkeit.

Verpflichtung und Engagement.

Bekenntnis und Bindung.

Selbstverpflichtung und Hingabe.

Ich habe dieses Jahr viel vor, und mit diesem Wissen und den Erfahrungen aus dem letzten Jahr habe ich meine Aufgaben etwas reduziert. Ich bin mir bewusst geworden, was ich nicht mehr machen will, und habe entsprechende Entscheidungen getroffen. Im Gegenzug will ich bei dem, was ich tue, mit ganzem Herzen dabei sein, und all diese Worte drücken das aus.

  • Dort, wo ich mich engagiere, gebe ich meine Zusage von Herzen und mache meine Sache verbindlich.
  • Meinen entsprechenden Aufgaben verpflichte ich mich und setze mich voll und ganz ein.
  • Zu meinen Beziehungen bekenne ich mich und pflege sie, damit Bindungen gestärkt und vertieft werden.
  • Meinen eigenen Projekten widme ich mich mit Selbstverpflichtung und Hingabe.

Wir entscheiden jahrein, jahraus, wofür wir uns einsetzen wollen, welche Beziehungen wir leben, wo wir unsere Tatkraft investieren wollen. Ab und zu müssen wir einen Blick auf das Ganze werfen und nötige Anpassungen vornehmen. Wenn wir unser „Palette“ dann ansehen und zufrieden sind, können wir loslegen und alles geben.

Und darauf freue ich mich. Ich freue mich auf ein spannendes Jahr voller Ziele, die ich erreichen, aber auch voller Momente, die ich einfach geniessen will. Und ich wünsche mir, dass ich Ende Jahr zurückblicken und sagen kann: Ich habe den Zielen, den Aufgaben und den Beziehungen, die zu meinem Leben gehören, dieses Jahr mein ganzes Herz geschenkt. Wo ich war, war ich echt und wahr, mit Haut und Haaren. Wenn ich etwas anpackte, dann mit allem, was mir zur Verfügung stand.

Während ich über diesen Wunsch nachdenke, steigt ein anderes Wort oder besser Sprichwort aus den Tiefen empor; eins, das ich in einem meiner geliebten Dick-Francis-Krimis gelesen habe. Es ist in Latein, einer Sprache, die ich sehr mag; und so stelle ich neben das Wort „Commitment“ diesen Schlachtruf, den ich nicht nur über diesem Jahr ausrufen, sondern irgendwann auch auf  meinen Grabstein setzen will.

QUANTUM IN ME FUIT – Ich habe mein Bestes gegeben.

Mich motiviert der Satz, ohne mich unter Druck zu setzen. Er setzt kein Ziel, das von anderen abhängt, keinen Massstab, den irgendwer setzt und den ich einhalten muss. Er setzt bei mir an, bei dem, was *ich* leisten kann. Das, und nur das kann und will ich geben. Es unterscheidet sich von dem, was andere geben können; –mal ist es mehr, mal ist es weniger.

Aber das macht nichts – solange ich mein Bestes gebe.

Was hast Du Dir vorgenommen, falls Du das mit den Vorsätzen überhaupt noch machst? Ich wünsche Dir in jedem Fall, dass Du Dich mit niemand anderem vergleichst und keine falschen Massstäbe an Dich legst und gerade dadurch dazu befreit bist, Dich voll und ganz einzusetzen für das, was Dir wichtig ist, darin Dein Bestes zu geben und Erfüllung zu finden.

 

Bildquelle: Pixabay

 

Wieder ist ein Jahr vollbracht, und vielen bleibt es als „Annus Horribilis“ voller Schreckensmomente in Erinnerung. Mein eigenes 2016 war ein Gemisch aus Licht und Schatten – Momente, an denen ich mich freue, und Leistungen, auf die ich stolz bin, stehen stressigen, herausfordernden Phasen gegenüber.

What’s up, world?
Aus der globalen Sicht kommen die politischen Umwälzungen, kommen Krieg und Terror in den Fokus. Ich frage mich wie schon so oft, ob der Mensch fähig ist, dazuzulernen, oder ob er dazu verdammt ist, immer und immer wieder dieselben Fehler zu begehen. Das offenbar unglaublich dringliche Bedürfnis so vieler, schwarz-weiß zu malen und einfachste Antworten zu basteln, damit sie in ihrer kleinen Welt wieder zufrieden sein können, irritiert mich, und ich ärgere mich, wenn offenkundig selbst intelligente Menschen die Vernetztheit vieler Katastrophen und Probleme, die sich im Moment auf dem Globus abspielen, zugunsten dieser einfachen Antwort, die ins eigene Weltbild passt, verleugnen.

Stolz und Demut
Im persönlichen Bereich wird mir im Rückblick bewusst, was ich dieses Jahr alles geschafft habe. Am meisten sticht für mich mein erster Romanentwurf heraus. Im Januar und Februar habe ich geplottet, danach recherchiert und die erste Rohfassung geschrieben, immer in Absprache und mit Unterstützung meiner Agentin. Ende Oktober hat sie das erste Mal den ganzen Text bekommen und mir viele wertvolle Hinweise gegeben, woran ich weiterarbeiten soll. Übers Jahr verteilt habe ich auch ein eigenes Lied und ein Video dazu aufgenommen, wir haben an unserem Haus eine Außenrenovation machen lassen, und daneben liefen Job und all die ehrenamtlichen Engagements in Kirche und Stadt – alles in allem viel, an dem ich mich freue und worauf ich stolz bin. Doch dem Stolz folgt die Demut auf dem Fuß. Wenn ich an meinen Roman und die weitere Bearbeitung denke, sehe ich, was ich alles noch lernen und verbessern muss, und denke ich an den Song, der Ende November herausgekommen ist, oder an die Hausrenovation und meine anderen Engagements, sehe ich, wie wenig davon ich allein hätte schaffen können.

Gott gehorchen – Verantwortung für mich selbst übernehmen
Ich habe dieses Jahr stark erlebt, dass sowohl Gehorsam gegenüber Gott als auch Eigenverantwortung einen wichtigen Stellenwert haben. Es gab Momente, in denen mir klar wurde, dass ich etwas tun soll, obwohl meine logische Analyse mir etwas anderes sagte; Momente, in denen ich einen Schritt ins Ungewisse machte, weil ich spürte, dass Gott den Schritt wollte. Genauso stand und stehe ich vor Entscheidungen, wo ich einfach gefordert bin, mittels einer klaren Analyse eine Entscheidung zu treffen und so die Verantwortung für mich und das, was mir anvertraut ist, zu übernehmen.

Menschlich-Allzumenschliches
Gerade im Bereich Mensch zu Mensch habe ich viel Gutes und Herausforderndes erfahren. Ich durfte erleben, dass ich mich anderen freudig und von Herzen widmen kann – wenn ich in guter Verfassung bin. Auf meine gute Verfassung muss ich aber mehr und mehr achten, denn sonst komme ich rasch an einen Punkt, wo mich jede menschliche Interaktion mehr Kraft kostet, als ich noch habe. Und meine Zeit und Kraft sind begrenzt – das ist eine der Haupterkenntnisse dieses Jahres. Ich war mehr als einmal an einem Punkt, den ich bisher nicht kannte und an den ich nicht mehr kommen möchte, eine Art innerer Erschöpfung, in der ich anderen und mir gegenüber nicht mehr der Mensch sein konnte, der ich wirklich bin. Um dieser Mensch sein zu können, muss ich noch mehr lernen, anderen  etwas zu verweigern und sie damit vielleicht zu enttäuschen. Nicht alle Menschen können oder wollen tief genug blicken und sich in andere hineinversetzen, und deshalb beurteilen sie eine Situation oft nur aus ihren eigenen Bedürfnissen und Interessen heraus. Als Mensch, der manchmal ohne es zu wollen die Bedürfnisse und Wünsche anderer oft so klar wahrnimmt wie die eigenen, darf ich diese eigenen nicht vergessen.

Wenn ich in dem, was mich dieses Jahr am meisten geprägt hat, einen gemeinsamen Nenner erkenne, dann ist es die wundersam-schreckliche, herausfordernd-schöne Ebene der menschlichen Beziehungen.

Unser Zusammenarbeiten, Zusammensein und Zusammenleben sind oft so herausfordernd, dass wir (oder zumindest ich) uns manchmal am liebsten aus allen Verpflichtungen, Engagements und Beziehungen an einen Ort zurückziehen möchten, an dem niemand etwas von uns will, wo wir niemanden enttäuschen können, uns aber auch von niemandem durch dessen Wünsche und Bedürfnisse unter Druck gesetzt fühlen müssen. Und doch können wir fast nichts allein – wir brauchen einander. Ja, wir sind und werden besser zusammen, einerseits, weil wir unsere Gaben vereinen, einander ausgleichen, unterstützen und weiterbringen, andererseits, weil wir uns aneinander reiben und gezwungen sind, unseren eigenen Schwächen ins Gesicht zu sehen und sie zu überwinden, um zusammen etwas erreichen zu können.

Das ist das Schwierige, aber auch Hoffnungsvolle, und ich bin sicher, dass Gott es so gewollt hat. Er ist ein Gott der Beziehungen und hat uns für Beziehungen geschaffen, mit ihm und untereinander. Und ich zumindest spüre, dass ich meine menschlichen Beziehungen nur mit Gottes Hilfe auf die Reihe kriege, mit Gott, der mir meine Fehler und Schwächen vor Augen führt, der mir aber auch klar aufzeigt, wenn ich mich schützen und Grenzen ziehen muss, auch wenn dies zuerst einmal zu Konflikten führt. Darin will ich, und das ist eine der Wünsche an mich selbst, noch mutiger und kompromissloser werden, um meine Beziehungen zu anderen noch echter, ehrlicher und lebendiger zu gestalten.

Für mich war 2016 kein Annus Horribilis, aber ein Jahr voller neuer Erkenntnisse über mich und die Welt. Heute lasse ich dieses Jahr voller Licht und Schatten, voller Freude und Schrecken hinter mir und sehe hoffnungsvoll nach vorn. Ich hoffe, Ihr kommt mit, und wünsche Euch ein segensreiches, hoffnungsvolles und erfüllendes 2017!