Vor kurzem habe ich erfahren, dass der Immobilienmarkt heute mit sogenannten Visualisierungsprogrammen arbeitet. Diese faszinierende Technik, die auch auf Aussenbereiche wie Parks angewendet wird, hat mich von Anfang an begeistert, dann aber noch ganz andere Gedanken in mir ausgelöst.

Was hat es mit dieser Visualisierung auf sich? Vielen Menschen fehlt es an räumlichem Vorstellungsvermögen. Wenn sie sich Bilder einer älteren Immobilie ansehen, können sie den Status quo nicht ausblenden und sehen deshalb die Möglichkeiten nicht, die in der Immobilie stecken. Eine mit Möbeln überfüllte Wohnung verdeckt den grosszügigen Grundriss; in einer anderen hängen dicke, lange Vorhänge vor der breiten Fensterfront.

Während ein Visualisierungsprogramm die Wohnung oder das Haus ins beste Licht rückt, zeigt es gleichzeitig die Veränderungs- und Erneuerungsmöglichkeiten auf. Wie sieht das Wohnzimmer jetzt aus, und wie könnte man es umbauen? Wie könnte eine neue Küche, ein neues Bad in dieser Wohnung aussehen? Welche Räume könnte man umbauen und umnutzen? 360-Grad-Bilder vermitteln einen faszinierenden Eindruck davon, wie beispielsweise aus einer biederen Endachtziger-Wohnung ein lichterfülltes, modernes Apartment entstehen könnte.

Eine vielversprechende Geschäftsidee. Doch in der Idee steckt für mich etwas noch Befreienderes und Hoffnungsvolleres, das sich auf unser Bild von uns selbst und Gottes Bild von uns übertragen lässt.

Oft sehen wir in unserem Leben nur das, was ist und das, was war – ob gut oder schlecht. Wie Kratzer im Parkett oder Flecken an den Wänden registrieren wir die Wunden und Narben, die das Leben uns zugeteilt hat. Die vielen Möbel in unserer Wohnung, die den grossen Grundriss verdecken, sind die (zu) zahlreichen Verpflichtungen oder Projekte, mit denen wir uns verzetteln und überanstrengen, ohne es zu merken. Die Vorhänge können ein Job sein, der gutes Geld bringt, aber eigentlich nicht zu uns passt und uns die freie Sicht auf unsere wahren Wünsche verdeckt. Wir haben Mühe, hinter dem Status quo zu entdecken, was in unserem Leben möglich ist.

Nicht so Gott. Er sieht hier und heute alle Optionen – auch die, die wir uns nie erträumt hätten. Er öffnet unseren Blick für das, was sein könnte, und schenkt uns damit die Kraft, die nötigen Schritte in Angriff zu nehmen. Vielleicht brauche ich eine Weiterbildung, um den Traum der Selbständigkeit zu verwirklichen. Vielleicht brauche ich eine Therapie, um Geschehenes zu verarbeiten. Vielleicht muss ich mich meiner Bitterkeit stellen und Menschen vergeben, um frei zu werden. Gott sieht es und zeigt es mir.

Das bedeutet nicht, dass ich im Status quo nicht genüge. Gott hat ein volles und herzhaftes Ja zu mir, und in diesem Wissen darf ich mich geliebt, angenommen und aufgehoben fühlen. Aber ich darf gleichzeitig glauben, dass ich mich verändern kann und soll – nicht, weil Gott noch nicht zufrieden ist, sondern weil er mich in den Menschen umgestalten will, der ich wirklich bin; in den Menschen, den er sich erdacht hat und den das Leben mit allen Dellen und Schlägen teilweise verformt, verhärtet und verwundet hat.

Gott sieht uns ganz – was war, was ist, was kommt. Er nimmt uns mit in die Zukunft, die er bereithält, wenn wir ihm vertrauen und uns durch ihn und durch die Menschen, die uns begegnen, verändern lassen. Dafür will ich offen sein. Ich entdecke immer wieder Seiten an mir, die noch nicht frei sind; die will ich Gott hinhalten und mich von ihm verändern lassen. Ich vertraue ihm, weil ich in meinem Leben die Kraft der Veränderung erkennen kann, die von ihm kommt.

Und ich will anderen als Geburtshelfer dienen. Auch in unseren Beziehungen konzentrieren wir unseren Blick oft nur auf das, was war, und das, was ist. Das hat eine gute Seite, wenn wir den anderen annehmen, wie er ist, aber es hat auch eine pessimistische. Jeder hat Verhaltensweisen, angeboren oder entstanden durch Verletzungen, die das Zusammenleben erschweren, schädigen und schlimmstenfalls Beziehungen zerstören. Wenn wir diese Verhaltensweisen einfach als gegeben betrachten, schaden wir den Beziehungen untereinander und zementieren den Status quo. Wir resignieren und sagen im Grunde, dass wir dem anderen – und damit auch Gott – nicht zutrauen, sich zu ändern.

Ich brauche Gottes Visualisierungsprogamm für mich selbst und für meine Mitmenschen. Ich will diese neue Sicht, will das, was durch ihn möglich ist, in mir und anderen Menschen sehen und an diesem Bild festhalten. Ich will andere Menschen durch mein hoffnungsvolles Bild ermutigen und freisetzen. Denn wir alle brauchen Menschen, die uns zwar annehmen, wie wir sind, die aber auch sehen, was noch werden kann.

Vor kurzem hatten wir im Kleintheater Grenchen einen Künstler zu Gast, auf den ich mich schon lange gefreut hatte. Ich wurde nicht enttäuscht: Stefan Waghubinger präsentierte fast zwei Stunden superber Unterhaltung. Trocken und lakonisch, tiefgründig, gleichzeitig alltagsnah und transzendental plauderte er über das Leben, den Glauben, die Steuererklärung und vieles mehr. Viele seiner Texte klingen nach, aber einer ist mir besonders geblieben, weil er etwas ansprach, das mich oft beschäftigt.

Waghubinger hat über sein Leben philosophiert und darüber, was dieses Leben ausmacht. Er hat sich die Frage gestellt, ob er etwas anders haben möchte und ob andere es besser haben. Dann sagte er lakonisch, so ganz tauschen möchte  er dann doch mit keinem.

So simpel er klingt, sagt dieser Satz enorm viel aus. Mir zeigt er, welchen Irrweg wir betreten, wenn wir andere um etwas beneiden.

Wenn wir Neid empfinden oder etwas begehren, was ein anderer hat, sagen oder denken wir schnell mal, dass wir gern „wären wie xy“ oder dessen Leben hätten. Etwas Bestimmtes erregt unsere Aufmerksamkeit oder unseren Neid – ein hoher Lebensstandard, Berühmtheit, ein knackiger Po, eine tolle Stimme, das super Selbstvertrauen, die Traumfamilie, eine verantwortungsvolle, prestigeträchtige Position – und wir möchten „das“ auch. Wir fragen uns, warum er/sie und nicht wir „das“ hat. Aber obwohl wir vielleicht kurz denken, dass wir mit ihm oder ihr tauschen möchten, wollen wir das im Grunde gar nicht.

Wir hängen an unserem Leben, so unzulänglich  und nicht perfekt es auch sein mag. Wir wollen unser Paket nicht tauschen.

Würden wir unsere Kinder hergeben, um den tollen Job zu bekommen? Unseren Beruf, um dafür den Knackpo zu kriegen? Nicht wirklich. Kommt dazu, dass bestimmte Pluspunkte auch bestimmte Minuspunkte nach sich ziehen. Die verantwortungsvolle Position geht mit Sicherheit mit einer gehörigen Portion Stress einher, mit wenig Zeit für Hobbies und anderes. Wollen wir das auch? Natürlich nicht. Wenn wir jemanden beneiden, dann sehen und wollen wir nur die Sahneseite und dazu alles, was wir sonst haben – also etwas, das es gar nicht gibt.

Dummerweise fällt uns das Beneiden leicht, und diese Neigung in uns wird von der Welt, in der wir leben, noch angeheizt. Die Werbung gaukelt uns vor, was wir alles haben könnten undzeigt uns das Neueste, das natürlich viel besser ist als das, was wir haben. Und falls wir es dann noch nicht wollen, sehen wir es an unseren Bekannten oder Freunden, und spätestens jetzt müssen wir es auch haben. Denn die Werbung vermittelt ja nicht nur, wie toll etwas ist und jeder, der es hat, sondern auch, dass jeder, der es nicht hat, keine Ahnung hat und nicht zum auserwählten Kreis gehört.

Abgesehen davon, dass dieser Drang des Neidens und Vergleichens unseren Geldbeutel belasten kann, hat er noch ernstere Folgen. Oft neiden wir anderen auch Gaben und Talente. Wenn wir glauben, dass andere mehr Talente haben und wir zu kurz gekommen sind, wird unser Blick für die Gaben getrübt, die uns geschenkt wurden. Und was wir nicht sehen, setzen wir nicht ein. Dabei ist das,  was wir sind und haben – all unsere Erfahrungen, unser Gaben, unsere Gegenwart mit all ihren Freuden und Leiden – der Stoff, mit dem wir die Welt prägen können.

Ich beneide selten jemanden, bin aber nicht immun. Aktuell bin ich am anfälligsten, wenn mir andere auf ihrem Weg zum Autor ein paar Schritte voraus sind oder Wege einschlagen, die für sie funktionieren, von denen ich aber weiss, dass sie nichts für mich sind. Wenn ich lese, dass eine Autorin innert sechs Monaten schon wieder ein Buch veröffentlicht hat und das nächste auch gerade fertig wird, kriege ich ab und zu ein flaues Gefühl im Magen und frage mich, warum ich nicht schneller arbeiten kann. Gleichzeitig weiss ich, dass mein Buch die Zeit braucht; nicht weil es besser, sondern weil es anders ist und ich anders bin.

Meistens jedoch kann ich Neid auf der Seite lassen, und vier Punkte oder Gedanken unterstützen mich dabei. Der erste ist Glückssache, zum zweiten habe ich beigetragen, der dritte ist eine Erkenntnis, die jedem offensteht. Der vierte ist transzendental und die Wurzel.

Zum einen habe ich tatsächlich viel von dem, was mir persönlich wichtig ist: viel Freiraum, eine Arbeit, die mir gefällt, daneben Zeit für meine Schreib- und Musikprojekte. Eine gute Gemeinschaft. Freunde, die mich nehmen, wie ich bin; eine tolle Familie, einen Mann, der mich in allem unterstützt und der dieses seltsame Wesen, das ich bin, versteht (oder zumindest nicht schreien davor flüchtet).

Zum zweiten habe ich mich mit bestimmten Mängeln oder Eigenarten meinerseits versöhnt. Ich würde die dickeren, gewellteren Haare immer noch nehmen, aber ich habe die Gegebenheiten der Natur akzeptiert. Ich wünsche mir nicht mehr, extrovertierter zu sein, sondern kann damit leben, dass Menschen mich im ersten Moment für etwas reserviert halten, und vertraue darauf, dass die Menschen, auf die es ankommt, tiefer sehen.

Zum dritten ist mir bewusst geworden, wie trennend und zerstörend Neid sein kann. Egal, ob es um die Erfolge anderer Autorinnen geht oder um bessere Gesangskünste, um ein tolleres Aussehen oder mehr Selbstvertrauen: Wenn ich andere beneide, treibe ich einen Keil zwischen mich und diese Menschen, und das ist lebenshindernd.

Zum vierten und letzte gibt es zumindest für mich nur eine Wurzel, die wirklich vom Neid befreit. Es ist die Gewissheit, dass weder das Mass an Gaben und Talenten, das ich habe, noch die existierende oder fehlende Anerkennung etwas über meinen Wert als Mensch aussagen. Wenn ich begriffen habe, dass dieser Wert unveräusserlich und unveränderlich ist, weil er mir von Gott gegeben wurde, kann ich anderen befreit gönnen, was Gott ihnen schenkt.

Damit werde ich frei, zu sehen und zu schätzen, was er mir gegeben hat, und das Beste aus mir herauszuholen – zu meiner Freude und zum Wohl aller anderen.

Wo seid Ihr anfällig für Neid? Im Kilobereich oder im Postenbereich, bei der Nasenform oder beim Gehaltscheck? Bei der Kinderzahl oder beim Handymodell? Ich freue mich auf Euren Kommentar!

In den letzten Wochen waren die Sozialen Medien vor allem eine Arena für die US-Wahlen, und sicher bin ich nicht als einzige erleichtert, dass dieser Zirkus vorbei ist. Was uns dagegen erhalten bleibt, ist die manchmal tröstliche Funktion von Facebook, Twitter und Co. als Echokammer, die uns nur das zeigt, was wir sehen wollen. Ich freue mich zum Beispiel immer, wenn in Gruppen wie „Introvertierte sind der Hammer“ oder  „Es ist ok, introvertiert zu sein“ ein treffendes Bildchen mit Spruch in meiner Timeline aufscheint und ich mich für einmal total verstanden fühle. Ja, genau! So bin ich auch! Schöne Sache.

Manchmal überraschen einen aber auch die vermeintlich Gleichgesinnten. So las ich letztens in einer dieser Gruppen den folgenden Satz:

„Ein Freund sorgt dafür, dass Du Dich gut fühlst.“

Ich habe eine ganze Weile über diese Aussage gegrübelt, doch auch nach dieser Weile war meine Antwort dieselbe wie beim ersten Lesen, nämlich:

Eigentlich nicht. Also schon. Aber nicht nur.

Die Aussage hat mit Intro- und Extrovertierten wohl nur beschränkt zu tun, denn es haben sich auch einige dieser besagten Introvertierten mit anderen Meinungen geäussert. Einer der Kommentatoren hat sich in etwa so ausgedrückt.

„Freunde sind dazu  da, Dich zu ermutigen und anzufeuern und  Dich aufzurichten, wenn es Dir schlecht geht. Sie sind aber auch dazu da, Dich in Liebe darauf hinzuweisen, dass Du hier und heute gerade auf dem falschen Dampfer oder schlicht und einfach ein A*** bist.“

Ich vermute halb, dass der Poster hinter diesem Kommentar wie ich zur sehr seltenen Sorte der INTJ gehört  (was es mit diesen Persönlichkeitstypen-Sachen auf sich hat, findet sich unter anderem hier). Ich kann jedenfalls seiner Aussage nur zustimmen, denn auch ich wünsche mir von meinen Freunden beides.

Ich freue mich über Unterstützung und Ermutigung, aber ich will keine ständige Lobhudelei. Wer unreflektiert alles, was ich mache, genial findet, wird für mich unglaubwürdig; schliesslich weiss ich genau, dass ich nicht perfekt bin. Ich brauche Freunde, die mir helfen, der Mensch zu werden, als der ich gedacht bin, und so ein Mensch und Freund will ich auch sein.

Allerdings scheint der Wunsch nach Wohlfühlmach-Freunden, wie sie im ersten Zitat beschrieben werden, doch weit verbreiteter zu sein. In meinem Fall kommt dazu, dass ich auch sonst  asozial wirken kann und in seltenen Fällen im Eifer des Gefechts Leute vor den Kopf stosse. Diese Überlegungen und entsprechende Erfahrungen haben mich zeitweise dazu gebracht, an meiner Fähigkeit zu zweifeln, ein guter Freund zu sein. Was, wenn ich Menschen emotional nicht genug unterstütze, alle enttäusche und verletze und irgendwann niemand mehr mein Freund sein will?

Inzwischen glaube ich, dass auch ich ein guter Freund sein kann – allerdings nur für den, der weiss, worauf er sich einlässt. Und damit jeder, der an einer Freundschaft mit einem INTJ interessiert ist, künftig weiss, was ihn erwartet und sich dafür oder dagegen entscheiden kann, präsentiere ich hiermit den INTJ als Freund – mit allem, was dazugehört.

Der INTJ-Freund…

…wird nicht oft und in kurzen Abständen die Initiative für ein Treffen ergreifen, Dich anrufen oder den Kontakt halten – da kann schon mal etwas Zeit verstreichen. In schriftlicher Kommunikation ist er meist besser, aber wenn Du die Tiefe Eurer Freundschaft an der Anzahl Eurer Interaktionen misst, wird es schwierig.

…neigt nicht zur Zurschaustellung von Gefühlen. Das ist nur teilweise gewollt; er kann das einfach nicht so. Das heisst aber nicht, dass er sich nicht freut, wenn es etwas zu freuen gibt. Er freut sich einfach auf seine Art – mit einem dezenten Lächeln und einem dummen Spruch oder einer schönen schriftlichen Nachricht.

…ist nicht sonderlich spontan. Wenn Du ihn fragst, ob er am gleichen Abend Lust auf ein Feierabendbier hat, wird er in 99% aller Fälle nein sagen. Wenn Du ihn aber fragst, ob Ihr Euch in den nächsten zwei Wochen mal verabreden wollt, ist er in der Regel dabei und freut sich auf die Zeit mit Dir.

…kann arrogant wirken und rechthaberisch sein. Er hat einen Instinkt für verborgene Motive und Falschheit und einen höchst empfindlichen Radar für Manipulationsversuche, und er hat keinen schlechten Sinn für Logik. Das alles nährt sein Gefühl, alles zu wissen; aber wenn er etwas reifer ist, weiss er auch, dass er sich irren kann.

…hat manchmal mehr Stolz, als gut für ihn ist. Wenn Du ihm sagst, dass Du ihn nicht mehr sehen willst, wird er das wahrscheinlich hinnehmen und Dich ziehen lassen. Nicht, weil Du ihm nichts bedeutet hast, sondern weil er seine Freundschaft niemandem aufzwingen will.

Das klingt vielleicht wenig berauschend, aber der INTJ hat auch ein paar tolle Eigenschaften, wenn man sie denn mag:

Er ist ehrlich und macht Dir nichts vor.

Wenn Ihr Euch verabredet, ist er da. Wenn er ja sagt, meint er ja und bleibt dabei.

Er macht Freundschaft nicht von Weltanschauungen abhängig, sondern von Charaktereigenschaften und Persönlichkeit. Du musst nicht alles gut finden, was er gut findet, musst nicht an denselben Gott glauben, nicht die gleiche Musik mögen und nicht die gleiche Partei wählen, und es ist ihm egal, was Du isst und was nicht.

Er macht vielleicht nicht viele Worte, aber wenn Du ihn wissen lässt, dass es Dir schlecht geht und Du ihn brauchst, dann schwingt er sich auf seinen Gaul und kommt angerauscht, um für Dich da zu sein.

Und hier der last – but not least. Das, was ich am INTJ als Freund am wertvollsten finde, vielleicht, weil ich mir das auch am meisten von einem Freund wünsche:

Als Freund eines INTJ musst du ihm nichts „nützen“ oder irgendwelche emotionale oder andere Leistungen bringen, denn der INTJ ist im Grunde auch allein glücklich. Das ist für manche Menschen der Abturner schlechthin, aber es hat eine andere Seite: Wenn Du ihm am Herzen liegst, dann Deinetwegen und nicht wegen etwas, das er durch Dich erreichen oder von Dir lernen kann (obwohl ihn die Menschen am meisten faszinieren und inspirieren, die ihm etwas voraushaben). Du bist für ihn kein Instrument – der INTJ ist Dein Freund, weil Du DU ist. Es ist sein Wunsch, Dich zu verstehen, Deine Träume, Deine Wünsche, Deine Ängste und Deine Ansichten zu kennen. Wenn er Dein Freund ist, freut er sich über nichts mehr als darüber, dass Du Deine Flügel ausbreitest und Dein Leben in Fülle lebst.

Falls Du das jetzt gar nicht so übel findest, fragst Du Dich vielleicht, was Du mitbringen musst, damit eine Freundschaft mit dem INTJ gelingen kann. Hier meine Hinweise:

Du solltest ehrlich sein und Ehrlichkeit aushalten.

Du solltest bereit sein, auch Deine eigenen Schwächen zu anerkennen und zu zeigen.

Du solltest bereit sein, Dich zu hinterfragen, denn wie der INTJ sich selbst ständig hinterfragt, hinterfragt er auch andere. Wenn Du ihm wichtig bist, will er Dich verstehen. Wenn er Dich nicht versteht, wird er nachhaken. Und wenn er glaubt, dass Du Dir nicht gerecht wirst oder gerade Mist baust, wird er es sagen.

Ich weiss inzwischen, dass es Leute gibt, die den INTJ schätzen und die gemerkt haben, dass auch ich kein gefühlskaltes Monster bin. Die Art, in der ich dieses Post geschrieben habe, zeigt mir aber auch, dass es mich immer noch quält, wenn mich jemand für dieses Monster gehalten hat. Auf meine Weise habe ich inzwischen Frieden gemacht mit meinem Wesen und der Art Freundschaft, die ich bieten kann, und ich bemühe mich auch um diesen Frieden mit meinem Versagen und mit den Fehlern, die ich begangen habe und die mich Beziehungen gekostet haben. Und als Teil meines inneren Friedenmachens präsentiere ich einen letzten Hinweis auf den INTJ, der zumindest für mich wahr und wichtig ist.

Der INTJ findet nicht oft Menschen, zu denen er tiefen Zugang hat, mit denen er über Gott, die Welt und sich selbst reden und gleichzeitig über alles Mögliche lachen kann. Wenn Du einem INTJ so ein Freund warst, wird er Dich niemals vergessen. Und selbst wenn Ihr im Streit auseinander gegangen seid: Wenn du nicht gerade zu einem Monster mutiert bist (und zumindest ich habe unter meinen früheren Freunden keine solchen), dann will er auch nach Eurer Freundschaft noch, dass es Dir gut geht. Er wird sich immer wünschen, dass Du das Leben lebst, das Dich erfüllt. Und er wird Dich (wenn er zu den noch selteneren frommen INTJs gehört) weiterhin segnen, in seine Gebete einbeziehen und Dir das Beste wünschen.

Was sagt Dir das alles, wenn Du keiner von dieser seltsamen Sorte bist? Ganz einfach: Wenn selbst der manchmal hochmühsame INTJ Freunde finden kann, die ihn schätzen und lieben für das, was er ist, dann kannst DU, Mensch einer weniger sperrigen Sorte, das mit Sicherheit, und zwar ohne dass Du Dich verbiegen musst. Es gibt Menschen, die DICH suchen, wie Du bist, und die von genau den Eigenschaften in Dir beschenkt werden, die für andere ein No-Go sind.

Das heisst nicht, dass wir nicht dazu aufgefordert sind, uns ab und zu zu hinterfragen. Wenn wir eine blutige Spur von Streitereien hinter uns her ziehen, kann es sinnvoll sein, wenn wir uns fragen, was unser Teil an der Sache gewesen sein könnte, und ob wir bestimmte Charakterzüge an uns etwas bearbeiten sollten. Aber es den Kern unseres Wesens müssen wir deshalb nicht verändern.

Aus einem bestimmten Grund hat Dich einer so gemacht – also steh dazu. Oder anders gesagt: Sei Du selbst, alle anderen gibt’s schon.

***

Liebe fellow INTJs: Seid ihr ähnlich drauf, oder bin ich schon fast zu weich für einen echten INTJ? Und liebe andere: Was erwartet IHR von Euren Freunden? Was für ein Freund seid IHR? Ich freue mich auf Eure Kommentare…!

Heute ist Muttertag, und da ich keinen Anspruch darauf habe, deshalb gefeiert zu werden, stimme ich ein in den Lobgesang auf die Mütter.

Sie haben es nicht leicht – heute genauso wenig oder noch weniger als früher. Von allen Seiten hören sie, wie man es machen sollte, und jeder weiss es besser. Selbst ich als Kinderlose kriege über Posts von befreundeten Bloggerinnen mit, was für Grabenkämpfe ausgetragen werden, und bei all den Ideologien, die da aufeinanderprallen, grenzt es an ein Wunder, dass noch nie ein offener Krieg ausgebrochen ist.

Ob, wie lange und wo gestillt wird, ob man zu Hause bleibt oder auch auswärts arbeitet – diese Fragen entscheiden für manche Menschen darüber, ob eine Frau eine gute Mutter ist und ob sie die richtigen Prioritäten setzt. Und wie beim Schweizer Militär, wo sich jeder, der mal Dienst geleistet hat, für einen Experten hält, glaubt auch jeder, zur Erziehung fremder Kinder sein Scherflein beitragen zu können. Jede Mutter wird in der Öffentlichkeit begutachtet und kostenlos, unaufgefordert und aufdringlich beraten.

Aber seien wir mal ehrlich: Was ist wirklich wichtig? Woran erinnern wir uns heute, wenn wir an unsere Mütter denken?

Ich glaube, ich wurde gestillt, aber erinnern kann ich mich daran nicht. Meine Mutter war die ersten Jahre zuhause, und ich fand es schön, dass sie da war, wenn ich nach Hause kam – ausser an dem Tag, als ich auf dem Nachhauseweg getrödelt und mich eine halbe Stunde zum Mittagessen verspätet habe, worauf ich von meiner Mutter, die mich vor ihrem inneren Auge schon unter den Rädern eines Autos gesehen  hatte, ein riesiges Donnerwetter zu hören bekam.

Ich glaube, am Ende zählen diese Fragen weit weniger, als wir uns vorstellen. Wenn ich an das Wichtigste denke, was meine Mutter mir mitgegeben hat, brauche ich nicht lange zu suchen. Es war die eine Gewissheit, die ich aus dem, was sie mir weitergegeben hat, verinnerlicht habe.

Ich bin geliebt. So wie ich bin. Immer.

Hat sich meine Mutter nie über mich aufgeregt? Na und ob! Ich war ein ruhiges, introvertiertes Kind, aber ich hatte ein paar nervöse Ticks auf Lager wie auf den Oberschenkeln herumtrommeln, laut pfeifen und andere Freuden, und ich habe ab und zu den Satz gehört, ich solle doch bitte „normal tun“. Dennoch wusste ich immer, dass sie mich annimmt, wie ich bin. In den kritischen Teenagerjahren, in denen ich so gern super beliebt gewesen wäre und gleichzeitig einfach sein wollte, wie ich bin (was zusammen irgendwie nicht funktionierte), hat sie mir immer wieder geduldig eingetrichtert, dass ich so völlig in Ordnung bin. Dass ich wertvoll bin.

Es gibt, so habe ich auf Facebook gelesen, nur eine Art, eine perfekte Mutter, aber tausende von Arten, eine gute Mutter zu sein. Für mich ist die gute Mutter nicht die, die dies oder jenes tut oder sein lässt. Es ist die, die ihre Kinder spüren lässt, dass sie sie liebt, wie sie sind.

Liebe Mütter, lasst Euch nicht verrückt machen. Ihr tut ein wichtiges Werk; eines der wichtigsten überhaupt. Lasst Euch heute feiern, wenn Ihr könnt. Und wenn Ihr niemanden habt, der Euch heute feiert – feiert Euch selbst und nehmt auch meine guten Wünsche an.

Und liebe „Kinder“ (denn das bleiben wir für unsere Mütter ja immer): Gedenkt heute Euren Müttern. Erinnert Euch an das Wertvolle, an die schönen Erinnerungen, an das, wofür Ihr dankbar seid. Vergebt Ihnen das „andere“. Und wenn Ihr das Glück habt, das Eure Mutter noch lebt: Lasst sie wissen, dass Ihr dankbar seid, am besten persönlich. Ihr wisst nicht, wieviel Zeit Ihr dafür noch habt.

Ich habe geschrieben, Ihr sollt das „andere“ vergeben – im Wissen, dass alle Menschen Fehler machen und jede Kindheit Erfahrungen mit sich bringt, auf die man gern verzichtet hätte. Ich denke daher auch an die unter Euch, die nicht viel haben, für das sie dankbar sind und deren Kindheit vor allem durch negative Erfahrungen geprägt sind: Lasst Euch von diesem Tag nicht niederdrücken, und lasst Euch kein schlechtes Gewissen auferlegen, wenn Ihr nicht (oder noch nicht) vergeben könnt. Streckt Euch danach aus, da Vergeben können vor allem uns selbst befreit; aber nehmt Euch die Zeit, die Ihr dafür braucht.

Beziehungen sind das Salz in unserem Leben, aber auch das, woran wir uns reiben und woran wir geschliffen werden. Sie schenken uns das Gefühl, verstanden und geliebt zu werden, brechen uns aber auch immer mal wieder das Herz; und die Beziehungen in der Familie sind in dieser Hinsicht besonders intensiv. Niemand kann uns mehr verletzen oder ermutigen, keine Bemerkung nehmen wir persönlicher – in positiver wie negativer Art – als eine, die aus der Familie kommt.

Bettina 40 10Ich bin heute dankbar für das, was meine Mutter mir zu Lebzeiten gegeben hat, und danke Gott für all meine Lieben, die ich noch um mich habe. Be all blessed – and take care!

Mösli England links

 

Bild Pa und ig

Wie geht es Dir am Muttertag? Welche Erinnerung an Deine Mutter ist Deine liebste, und welche Eigenschaft an ihr liebst Du besonders? Ich freue mich auf Deinen Kommentar und wünsche Dir einen schönen Muttertag!

Clod lach schneidLetzten Mittwoch habe ich mich ein klein wenig in unseren Bundespräsidenten verliebt.

 

Nicht wegen seines medialen Desasters vor zwei Wochen, sondern wegen dem, was an einer Verhandlung des Nationalrats zur Unternehmenssteuerreform passierte. Aber rekapitulieren wir kurz die Events der Schmach und Schande und der zumindest in meinen Augen wundersamen Auferstehung des Johann Schneider-Ammann.

Am 6. März hat sich unser Bundespräsident in der ganzen Welt einen Namen gemacht, als er am Tag der Kranken mit steinerner Miene darüber sprach, dass Lachen gesund sei. Dabei vergaß er auch nicht, in prophetischer Voraussicht zu erwähnen, dass das Lachen über andere nicht zu den guten Sorten des Lachens gehörte.

Die Videobotschaft verbreitete sich innert Kürze auf allen Kanälen und sorgte weltweit für Erheiterungsstürme, bis sogar die bekannte US-Talkshow Last Week Tonight mit Showmaster John Oliver unserem Bundespräsidenten ein paar Minuten Sendezeit widmete. Unerwartet waren Schneider-Ammanns 15 Minuten des Ruhms angebrochen – aber kaum so, wie er sich das vorgestellt hatte (wobei ich sowieso bezweifle, dass er es auf Ruhm in Form von öffentlicher Bewunderung abgesehen hat).

In den darauffolgenden Tagen wurde überall diskutiert, wie es zu dieser Kommunikationspanne kommen konnte, dann schlief das Ganze langsam ein. Herr Schneider-Ammann äußerte sich meines Wissens nicht zu dem Ganzen – bis zu jener Szene im Parlament. (Siehe Video – lässt sich leider nicht anders darstellen).

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Was war geschehen? Schneider-Ammann referierte zur Unternehmensreform, als plötzlich sein Mikro versagte. Er sah erst etwas irritiert in die Runde, dann lachte er. Das wieder zum Leben erwachende Mikrofon fing die letzten Lacher auf, worauf er trocken bemerkte: „Ça me donne la chance de rire.“ Es folgten Gelächter und Applaus im Saal, worauf er anfügte“…et ça au moment juste“. Noch mehr Applaus. Mit dem Satz „Okay. C’était une autre affaire“ schloss er das Thema ab und fuhr dann in gewohnt trockener Manier mit dem traktandierten Geschäftspunkt fort.

Ich fand das Ganze so sympathisch und gut getimt, dass ich mich kurz fragte, ob es vielleicht orchestriert war – aber wirklich nur sehr kurz, denn ich bin sicher, dass er es geplant nie so hingekriegt hätte. Diesen Moment, in dem er über sich selbst lachen konnte und damit die Sympathien auf seiner Seite hatte, habe ich Schneider-Ammann von Herzen gegönnt.

Und mir ist wieder einmal klar geworden, wie wichtig es ist, über sich selbst lachen können, und wie viel diese Fähigkeit oder Unfähigkeit über uns aussagt.

Wer über sich lachen kann, beweist, dass er sich nicht für den Nabel der Welt hält und sich nicht zu ernst nimmt. Er verfügt über eine gesunde Portion Demut, geboren aus dem Wissen, dass er nicht alles kontrollieren kann, nicht perfekt ist und es auch nicht sein muss. Aus all dem spricht Bescheidenheit, Realitätssinn und gleichzeitig ein geerdetes Selbstvertrauen.

Das Unvermögen, über sich selbst zu lachen, kann verschiedene Gründe haben. Manche Menschen sind tief traumatisiert und haben das Lachen an sich verlernt, und anderen fehlt diese gesunde Portion Selbstvertrauen. Sie fürchten das Urteil anderer, haben Angst davor, ausgelacht zu werden und sehen jedes kleine Missgeschick als Katastrophe an, über die sie beim besten Willen nicht lachen können.

Viel öfter aber  sind Unfähigkeit und Unwille, über sich selbst zu lachen, meiner Ansicht nach ein Zeichen von Stolz, Arroganz und Dünkel. Wenn wir nicht über uns lachen können, nehmen wir uns zu ernst, halten uns für etwas Besseres und wollen jeden um uns herum kontrollieren. Wer nicht über sich lachen kann, neigt auch eher dazu, eigene schlechte Eigenschaften oder Fehler zu verleugnen.

Wenn ich mir diese Liste von Eigenschaften ansehe, wird mir klar, wie wichtig es ist, dass Personen mit Macht und Führungsverantwortung, wie begrenzt sie auch sein mag – über sich lachen können. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger möchte ich jemanden an der Spitze meines Landes, meiner Region, meiner Kirche oder meines Vereins haben, der nicht über sich lachen kann. Wer sich selbst für perfekt hält und wem die Demut fehlt, eigene Schwächen zu erkennen und dazu zu stehen, der sollte meiner Meinung nach nicht führen.

Führungsverantwortung ist eine ernste Angelegenheit. Wer führt, übernimmt in erster Linie eine Bürde – ihm wird das Wohlergehen einer bestimmten Anzahl Menschen anvertraut, und damit einher gehen Autorität und Macht über diese Menschen. Ein Leiter kann und muss  Entscheidungen treffen, die das Leben anderer beeinflussen. Als Vorgesetzter muss ich jemanden entlassen, wenn er seine Arbeit nicht macht und damit nicht nur dem Geschäft schadet, sondern seinen Arbeitskollegen Mehrarbeit aufbürdet. Als Leiter eines Teams muss ich mir das Mitglied zur Brust nehmen, das das Klima vergiftet. Gleichzeitig muss ich bereit sein, mich selbst zu reflektieren. Ich darf  meine Stellung nicht dazu missbrauchen, nur meine eigenen Wünsche durchzusetzen, sondern muss  immer das Wohl des Ganzen im Auge behalten. Ohne eine Mischung aus gesundem Selbstvertrauen und Demut geht das nicht.

Wenn ich in diesen Tagen einen Blick über den Atlantik werfe, beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Irgendwie erweckt keiner der Frontrunner im amerikanischen Wahltheater den Eindruck, dass er oder sie wirklich über sich selbst lachen kann, und in Anbetracht der einflussreichen Stellung, die die USA immer noch haben, bete ich zu Gott, dass er die Wahl eines machtverliebten, narzisstischen US-Oberhaupts irgendwie abwendet.

Führe ich mir unter diesem Aspekt unseren Bundespräsidenten und den Rest der schweizerischen Regierungsmannschaft vor Augen, stimmt mich das ganz zuversichtlich. Unser politisches System bringt offensichtlich keine Narzissten und Despoten hervor, sondern pragmatische Menschen, die ihr Amt als Verantwortung und nicht als Machtstellung betrachten, die mit anderen im Team arbeiten  und – wie gerade bewiesen – über sich selbst lachen können.

Lachen ist gesund und befreit, und das Lachen über sich selbst ist etwas vom Befreiendsten, was es gibt. In diesem Sinne: Weiter so, Herr Bundespräsident!

 

Kürzlich habe ich auf Facebook (schon wieder!) einen Satz gelesen, der mir in dem Moment zu hundertfünfzig Prozent aus dem Herzen gesprochen hat. Er ging so:

„Sei ein Ermutiger! Kritiker hat die Welt schon genug.“

Bilduelle: Pixabay
Bildquelle: Pixabay

In meinem aktuellen Jahresendspurt inklusive dem altbekannten und altverhassten Gefühl, nirgends ganz und sowieso nie allen genügen zu können, hätte ich das gern all jenen an den Kopf geworfen, die ständig nur das Haar in der Suppe sehen und aus Prinzip etwas zu bemängeln haben. Es hat dann aber nicht allzu lange gedauert, bis mir bewusst wurde, dass dieser Satz in seiner Einseitigkeit genauso gefährlich ist wie sein Gegenteil.

Ja, es ist wahr: Menschen, die überall nur die Fehler und Probleme sehen, bringen andere Menschen und Gemeinschaften oft nicht weiter, weil sie die Leute entmutigen und ihnen irgendwann niemand mehr zuhört. Aber auch Menschen, die nur das Gute sehen und Probleme ausblenden, helfen damit weder anderen noch einer Gemeinschaft. Unter solchen Voraussetzungen können Missstände brodeln und irgendwann explodieren.

Leider neigen die meisten von uns zur Einseitigkeit: Entweder haben wir einen so scharfen Blick auf alles, was nicht perfekt läuft, dass wir das Gute nicht sehen können oder wollen, oder wir sind zu wohlwollend oder zu ängstlich und trauen uns nicht zu sagen, dass etwas in die falsche Richtung geht. Beide haben wir Gaben, die anderen nützen, können aber gleichzeitig voneinander lernen. Ich habe mir ein paar Gedanken gemacht, wie wir uns selbst etwas mehr „einmitten“ können, und das ist dabei herausgekommen:

An den Wohlwollenden
Wenn Du auftauchst, entspannen sich die Menschen. Sie spüren, dass sie angenommen sind, und Deine wertschätzenden und ermutigenden Worte geben ihnen das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Du erweckst Vertrauen und schenkst den Menschen etwas Unvergleichliches: den Mut, ihre Masken fallen zu lassen.

Du darfst aber ruhig auch mal kritisch sein. Benenne, was Dir Bauchschmerzen macht. Denk daran, dass Du anderen mit Deiner Ehrlichkeit hilfst, und hab keine Angst, dass man Dich dann nicht mehr mag. Vielleicht triffst Du dabei auf Menschen, die sich gegen jede Kritik taub stellen und Dich spüren lassen, dass das nicht gewünscht ist, aber das könnte Deine Chance sein, die Dir zugedachte Rolle abzulegen und Dir eine authentischere Gemeinschaft zu suchen. Denn Menschen, die wissen, dass sie nie ausgelernt haben und die sich weiterentwickeln wollen, sind froh um ehrliches Feedback. Sie werden es Dir danken und Dich noch ernster nehmen, weil damit auch Dein Lob noch viel wertvoller wird.

An den Kritiker
Du hast eine einzigartige Sicht auf die Realität. Dir entgeht nichts, und Du hast einen siebten Sinn für alles, was noch besser laufen könnte. Außerdem scheust Du Dich nicht, die Dinge beim Namen zu nennen. Gratulation zu Deinem Mut und Deiner Geradlinigkeit – sie sind so wichtig in dieser Welt!

Schade ist, dass Deine Worte nicht immer ankommen oder oft schon in einer ablehnenden Haltung entgegengenommen werden. Dass passiert, wenn Du vergisst, auch das Gute zu sehen und zu anerkennen. Denk daran, dass sich jeder Mensch nach Wertschätzung sehnt: Wenn Du Deiner Kritik ein positives Feedback vorausstellst und jemandem damit das Gefühl gibst, dass Du ihn als Mensch schätzt und mit seinen Fehlern annimmst, hat Deine Kritik weit bessere Chancen, auf fruchtbaren Boden zu fallen.

Wir alle brauchen Menschen, die uns auf unserem Weg ermutigen, loben und anfeuern und solche, die uns darauf hinweisen, wenn etwas nicht, noch nicht oder nicht mehr gut ist. Und am wertvollsten sind Menschen, die beides können. Und der Schlüssel für beides ist Liebe und Wertschätzung.

Wenn ich jemanden liebe, ermutige ich ihn, freue mich an seinen Erfolgen und will, dass es ihm gut geht. Weil ich ihn liebe, will ich aber auch nicht, dass er in sein Verderben rennt. Darum nehme ich meinen Mut zusammen und sage ihm, was ich denke, auch wenn er es nicht gern hört.

Wenn ich mich mit einer Gemeinschaft identifiziere und sie liebe, ist mir wichtig, dass sie blüht und gedeiht. Ich freue mich an ihren Erfolgen und ermutige die Verantwortlichen, wenn etwas gut gelaufen ist. Wenn ich die Gemeinschaft liebe, macht es mir Sorgen, wenn sie sich in eine ungute Richtung entwickelt, und dann teile ich diese Sorgen den Verantwortlichen mit. Und wenn ich sie vorher habe spüren lassen, dass ich ihre Arbeit schätze und wahrnehme, werden sie meine Worte eher annehmen.

Lasst uns Menschen sein, die sich das Vertrauen anderer erwerben, indem sie wohlwollend und wertschätzend mit ihnen umgehen und darum auch dann angehört werden, wenn sie etwas Unangenehmes zu sagen haben. So helfen wir anderen Menschen und Gemeinschaften, das Beste aus sich herauszuholen.

Und lasst uns als Menschen ein Leben lang belehrbar und beeinflussbar bleiben und aus einem gesunden Selbstwertgefühl heraus andere auch dann anhören, wenn sie nicht unserer Meinung sind oder etwas zu sagen haben, das uns nicht gefällt. So lassen wir zu, dass andere das Beste aus uns herausholen.

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Pa auf Weise kleinerAls den Meiers im kleinen Ort Liesberg vor siebzig Jahren nach zwei Knaben und einem Mädchen der dritte Bub geboren wurde, wussten weder sie noch er, dass er einmal in der Uhrenstadt Grenchen landen, hier seine Familie großziehen und die Stadt mitprägen würde. Doch genau so sollte es kommen, und damit beginnt die Geschichte meines Pa.

Viele seiner Lebensstationen sind mir aus seinen Erzählungen bekannt. Sie malen das Bild einer Zeit, die uns heute fremd und exotisch vorkommt: Die Kinder sammelten im Wald Holz für die Heizung, und im Estrich wurden Würste geräuchert. Jedes Kind durfte nur ein Hobby haben – im Fall meines Pa die Pfadfinder, wo er den Namen „Knorrli“ erhielt – weil die Zeit neben der Schule und den Arbeiten im und ums Haus nicht für mehr reichte.

Schon früh war für meinen Pa klar, dass er Lehrer werden wollte: Seine Begabung, Menschen zu führen, ihre Talente zu erkennen und sie anzuleiten, war schon in den Jahren bei den Pfadfindern prägend und prädestinierte ihn für diesen Beruf, der zur Berufung wurde. Bald fand er seine Lebensstelle als Sportlehrer in einem Kinderheim, wo er rund 40 Jahre tätig war. Von dieser Stelle konnte nebenbei auch seine junge Familie profitieren: Wir verbrachten viele Sonntage in der Turnhalle, schwangen uns an Seilen auf dicke Matten, sprangen auf dem Trampolin herum und plantschten im Hallenbad.

Daneben investierte sich Pa in der Gemeinde- und Kantonspolitik. Er präsidierte die lokale und regionale Sozialdemokratische Partei und war über zwanzig Jahre Gemeinde- und Kantonsrat. Sein Engagement galt auch hier den Kindern und Jugendlichen, und mit dem gleichen Herzblut baute er mit unserer Ma den Grenchner Ferienpass auf.

Vor elf Jahren, als Pa 59 Jahre alt war und so langsam an die Zeit nach dem Arbeitsleben denken konnte, starb unsere Ma im Alter von 55 Jahren überraschend an einer Hirnblutung. Das veränderte sein und unser Leben unwiederbringlich. Mein Pa organisierte sich neu und konnte den schweren Verlust dank seines guten Beziehungsnetzes verkraften; doch die Wunde blieb tief, und die Trauer hält an. Dennoch hat dieser Schicksalsschlag auch eine schöne Blüte hervorgebracht: in der tieferen und engeren Beziehung zwischen Pa und seinen Töchtern.

In unserer kleinen Familie war Ma der emotionale und kommunikative Klebstoff gewesen: Sie hielt Pa über unser Leben auf dem Laufenden, erzählte ihm, was wir so trieben und wie es uns ging. Ich erinnere mich noch heute an ein typisches Wochenendgespräch am Mittagstisch aus meiner Teenagerzeit: Pa fragte unsere Ma – wohlgemerkt in unserer Gegenwart – was „Die Kinder für ein Programm haben“, worauf Ma leicht genervt sagte, er solle uns doch selbst fragen.

Kurz vor Ma‘s unerwartetem Tod verbrachten meine Schwester, unser Pa und ich eine gemeinsame Singwoche an der Lenk, und obwohl wir es nicht wussten, bereitete uns die gemeinsame Zeit auf das vor, was kommen sollte. Als Ma starb, hatten wir so ein kleines Fundament, auf das wir aufbauen konnten.

Ein paar Jahre später habe ich geheiratet und bin 2010 mit meinem Mann in meine Heimatstadt gezogen. Nun lebe ich zehn Fußminuten von meinem Pa entfernt; wir sehen uns regelmäßig für seine Englischaufgaben und treffen uns am Freitag oft auf einen Kaffee in der Stadt.

Heute, an seinem 70. Geburtstag, denke ich wieder an unseren Verlust und trauere darum, dass Ma nicht dabei sein kann. Ich freue mich aber auch an diesen Blüten, die zwischen den Dornen der Trauer blühen durften. Ich freue mich, dass ich Pa heute viel besser kenne, als es mir als Kind möglich war.

Heute erkenne ich seine tiefe Emotionalität, die sich wie bei mir und meiner Schwester oft hinter einer reservierten Fassade verbirgt. Als Kinder bemerkten wir sie nur, wenn Pa bei einem schönen Film genauso viele Tränen vergoss wie wir. Heute sehe ich, wieviel Anteil Pa am Leben seiner Familie und seiner Freunde nimmt. Und auf geheimnisvolle Weise hat Ma’s Tod eine Fürsorglichkeit freigesetzt, die vorher, weil nicht gebraucht, nicht sichtbar war.

Pa mit meiner Schwester Bettina
Pa mit meiner Schwester Bettina

Ich freue mich heute auch am Erbe unseres Pa im Charakter seiner Kinder. Während meine Schwester optisch das Abbild unserer Ma ist, hat sie seine Durchsetzungskraft und sein Charisma geerbt, die Fähigkeit, die Gaben anderer zu erkennen, sie einzusetzen und die Freude daran, anderen etwas beizubringen. Ich wiederum komme äußerlich stark nach meinen Pa und habe sein zurückhaltendes und doch intensives Wesen geerbt, genauso wie seine Freude und Begabung, sich schriftlich auszudrücken. Und in letzter Zeit erkenne ich sein Erbe auch in einer Eigenschaft, von der ich lange nicht dachte, dass sie mir eigen ist.

Mein Pa und ich
Mein Pa und ich

Wenn ich mir seine Geschichte betrachte, sehe ich Kraft, Entschlossenheit und einen unbeirrbaren Glauben an sich selbst, Eigenschaften, die ihn in seinem Leben viel haben erreichen lassen. In den letzten Jahren sehe ich dieses Erbe in meinem Leben vermehrt Früchte tragen: Ich glaube nicht, dass ich meine CD- und Buchveröffentlichung ohne Entschlossenheit und diesen Glauben an mich selbst gemeistert hätte.

Heute widmet Pa einen großen Teil seiner Zeit seiner Familie. Ihr Glück und Wohlergehen sind ihm das Wichtigste, und ich spüre und sehe seine Freude an und seinen Stolz auf seine Lieben. Er teilt unsere Erfolge, leidet mit uns, wenn wir schwere Zeiten durchleben, und ist für uns da. Und ich hoffe, dass das noch lange so bleibt.

Lieber Pa – Dir als meinem treuesten Blogleser wünsche ich hier und heute alles Gute und Gottes Segen, und in Anlehnung an Star Trek (und als kleine Englischaufgabe!) schließe ich mit den Worten:

Live long and prosper!