Vor über drei Jahren habe ich auf meinem Blog ein Post verfasst, das ich immer noch zu meinem liebsten zähle, und am heutigen Pfingsttag kommt er mir erneut in den Sinn. In diesem Post hatte „Madame de Meuron“ einen Gastauftritt; die Berner Burgerin, die zur Legende wurde, als sie einen Mann fragte, ob er jemand sei oder Lohn beziehe. Im Originalton: „Syt Dir öpper oder nämet Dir Lohn?“

Heute, so reflektierte ich damals, ist es umgekehrt: Nur wer Lohn bezieht, kräftig konsumiert und zum Bruttosozialprodukt beiträgt, „ist jemand“. Das Primat der Nützlichkeit beherrscht die Welt.

Als Christen können wir dem Primat der Nützlichkeit ein besseres, lebensbejahendes System gegenüberstellen, denn Gott als Hersteller des Produkts „Mensch“ hat ein klares Ja zu allen Menschen. Seine Worte aus Psalm 139, wonach wir wunderbar geschaffen sind, gelten dem Flüchtling, der ohne Ausbildung zu uns kommt, dem ungeborenen Leben, ob gesund oder abseits der Norm, und dem geborenen Leben − auch dann, wenn es alt oder krank und für das Bruttosozialprodukt nutzlos geworden ist. Gottes Wertesystem schliesst alle ein – seine Liebe macht uns nicht gleich, aber gleich wertvoll.

Aber leben wir Christen dieses Wertesystem? Ist uns jedes Leben gleich viel wert, und behandeln wir es so, oder geben auch wir dem Drang des Wertens nach?

Der Drang des Wertens und Vergleichens entlarvt unseren unstillbaren Wunsch, besser und „mehr“ zu sein als andere − Stolz, die Sünde, die uns von Gott getrennt hat.

Kann es sein, dass wir diese Sünde so perfekt in unser christliches Wertesystem integriert haben, dass wir sie nicht mehr erkennen? Dass wir deshalb unserem christlichen Auftrag, Gott und die Menschen zu lieben und das Evangelium zu verkündigen, nicht mehr gerecht werden?

Wir sind, meine ich, nicht so schlecht darin, uns um die Schwachen zu kümmern. Diese Aufgabe ist als zentraler Punkt der christlichen Nächstenliebe in unserer Tradition fest verwurzelt. Zwar löst die Migration auch unter uns Christen manchmal Ängste aus, aber die meisten sind sich einig  dass die in der Bibel zitierten Witwen und Waisen heute in der Gestalt von Flüchtlingen unsere Hilfe brauchen.

Wir haben heute andere  „blinde Flecke“ und verhärtete Stellen des Herzens. Sie zeigen sich nicht bei den klassischen „Schwachen“, sondern bei Menschen,  die wir als persönliche Konkurrenz, als Bedrohung unseres Weltbilds oder als Gefahr für die Moral ansehen.

Wie begegnen wir Christen, die ein anderes Glaubensverständnis haben? Überschütten wir sie mit giftigen Tiraden und sprechen ihnen den Glauben ab, oder können wir ihre Sichtweise stehen lassen und zivilisiert diskutieren? Und wie ist es in der Gemeinde? Teilen wir Leben miteinander und helfen einander, die Lasten zu tragen, oder halten wir heimliche Wettbewerbe ab, wer gesalbte und frommer ist, und neiden einander Segen und Erfolg?

Was ist mit den Menschen, die anders leben und an etwas anderes glauben?  Begegnen wir ihnen mit aufrichtiger Liebe und der Überzeugung, dass wir nicht besser sind als sie, oder denkt ein Teil von uns: „Danke Gott, dass ich nicht bin wie dieser?“

Haben wir vielleicht mehr Mitgefühl für die „Schwachen“ als für anders Denkende, anders Glaubende und anders Lebende, weil wir in unserer Sorge um die Schwachen gut dastehen, während die anderen uns in unserem Selbstverständnis bedrohen?

Die Welt braucht eine Währungsreform des Herzens. Wir Christen können Gottes lebensbejahendes Wertesystem weitergeben und damit diese Reform in Gang setzen, indem wir die Währung von Gottes Liebe verkündigen, die uns und alle Menschen freisetzt und jedem Leben einen unveräußerlichen Wert verleiht.

Aber auch wir Christen brauchen diese Währungsreform. Wenn wir unseren Verkündigungsauftrag erfüllen wollen, brauchen wir mehr Mitgefühl, Liebe und Annahme für Menschen, die nicht geografisch, sondern innerlich „von woanders“ kommen; Verständnis für Menschen in Lebenssituationen, in die wir uns nicht so einfach hineindenken können.

Die „Menschen der Welt“ warten nicht auf unsere Absolution oder auf süßliche Beteuerungen, dass wir sie trotz ihrer uns fremden Lebensweise und ihren in unseren Augen verwerflichen Verfehlungen lieben. Sie warten auf authentische Begegnungen, die ihnen zeigen, dass wir sie so annehmen, wie sie sind.

Für diese Annahme müssen wir uns weder „der Welt anpassen“, noch brauchen wir uns selbst oder unseren Glauben zu verleugnen. Was wir brauchen, ist das tief verwurzelte Wertesystem Gottes, die innere Überzeugung, dass kein Mensch mehr wert ist als der andere.

Dafür brauchen wir ein neues Herz und einen neuen Geist. Dies wird uns in der Jahreslosung 2017 verheißen, und Gott schenkt uns beides, weil er genau weiss, dass wir es weder selbst produzieren noch erarbeiten können.

Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.
Ez 36,26

 

Auf Pfingsten liegt die besondere Verheissung der Erfüllung durch den Heiligen Geist. Lasst uns diese Verheissung in Anspruch nehmen und niemals vergessen, dass jeder Mensch wunderbar gemacht ist. Ganz unabhängig davon, was wir vom einzelnen, von seiner Lebensführung, seinem Glauben und seiner Einstellung halten, wird sich an einem niemals etwas ändern:

Den Wert eines jeden Menschen bestimmt der Hersteller.
Und der hat keinen Ausschuss produziert und kein Garantieablaufdatum festgelegt.

DISCLAIMER: Ich habe meine Nicht-Mutterschaft eloquentest bewiesen, indem ich den Muttertag eine Woche vorverlegt habe. Auch mein Mann hat nichts gemerkt; die Schuld gebe ich den Onlinemedien, die schon die ganze Zeit über das Muttersein schwadronieren 🙂 Sei’s drum: Mütter (und natürlich auch Väter) verdienen unsere Achtung jeden Tag des Jahres. In diesem Sinne habe ich das Post nur leicht redigiert und lasse es stehen. Enjoy!

Bald schon ist Muttertag, und Kinderlose wie ich, die die eigene Mutter schon verloren haben, sind angesichts dieses Feiertags manchmal etwas ratlos. Weder werde ich gefeiert, noch kann ich meiner Mutter abgesehen von einem Besuch an ihrem Grab die Ehre erweisen. Diesen Besuch habe ich heute schon gemacht,  habe ein paar Fliedersträuche und Blumen aus unserem Garten zu einem Strauss zusammengestellt, am Grab meiner Ma gedacht. Und nun?

 

Als Kinderlose frage ich mich vor diesem Tag manchmal, wie die Mutterschaft mich wohl verändert hätte. Ziemlich sicher hätten Kinder meine Toleranz für Chaos, Lärm und Menschen, die etwas von mir wollen, erhöht – entweder das, oder ich wäre in der Klapsmühle gelandet. Und vielleicht hätte ein Kind, das in mir heranwächst und auf  mich angewiesen ist, das mich einfach liebt, mich weicher gemacht.

Bereue ich es, keine Mutter zu sein? Ja und nein. Ich frage mich, wie es sich angefühlt hätte, und gerade weil es so etwas Epochales und Unvergleichliches ist, hätte ein Teil von mir es gern  erlebt. Aber ich hatte nie einen starken Drang zur Mutterschaft, und heute spüre ich, dass mein Leben, wie es ist, zu mir passt. Es passt so gut zu mir und gefällt mir so sehr, dass ich manchmal fast ein schlechtes Gewissen habe.

Ich bin den Müttern in meinem Leben keine grosse Hilfe – da ich nie unbedingt ein Kind wollte, verspürte ich auch nie den Wunsch, das Fehlen von Kindern durch intensives Hüten auszugleichen, und habe diesbezüglich wohl weniger als das Durchschnittliche gemacht. Ich mag die Kinder in meinem Leben gern, ich liebe meine tollen Neffen und meine geniale Nichte, und ich freue mich sehr, wenn ich sie sehe – je länger je mehr. Ich weiss aber auch, dass der Grund dafür, dass ich jetzt mehr mit ihnen anfangen kann, der ist, dass sie älter werden und von Tag zu Tag weniger Kinder sind. Man verzeihe mir.

Was also kann ich tun, um Müttern meine Ehrerbietung zu erweisen? Ich werde tun, was ich einigermassen kann, und feiere sie mit Worten.

Merlyn und Levi
Mein Göttibub mit seinem jüngsten Bruder – kindred spirits!

Ich kenne viele tolle Mütter. Da ist meine Schwester, Mutter von vieren zwischen 8 und 18, die neben dem Muttersein eine Reitschule führt; dann zwei Freundinnen, beide mit einem Kleinkind, die ein grosses Arbeitspensum ausserhalb des Heims bewältigen; dann eine Freundin aus der Kirche, die drei Jungs grosszieht und Teilzeit als Lehrerin arbeitet – und viele mehr. Und obwohl ihre Art, Mutter zu sein, und ihre Lebensstile sich stark unterscheiden, haben sie alle etwas gemeinsam: Wenn ich sie mit ihren Kindern sehe, sehe ich die Liebe, die Annahme und den Stolz, die sie für ihren Nachwuchs empfinden. Ich sehe, wie sie die Kinder anleiten, ermahnen und ermutigen, ihnen zuhören, sich mit ihnen freuen und mit ihnen leiden. Und ich sehe an den Kindern, was für eine Auswirkung die Liebe ihrer Mütter auf sie hat. Ich sehe, gerade über mehrere Jahre, wachsendes Selbstvertrauen, wachsende Erkenntnis, wer man ist und was man kann, aber auch Fröhlichkeit und Unbeschwertheit. Und die Fähigkeit, selbst tief zu empfinden, mitzufühlen und zu lieben.

Sehe ich auch andere Momente der Mutterschaft? Oh ja. Ich sehe auch Frust, ich höre auch mal laute, genervte Worte. Mutter sein ist ganz sicher nicht nur eitel Freude, und sollte jemals jemand geglaubt haben, er könne das Leben penibel im Griff haben, dann dürfte es mit diesem Glauben mit dem ersten Atemzug des eigenen Kindes vorbei sein. Vielleicht sogar schon davor; vielleicht in dem Moment, in dem man erfährt, dass ein Leben in einem  heranwächst.

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Meine Schwester im Kiga – früht übt sich!

Die Mütter, die ich kenne, glauben ganz verschiedene Dinge. Die einen glauben fest an Gott, die anderen nicht. Aber alle sind sich gerade durch die Mutterschaft bewusst geworden, dass sie nicht alles unter Kontrolle haben und dass man damit leben muss, sein Kind nicht vor allem beschützen, seinen Weg ins Leben letztlich nicht steuern zu können. Und ich bin überzeugt, dass jede von ihnen dadurch einen tieferen Blick in das Leben und seinen Wert an sich gewonnen hat; sich verändert und verwandelt hat.

Liebe Mütter in meinem Leben, und liebe Mütter auf der Welt: Ich feiere Euch. Ich entbiete Euch meine Achtung für diesen schwierigen, gleichzeitig  erfüllenden wie herausfordernden Job, der keinem anderen gleicht. Ich feiere Euer Muttersein, ganz egal, wie Ihr es lebt, und egal, was Ihr glaubt: Heute segne ich Euch und Eure Kinder. Mögen sie blühen und gedeihen und in ihrem Leben das entwickeln können, was in sie hineingelegt wurde.

Be all blessed!

Gerade habe ich mir einen österlichen Videoclip angesehen. Zum Hymnengesang des Mormon Tabernacle Choir ersteht Jesus von den Toten, sieht dabei aus wie ein weisser American Football Star und segnet im leuchtenden Gewand die Massen; alles dermassen kitschig, dass es zumindest mich nicht besonders berühren kann – wären da nicht die Wundmale. Die Wundmale am Leib des Auferstandenen.

Jesu makelloser Auferstehungsleib trug immer noch Löcher an den Stellen, an denen er „wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden“  durchbohrt wurde, wie es bei Jesaja heisst. „Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.“

Dieses Bild rührt und bewegt mich mehr, als ich artikulieren kann. Es verbindet den Triumph der Auferstehung mit dem dafür erduldeten Leiden und schafft Raum für die tiefe Wahrheit, dass es den Triumph ohne das Leiden nicht gibt, aber auch dafür, dass der Triumph nun endgültig, der Tod trotz der Wundmale besiegt ist.

In diesem Bild liegt eine Spannung, die manchmal schwer zu ertragen ist, und  manchmal lösen wir die Spannung auf, indem wir eine der beiden Seiten ausblenden. Lange Zeit wurde im traditionellen europäischen Christentum das Leiden in den Vordergrund gestellt. Der Lohn dieses Leidens auf Erden wartet dabei im Himmel, und der Triumph der Auferstehung rückt in die Ferne. Diese Richtung malt ein trockenes, hoffnungsloses Bild des Christenlebens auf Erden; ein Leben, in dem Wunder und Verheissungen wenig Platz haben.  Es ist ein Bild der Pflichterfüllung, in dem Leiden, die mich treffen, einfach anzunehmen sind – der Herr will es so, so sei es.

Heute ist dieses trocken-düstere Bild stark in den Hintergrund gerückt. Seit mehreren Jahren liegt der Schwerpunkt der tonangebenden Freikirchen auf der Auferstehung ohne das Leiden. Jesus trägt keine Wundmale; das Leiden wird ausgesperrt und verdrängt. Gott will alle heilen, und wenn Heilung auf sich warten lässt oder gar ausbleibt, ist es sicher nicht Gottes Schuld, sondern meine.

In dieser Theologie ist alles möglich, und mit ihrer Hilfe wollen wir das auch. Wir wollen mehr, aber nicht mehr Gott, sondern mehr Wunder, mehr Heilung, mehr Segen, mehr Bekehrungen und am Ende die Weltherrschaft.

Diesem Bedürfnis, die Spannung aufzulösen, liegt in beiden Fällen Angst zugrunde. Während die einen Angst vor der Macht und Verantwortung haben, die uns in der Auferstehung gegeben wird, haben die anderen Angst vor der Unsicherheit und Machtlosigkeit, die im Leiden liegt. Aber Auferstehung und Leiden gehören zusammen: Die Wundmale an den Händen des Auferstandenen waren da; in der triumphalen Ankunft des wahren Lichts, des Weissen, des Guten trug der Herr die Wunden des Leidens, das diesen Triumph ermöglichte.

Wenn wir uns nur auf das Leiden konzentrieren, nehmen wir die Macht und Autorität, die wir als Christen durch Jesu Tod und Auferstehung erhalten haben, nicht in Anspruch und werden unserer Aufgabe nicht gerecht. Aber wenn wir uns nur auf die Wunder und den Triumph konzentrieren, blenden wir aus, dass die Welt, in der wir leben, nun mal nicht ganz von Gottes Reich durchdrungen ist. Es ist da und nicht da; es bricht an immer mehr Orten und immer häufiger an, aber nicht vollständig.

Die Zeit, in der ALLE Tränen abgewischt werden, wird erst erfüllt sein, wenn der Herr wiederkommt. Bis dahin müssen wir diese Spannung ertragen und dürfen in unserer Theologie auch das Leiden nicht vergessen – die Fragen ohne Antwort, die Krankheit ohne Genesung. Ja, Gott ist alles möglich. Ja, er will unser Bestes. Aber daraus abzuleiten, wir wüssten genau, was passieren muss, und damit unsere menschlichen Wünsche den Absichten Gottes aufzudrücken, ist anmassend.

Gott ist mehrere Nummern grösser. Er hört, erhört unsere Gebete, aber was er tut oder nicht tut, werden wir nicht immer verstehen. So sehr wir uns danach sehnen mögen: Es gibt kein Rezept dafür, irgendetwas von Gott zu bekommen, und wer solche Rezepte verkauft, nützt nur sich selbst. Der Glaube an Gott ist kein Rezept für unser Glück auf Erden, die Erfüllung all unserer Wünsche. Glaube ist Beziehung zum Allmächtigen; ihm nachfolgen, in Triumphen und im Scheitern. Und allfällige Allmachtphantasien abzugeben.

An diesem Ostermontag umarme ich beide Interpretationen der Wundmale – die Erinnerung an das Leiden, aber auch den Beweis des Triumphs über den Tod. Ich umarme die Spannung, dass Gott alles möglich ist und ich sein Werkzeug zu Grossem sein darf, dass ich manchmal aber auch mit jemandem in der Dunkelheit ausharren soll.

Vor kurzem hatten wir im Kleintheater Grenchen einen Künstler zu Gast, auf den ich mich schon lange gefreut hatte. Ich wurde nicht enttäuscht: Stefan Waghubinger präsentierte fast zwei Stunden superber Unterhaltung. Trocken und lakonisch, tiefgründig, gleichzeitig alltagsnah und transzendental plauderte er über das Leben, den Glauben, die Steuererklärung und vieles mehr. Viele seiner Texte klingen nach, aber einer ist mir besonders geblieben, weil er etwas ansprach, das mich oft beschäftigt.

Waghubinger hat über sein Leben philosophiert und darüber, was dieses Leben ausmacht. Er hat sich die Frage gestellt, ob er etwas anders haben möchte und ob andere es besser haben. Dann sagte er lakonisch, so ganz tauschen möchte  er dann doch mit keinem.

So simpel er klingt, sagt dieser Satz enorm viel aus. Mir zeigt er, welchen Irrweg wir betreten, wenn wir andere um etwas beneiden.

Wenn wir Neid empfinden oder etwas begehren, was ein anderer hat, sagen oder denken wir schnell mal, dass wir gern „wären wie xy“ oder dessen Leben hätten. Etwas Bestimmtes erregt unsere Aufmerksamkeit oder unseren Neid – ein hoher Lebensstandard, Berühmtheit, ein knackiger Po, eine tolle Stimme, das super Selbstvertrauen, die Traumfamilie, eine verantwortungsvolle, prestigeträchtige Position – und wir möchten „das“ auch. Wir fragen uns, warum er/sie und nicht wir „das“ hat. Aber obwohl wir vielleicht kurz denken, dass wir mit ihm oder ihr tauschen möchten, wollen wir das im Grunde gar nicht.

Wir hängen an unserem Leben, so unzulänglich  und nicht perfekt es auch sein mag. Wir wollen unser Paket nicht tauschen.

Würden wir unsere Kinder hergeben, um den tollen Job zu bekommen? Unseren Beruf, um dafür den Knackpo zu kriegen? Nicht wirklich. Kommt dazu, dass bestimmte Pluspunkte auch bestimmte Minuspunkte nach sich ziehen. Die verantwortungsvolle Position geht mit Sicherheit mit einer gehörigen Portion Stress einher, mit wenig Zeit für Hobbies und anderes. Wollen wir das auch? Natürlich nicht. Wenn wir jemanden beneiden, dann sehen und wollen wir nur die Sahneseite und dazu alles, was wir sonst haben – also etwas, das es gar nicht gibt.

Dummerweise fällt uns das Beneiden leicht, und diese Neigung in uns wird von der Welt, in der wir leben, noch angeheizt. Die Werbung gaukelt uns vor, was wir alles haben könnten undzeigt uns das Neueste, das natürlich viel besser ist als das, was wir haben. Und falls wir es dann noch nicht wollen, sehen wir es an unseren Bekannten oder Freunden, und spätestens jetzt müssen wir es auch haben. Denn die Werbung vermittelt ja nicht nur, wie toll etwas ist und jeder, der es hat, sondern auch, dass jeder, der es nicht hat, keine Ahnung hat und nicht zum auserwählten Kreis gehört.

Abgesehen davon, dass dieser Drang des Neidens und Vergleichens unseren Geldbeutel belasten kann, hat er noch ernstere Folgen. Oft neiden wir anderen auch Gaben und Talente. Wenn wir glauben, dass andere mehr Talente haben und wir zu kurz gekommen sind, wird unser Blick für die Gaben getrübt, die uns geschenkt wurden. Und was wir nicht sehen, setzen wir nicht ein. Dabei ist das,  was wir sind und haben – all unsere Erfahrungen, unser Gaben, unsere Gegenwart mit all ihren Freuden und Leiden – der Stoff, mit dem wir die Welt prägen können.

Ich beneide selten jemanden, bin aber nicht immun. Aktuell bin ich am anfälligsten, wenn mir andere auf ihrem Weg zum Autor ein paar Schritte voraus sind oder Wege einschlagen, die für sie funktionieren, von denen ich aber weiss, dass sie nichts für mich sind. Wenn ich lese, dass eine Autorin innert sechs Monaten schon wieder ein Buch veröffentlicht hat und das nächste auch gerade fertig wird, kriege ich ab und zu ein flaues Gefühl im Magen und frage mich, warum ich nicht schneller arbeiten kann. Gleichzeitig weiss ich, dass mein Buch die Zeit braucht; nicht weil es besser, sondern weil es anders ist und ich anders bin.

Meistens jedoch kann ich Neid auf der Seite lassen, und vier Punkte oder Gedanken unterstützen mich dabei. Der erste ist Glückssache, zum zweiten habe ich beigetragen, der dritte ist eine Erkenntnis, die jedem offensteht. Der vierte ist transzendental und die Wurzel.

Zum einen habe ich tatsächlich viel von dem, was mir persönlich wichtig ist: viel Freiraum, eine Arbeit, die mir gefällt, daneben Zeit für meine Schreib- und Musikprojekte. Eine gute Gemeinschaft. Freunde, die mich nehmen, wie ich bin; eine tolle Familie, einen Mann, der mich in allem unterstützt und der dieses seltsame Wesen, das ich bin, versteht (oder zumindest nicht schreien davor flüchtet).

Zum zweiten habe ich mich mit bestimmten Mängeln oder Eigenarten meinerseits versöhnt. Ich würde die dickeren, gewellteren Haare immer noch nehmen, aber ich habe die Gegebenheiten der Natur akzeptiert. Ich wünsche mir nicht mehr, extrovertierter zu sein, sondern kann damit leben, dass Menschen mich im ersten Moment für etwas reserviert halten, und vertraue darauf, dass die Menschen, auf die es ankommt, tiefer sehen.

Zum dritten ist mir bewusst geworden, wie trennend und zerstörend Neid sein kann. Egal, ob es um die Erfolge anderer Autorinnen geht oder um bessere Gesangskünste, um ein tolleres Aussehen oder mehr Selbstvertrauen: Wenn ich andere beneide, treibe ich einen Keil zwischen mich und diese Menschen, und das ist lebenshindernd.

Zum vierten und letzte gibt es zumindest für mich nur eine Wurzel, die wirklich vom Neid befreit. Es ist die Gewissheit, dass weder das Mass an Gaben und Talenten, das ich habe, noch die existierende oder fehlende Anerkennung etwas über meinen Wert als Mensch aussagen. Wenn ich begriffen habe, dass dieser Wert unveräusserlich und unveränderlich ist, weil er mir von Gott gegeben wurde, kann ich anderen befreit gönnen, was Gott ihnen schenkt.

Damit werde ich frei, zu sehen und zu schätzen, was er mir gegeben hat, und das Beste aus mir herauszuholen – zu meiner Freude und zum Wohl aller anderen.

Wo seid Ihr anfällig für Neid? Im Kilobereich oder im Postenbereich, bei der Nasenform oder beim Gehaltscheck? Bei der Kinderzahl oder beim Handymodell? Ich freue mich auf Euren Kommentar!

Der Erste Advent kommt mir in aller Regel zu früh. Ich kann an einer Hand abzählen, in welchen Jahren ich auf den Termin tatsächlich einen Adventskranz im Haus hatte oder wann das Kripplein schon aufgestellt, geschweige denn eine opulente Bekränzung und Schmückung der Wohnung vollzogen war. Ich finde das alles zwar schön (genauso wie ein aufgeräumtes, sauberes Haus), aber irgendwie kriege ich es einfach nicht hin (genauso wie…Ihr wisst schon).

Dieses Jahr ist keine Ausnahme – wenn überhaupt, ist es noch schlimmer als sonst. Mein Mann und ich sind gestern von ein paar Tagen Italienferien nach Hause gekommen, waren nicht mehr einkaufen und hatten vor der Abreise auch nichts mehr unternommen, um das Haus herzurichten. Aber das macht mir nichts aus, denn dass ich zu nichts kam, hat einen Grund. Das Wichtigste, was ich auf den Ersten Advent bereit haben wollte, ist geschafft:

„Echtes Licht“, mein Weihnachtsgeschenk an Euch und die Welt, ist veröffentlicht und auf meiner Shopseite zum Gratis-Download erhältlich. Ich freue mich riesig!

Ich vermeide es normalerweise, hier auf dem Blog viel Werbung für meine „Produkte“ zu machen, aber heute mache ich aus mehreren Gründen eine Ausnahme: Zum einen, weil das Lied gratis zu haben ist, weil ich mir sehr wünsche, dass viele von Euch es hören, und weil das Lied an das rührt, was mir auch auf dem Blog am wichtigsten ist.

Ich bin nun seit über drei Jahren am Bloggen, und meine Snacks haben unterschiedlichste Formen angenommen. Mal waren sie leicht, süss und luftig, mal voller Ballaststoffe, mal trockener und manchmal auch schwer verdaulich. Ich habe Euch an meinen Kämpfen und Freuden teilhaben lassen, und vielleicht habe ich es mit den Kämpfen manchmal etwas übertrieben.

Mit dem Release von „Echtes Licht“ ist mir wieder bewusst geworden, dass es mir in meinem Leben und meinem Schaffen vor allem um zwei Dinge geht: Ich möchte Licht, aber auch Wahrheit verbreiten.

Viele beanspruchen für sich, dass sie Licht verbreiten, aber nicht überall, wo Licht draufsteht, ist auch welches drin. Sehr oft ist das vermeintliche Licht trügerisch, und die Hoffnung und der Sinn, die es uns versprochen hat, stellen sich als Trugschluss heraus und locken uns auf einen Pfad, der uns dunkler, hungriger und trauriger zurücklässt. Darum ist Licht nur mit Wahrheit wirklich wertvoll; darum verschreibe ich mich nicht nur dem Licht, sondern auch dem Wahren.

Es mag anmassend wirken, wenn ich so von der Wahrheit spreche, aber im Grunde glaubt ja jeder von uns etwas – und ich kann nur über das schreiben, was mich selbst überzeugt. Was ich glaube, warum ich es glaube, wie ich dahingekommen bin und was es in mir bewirkt hat – das und mehr klingt in „Echtes Licht“ an. Das Video dazu wurde in Bern aufgenommen, der Stadt, die mit meiner Suche eng verbunden ist.

Ich hoffe, dass Ihr Euch das Video anschaut und Euch den Song holt, und ich hoffe noch mehr, dass er Euch in dieser Adventszeit ein Licht ist sein kann. Damit wünsche ich Euch eine schöne, besinnliche Adventszeit. Sucht und findet Momente der Stille, des Staunens, des Wunders und des Wunderns in dieser hektischen Zeit. Und auf bald…!

 

 

In den letzten Wochen waren die Sozialen Medien vor allem eine Arena für die US-Wahlen, und sicher bin ich nicht als einzige erleichtert, dass dieser Zirkus vorbei ist. Was uns dagegen erhalten bleibt, ist die manchmal tröstliche Funktion von Facebook, Twitter und Co. als Echokammer, die uns nur das zeigt, was wir sehen wollen. Ich freue mich zum Beispiel immer, wenn in Gruppen wie „Introvertierte sind der Hammer“ oder  „Es ist ok, introvertiert zu sein“ ein treffendes Bildchen mit Spruch in meiner Timeline aufscheint und ich mich für einmal total verstanden fühle. Ja, genau! So bin ich auch! Schöne Sache.

Manchmal überraschen einen aber auch die vermeintlich Gleichgesinnten. So las ich letztens in einer dieser Gruppen den folgenden Satz:

„Ein Freund sorgt dafür, dass Du Dich gut fühlst.“

Ich habe eine ganze Weile über diese Aussage gegrübelt, doch auch nach dieser Weile war meine Antwort dieselbe wie beim ersten Lesen, nämlich:

Eigentlich nicht. Also schon. Aber nicht nur.

Die Aussage hat mit Intro- und Extrovertierten wohl nur beschränkt zu tun, denn es haben sich auch einige dieser besagten Introvertierten mit anderen Meinungen geäussert. Einer der Kommentatoren hat sich in etwa so ausgedrückt.

„Freunde sind dazu  da, Dich zu ermutigen und anzufeuern und  Dich aufzurichten, wenn es Dir schlecht geht. Sie sind aber auch dazu da, Dich in Liebe darauf hinzuweisen, dass Du hier und heute gerade auf dem falschen Dampfer oder schlicht und einfach ein A*** bist.“

Ich vermute halb, dass der Poster hinter diesem Kommentar wie ich zur sehr seltenen Sorte der INTJ gehört  (was es mit diesen Persönlichkeitstypen-Sachen auf sich hat, findet sich unter anderem hier). Ich kann jedenfalls seiner Aussage nur zustimmen, denn auch ich wünsche mir von meinen Freunden beides.

Ich freue mich über Unterstützung und Ermutigung, aber ich will keine ständige Lobhudelei. Wer unreflektiert alles, was ich mache, genial findet, wird für mich unglaubwürdig; schliesslich weiss ich genau, dass ich nicht perfekt bin. Ich brauche Freunde, die mir helfen, der Mensch zu werden, als der ich gedacht bin, und so ein Mensch und Freund will ich auch sein.

Allerdings scheint der Wunsch nach Wohlfühlmach-Freunden, wie sie im ersten Zitat beschrieben werden, doch weit verbreiteter zu sein. In meinem Fall kommt dazu, dass ich auch sonst  asozial wirken kann und in seltenen Fällen im Eifer des Gefechts Leute vor den Kopf stosse. Diese Überlegungen und entsprechende Erfahrungen haben mich zeitweise dazu gebracht, an meiner Fähigkeit zu zweifeln, ein guter Freund zu sein. Was, wenn ich Menschen emotional nicht genug unterstütze, alle enttäusche und verletze und irgendwann niemand mehr mein Freund sein will?

Inzwischen glaube ich, dass auch ich ein guter Freund sein kann – allerdings nur für den, der weiss, worauf er sich einlässt. Und damit jeder, der an einer Freundschaft mit einem INTJ interessiert ist, künftig weiss, was ihn erwartet und sich dafür oder dagegen entscheiden kann, präsentiere ich hiermit den INTJ als Freund – mit allem, was dazugehört.

Der INTJ-Freund…

…wird nicht oft und in kurzen Abständen die Initiative für ein Treffen ergreifen, Dich anrufen oder den Kontakt halten – da kann schon mal etwas Zeit verstreichen. In schriftlicher Kommunikation ist er meist besser, aber wenn Du die Tiefe Eurer Freundschaft an der Anzahl Eurer Interaktionen misst, wird es schwierig.

…neigt nicht zur Zurschaustellung von Gefühlen. Das ist nur teilweise gewollt; er kann das einfach nicht so. Das heisst aber nicht, dass er sich nicht freut, wenn es etwas zu freuen gibt. Er freut sich einfach auf seine Art – mit einem dezenten Lächeln und einem dummen Spruch oder einer schönen schriftlichen Nachricht.

…ist nicht sonderlich spontan. Wenn Du ihn fragst, ob er am gleichen Abend Lust auf ein Feierabendbier hat, wird er in 99% aller Fälle nein sagen. Wenn Du ihn aber fragst, ob Ihr Euch in den nächsten zwei Wochen mal verabreden wollt, ist er in der Regel dabei und freut sich auf die Zeit mit Dir.

…kann arrogant wirken und rechthaberisch sein. Er hat einen Instinkt für verborgene Motive und Falschheit und einen höchst empfindlichen Radar für Manipulationsversuche, und er hat keinen schlechten Sinn für Logik. Das alles nährt sein Gefühl, alles zu wissen; aber wenn er etwas reifer ist, weiss er auch, dass er sich irren kann.

…hat manchmal mehr Stolz, als gut für ihn ist. Wenn Du ihm sagst, dass Du ihn nicht mehr sehen willst, wird er das wahrscheinlich hinnehmen und Dich ziehen lassen. Nicht, weil Du ihm nichts bedeutet hast, sondern weil er seine Freundschaft niemandem aufzwingen will.

Das klingt vielleicht wenig berauschend, aber der INTJ hat auch ein paar tolle Eigenschaften, wenn man sie denn mag:

Er ist ehrlich und macht Dir nichts vor.

Wenn Ihr Euch verabredet, ist er da. Wenn er ja sagt, meint er ja und bleibt dabei.

Er macht Freundschaft nicht von Weltanschauungen abhängig, sondern von Charaktereigenschaften und Persönlichkeit. Du musst nicht alles gut finden, was er gut findet, musst nicht an denselben Gott glauben, nicht die gleiche Musik mögen und nicht die gleiche Partei wählen, und es ist ihm egal, was Du isst und was nicht.

Er macht vielleicht nicht viele Worte, aber wenn Du ihn wissen lässt, dass es Dir schlecht geht und Du ihn brauchst, dann schwingt er sich auf seinen Gaul und kommt angerauscht, um für Dich da zu sein.

Und hier der last – but not least. Das, was ich am INTJ als Freund am wertvollsten finde, vielleicht, weil ich mir das auch am meisten von einem Freund wünsche:

Als Freund eines INTJ musst du ihm nichts „nützen“ oder irgendwelche emotionale oder andere Leistungen bringen, denn der INTJ ist im Grunde auch allein glücklich. Das ist für manche Menschen der Abturner schlechthin, aber es hat eine andere Seite: Wenn Du ihm am Herzen liegst, dann Deinetwegen und nicht wegen etwas, das er durch Dich erreichen oder von Dir lernen kann (obwohl ihn die Menschen am meisten faszinieren und inspirieren, die ihm etwas voraushaben). Du bist für ihn kein Instrument – der INTJ ist Dein Freund, weil Du DU ist. Es ist sein Wunsch, Dich zu verstehen, Deine Träume, Deine Wünsche, Deine Ängste und Deine Ansichten zu kennen. Wenn er Dein Freund ist, freut er sich über nichts mehr als darüber, dass Du Deine Flügel ausbreitest und Dein Leben in Fülle lebst.

Falls Du das jetzt gar nicht so übel findest, fragst Du Dich vielleicht, was Du mitbringen musst, damit eine Freundschaft mit dem INTJ gelingen kann. Hier meine Hinweise:

Du solltest ehrlich sein und Ehrlichkeit aushalten.

Du solltest bereit sein, auch Deine eigenen Schwächen zu anerkennen und zu zeigen.

Du solltest bereit sein, Dich zu hinterfragen, denn wie der INTJ sich selbst ständig hinterfragt, hinterfragt er auch andere. Wenn Du ihm wichtig bist, will er Dich verstehen. Wenn er Dich nicht versteht, wird er nachhaken. Und wenn er glaubt, dass Du Dir nicht gerecht wirst oder gerade Mist baust, wird er es sagen.

Ich weiss inzwischen, dass es Leute gibt, die den INTJ schätzen und die gemerkt haben, dass auch ich kein gefühlskaltes Monster bin. Die Art, in der ich dieses Post geschrieben habe, zeigt mir aber auch, dass es mich immer noch quält, wenn mich jemand für dieses Monster gehalten hat. Auf meine Weise habe ich inzwischen Frieden gemacht mit meinem Wesen und der Art Freundschaft, die ich bieten kann, und ich bemühe mich auch um diesen Frieden mit meinem Versagen und mit den Fehlern, die ich begangen habe und die mich Beziehungen gekostet haben. Und als Teil meines inneren Friedenmachens präsentiere ich einen letzten Hinweis auf den INTJ, der zumindest für mich wahr und wichtig ist.

Der INTJ findet nicht oft Menschen, zu denen er tiefen Zugang hat, mit denen er über Gott, die Welt und sich selbst reden und gleichzeitig über alles Mögliche lachen kann. Wenn Du einem INTJ so ein Freund warst, wird er Dich niemals vergessen. Und selbst wenn Ihr im Streit auseinander gegangen seid: Wenn du nicht gerade zu einem Monster mutiert bist (und zumindest ich habe unter meinen früheren Freunden keine solchen), dann will er auch nach Eurer Freundschaft noch, dass es Dir gut geht. Er wird sich immer wünschen, dass Du das Leben lebst, das Dich erfüllt. Und er wird Dich (wenn er zu den noch selteneren frommen INTJs gehört) weiterhin segnen, in seine Gebete einbeziehen und Dir das Beste wünschen.

Was sagt Dir das alles, wenn Du keiner von dieser seltsamen Sorte bist? Ganz einfach: Wenn selbst der manchmal hochmühsame INTJ Freunde finden kann, die ihn schätzen und lieben für das, was er ist, dann kannst DU, Mensch einer weniger sperrigen Sorte, das mit Sicherheit, und zwar ohne dass Du Dich verbiegen musst. Es gibt Menschen, die DICH suchen, wie Du bist, und die von genau den Eigenschaften in Dir beschenkt werden, die für andere ein No-Go sind.

Das heisst nicht, dass wir nicht dazu aufgefordert sind, uns ab und zu zu hinterfragen. Wenn wir eine blutige Spur von Streitereien hinter uns her ziehen, kann es sinnvoll sein, wenn wir uns fragen, was unser Teil an der Sache gewesen sein könnte, und ob wir bestimmte Charakterzüge an uns etwas bearbeiten sollten. Aber es den Kern unseres Wesens müssen wir deshalb nicht verändern.

Aus einem bestimmten Grund hat Dich einer so gemacht – also steh dazu. Oder anders gesagt: Sei Du selbst, alle anderen gibt’s schon.

***

Liebe fellow INTJs: Seid ihr ähnlich drauf, oder bin ich schon fast zu weich für einen echten INTJ? Und liebe andere: Was erwartet IHR von Euren Freunden? Was für ein Freund seid IHR? Ich freue mich auf Eure Kommentare…!

Seit ich vor bald drei Jahren mit dem Bloggen angefangen habe, warte ich auf den richtigen Moment für diese Story. Ich werde wohl nie die perfekten Worte finden; trotzdem sollt ihr heute erfahren, warum ich seit 5 Jahren keinen Alkohol mehr trinke.

Die Antwort ist simpel:  Ich trinke nicht, weil ich nicht mit Alkohol umgehen kann. Bis zu dieser Einsicht brauchte ich allerdings 20 Jahre und mehr grenzwertige Erlebnisse, als mir lieb ist.

Dabei begann meine nähere Bekanntschaft mit Alkohol relativ spät: Den ersten Rausch hatte ich kurz nach meinem zwanzigsten Geburtstag an einem so harmlosen Event wie dem Pfadfindermaskenball. An der farbig geschmückten Bar gab es auf die ersten Drinks einen Rabatt, und ich begann die Party fröhlich mit einem Prosecco, gefolgt von einem Eierlikör – das sollte Kennern genug über meinen Greenhornstatus sagen.

Der Abend nahm seinen Lauf, an den ich mich nur verschwommen erinnere, und irgendwann brachte mich ein verantwortungsvoller Pfadfinderkollege nach Hause. Ich verbrachte den nächsten Tag im Bett, unterbrochen mit Abstechern ins Badezimmer und jammervoll-verkaterten Schwüren, dass ich nie mehr so viel trinken würde.

Im Herbst des gleichen Jahres fing ich an der Uni an, und im darauffolgenden Sommer trat ich einer Studentenverbindung bei, bekanntermaßen kein gutes Umfeld für Leute, die mit dem Alkoholkonsum ein Problem haben. Das trinkfreudige Umfeld verschleiert die Grenzen zwischen Leuten, die exzessiv feiern, und latenten Alkoholikern. Und bei mir war es nun mal so, dass ich meistens nicht wusste, wann genug war. Es konnte gut gehen – oder auch nicht.

Es mussten sieben Jahre mit etlichen Beinahekatastrophen (zum Beispiel zwei Rippenbrüchen und eine Gehirnerschütterung) vergehen, bis mir zum ersten Mal dämmerte, dass es eben NICHT geht. 1999 schwor ich dem Alkohol ab, war zweieinhalb Jahre abstinent und fühlte  mich pudelwohl. Dann fanden Freunde, dass ich nach all der Abstinenz mein Problem sicher ausgewachsen hätte und jetzt „normal“ trinken könnte. Ich beschloss, es sei einen Versuch wert, und es ging eine Weile gut. Dann kam irgendwann der erste Ausrutscher, dann weitere, und  innert Kürze war alles wie gehabt.

Dabei trank ich nicht täglich Alkohol, und obwohl ich in Gesellschaft auch aus Schüchternheit gern zu einem beruhigenden Glas griff, konnte ich gut auf Alkohol verzichten. Doch sobald ich welchen trank, war das Ende ungewiss. Viel zu oft schien ein Schalter in meinem Hirn durchzuschmoren, und ich wollte einfach noch ein Glas und noch eins – bis zum bitteren Ende.

Das Schlimmste am Ganzen war für mich und die Menschen, die mir am nächsten standen, dass ich unter Alkoholeinfluss ein anderer Mensch war. Ich war keinem vernünftigen Argument zugänglich, und es war mir plötzlich egal, was ich mir im nüchternen Zustand vorgenommen hatte. Ich war ausgelassen und fröhlich, solange ich weitertrinken konnte, und reagierte giftig und aggressiv, wenn jemand mich daran hindern wollte.  Und wenn die Voraussetzungen ungünstig waren und niemand da war, um mich vor mir selbst zu beschützen, tat ich Dinge, an die ich mich am nächsten Tag kaum erinnern konnte, für die ich mich aber zutiefst schämte.

Als ich gläubig wurde, löste sich das Problem nicht in Luft auf, aber in den folgenden Jahren setzte ich mich intensiv mit der Alkoholfrage auseinander.  Mir wurde immer bewusster, dass ich unter Alkoholeinfluss nicht der Mensch war, der ich sein wollte, und dass mein Trinken diesen Menschen  erstickte und am Blühen hinderte. Zwischen 2004 und 2011 nahm ich deshalb mehrere Anläufe für ein abstinentes Leben, die ich alle wieder abbrach.

Und dann kam der 15. Mai 2011.

Ende Dezember 2010 hatte ich wieder einmal eine abstinente Phase unterbrochen. Am 22. Januar 2011 war ich 40 geworden, und in den Monaten bis zum Mai hatte mein Konsum wieder deutlich zugenommen. An diesem Sonntagnachmittag trank ich in unserem Wintergarten nach einer Musikprobe ein Bier, und als es leer war, packte mich der körperliche Drang zu trinken mit einer Kraft, die mir eine unglaubliche Angst einjagte. Ich ging spazieren, um auf andere Gedanken zu kommen, aber es half nichts. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich das nicht mehr wollte. Nie mehr wollte.

abstinenz 2Ich stellte das Trinken ein und vereinbarte ein Gespräch mit unserem Gemeindeseelsorger. Am 7. Juni 2011 erzählte ich ihm meine Geschichte, und er bestärkte mich in  meinem Entschluss, wofür ich ihm bis heute dankbar bin. Am selben Tag unterzeichnete ich eine Enthaltsamkeitsverpflichtung, die ich seither immer bei mir trage. Sie war meine Art, alle Brücken hinter mir abzubrennen; ein Versprechen an Gott, von dem ich wusste, dass ich es nicht brechen würde.

Trotz fünfjähriger Abstinenz sehe ich mich heute nicht als geheilt an. Das, was die Sucht in mir auslöst, ist wahrscheinlich noch da. Aber ich schäme mich nicht, weil ich nicht trinken kann – entgegen der Annahme derer, die das Problem nicht haben, ist kontrolliertes Trinken in so einem Fall nichts, was man mit Willenskraft hinkriegen kann. Der Alkohol ist mein „Stachel im Fleisch“ – etwas, das ich nicht beherrschen kann und das mich daran erinnert, dass ich in einem bestimmten Punkt schwach bin. Es hat eine Portion Demut gebraucht, mir diese Schwäche einzugestehen, aber gerade aus dieser Demut wächst Freiheit: Die Freiheit, mich für ein Leben „ohne“ zu entscheiden.

Ich bin zutiefst überzeugt, dass Gott jede Krankheit heilen und jede Einschränkung auflösen kann, aber ich habe aufgehört, mir diese Art Befreiung zu wünschen. Ich akzeptiere meinen Stachel in der Gewissheit,  dass es so genau richtig ist. Natürlich wäre es manchmal angenehmer, das tun zu können, was andere tun, und nicht aus dem Rahmen zu fallen. Aber ich sehe es als meine Aufgabe an, offen zu meiner Schwäche zu stehen.

Wir alle haben Beschränkungen – manche werden von der Gesellschaft als Krankheit angesehen, manche nicht; manche werden sogar als Tugenden gefeiert. Doch keine davon sagt etwas darüber aus, wer wir sind und wieviel wir wert sind. Und manchmal verherrlicht sich Gott durch unser Zeugnis, indem wir unseren Stachel tragen, damit zeigen, dass wir in dieser Hinsicht „anders“ oder schwach sind, und uns dennoch geliebt und wertvoll fühlen.

Natürlich ist Abstinenz ab und zu herausfordernd.  Ich kann Stress nicht abdämpfen und kann mich an Events nicht „locker machen“, was für mich früher sehr wichtig war. Und wenn der Pegel an Feuchtfröhlichkeit den Punkt überschritten hat, an dem es auch für Nüchterne lustig ist, kann es nerven. Aber das alles sind Peanuts – ich sehe heute, wie mich die Abstinenz in 5 Jahren verändert und befreit hat, und bin unglaublich dankbar. Ich habe meine Berufung gefunden, lebe ungefährlicher, bin gesünder, ausgeglichener und selbstbewusster.

Italia Pfi 1Dieses Wochenende war ich mit Freunden in Italien. Wir hatten eine schöne Zeit zusammen, und während die anderen Weingüter besuchten und die aktuellen Ripassos und Amarones testeten, habe ich Spaziergänge durch die wunderschöne Landschaft, ein paar schöne Fotos und bei Bedarf ein Nickerchen im Gras gemacht. Und in den Momenten, wo mich das Ausgeschlossen sein belastet, denke ich an Philipper 4.13.

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„Und auf dass ich mich nicht durch die Überschwänglichkeit der Offenbarungen überhebe, wurde mir ein Dorn für das Fleisch gegeben, ein Engel Satans, auf dass er mich mit Fäusten schlage, auf dass ich mich nicht überhebe. Für dieses flehte ich dreimal zum Herrn, auf dass er von mir abstehen möge. Und er hat zu mir gesagt: Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht. Daher will ich am allerliebsten mich vielmehr meiner Schwachheiten rühmen, auf dass die Kraft des Christus über mir wohne. Deshalb habe ich Wohlgefallen an Schwachheiten, an Schmähungen, an Nöten, an Verfolgungen, an Ängsten für Christum; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“

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