newspapers-444448_1280In unseren Breitengraden muss man nicht viel befürchten, wenn man sich zu Jesus bekennt – der Kopf bleibt in der Regel dran. Trotzdem kann der Schritt an die Öffentlichkeit je nachdem einigen Wirbel verursachen, wie der Fall von Daniel Boecking zeigt – seines Zeichens stellvertretender Chefredaktor der „Bild“-Zeitung.

Bildquelle: Pixabay

In seinem Artikel „Warum ich mich heute als Christ outen will!“ hat Boecking sich vor einigen Tagen zu seinem Glauben geäußert und dabei unter anderem geschrieben, dass die ISIS-Thematik ihn dazu bewogen hat, öffentlich zu seinem Christsein zu stehen.

Seine Aktion hat die verschiedensten Reaktionen provoziert – Freude, Respekt, aber auch eine Menge Kritik und Häme. Auf Twitter wurde Boecking gefragt, worin der Mut bestehen solle, sich in einem Land als Christ zu outen, in dem man weder mit Verfolgung noch mit sonstiger Ächtung rechnen müsse. Wieder andere schrieben spöttisch, da sei einer offenbar nach 15 Jahren bei der „Bild“ plötzlich Christ geworden, und einige waren der Meinung, dass Boecking seinen Mut besser darin beweisen würde, dass er seine Stelle kündige.

Ich kann diese Argumente verstehen. Aber ist diese Häme wirklich die richtige Art, auf den Artikel zu antworten? Sicher ist es ebenso übertrieben, Boecking gleich in den Olymp der hehren Glaubensstreiter zu befördern, aber es sollte auch noch etwas dazwischen geben.

Als ich den Link zu besagtem Artikel das erste Mal gesehen habe, habe ich ihn ignoriert, weil ich fand, das könne ja nichts sein, wenn es in der „Bild“ steht. Dann wurde der Artikel von einer Kollegin gelobt. Ich beschloss, mir selbst ein Bild zu machen, und fand Boeckings Worte sehr nahbar und authentisch. Und was den Mut betrifft: der Mann wird auch mit den negativen Reaktionen, die ihm jetzt entgegenschlagen, gerechnet haben. Unter diesem Aspekt war es eben doch mutig, in seiner Position einen so persönlichen Artikel zu veröffentlichen.

Finde ich es gut, dass ein bekennender Christ als stellvertretender Chefredaktor bei der „Bild“ arbeitet? Kann ich es nachvollziehen? Zweimal nein. Für mich passt es nicht zusammen. Trotzdem lese ich im Artikel von Boecking den aufrichtigen Wunsch, Menschen Gottes Liebe erfahrbar zu machen. Dass er dazu sein Blatt und dessen Reichweite nutzt, finde ich immer noch genial.

Und nur so nebenbei: sind wir wirklich alle so integer, wie wir gern sein wollen? Stimmt bei uns jede Handlung mit dem überein, woran wir glauben? Wir wollen das, und wir streben danach, aber es gelingt uns nicht immer. Ich zähle Integrität zu den höchsten Werten in meinem Leben, und ich hasse es, diesen Wert zu verletzen. Dennoch kommt es vor. Daher gehe ich lieber daran, meine eigenen Wertediskrepanzen aufzuspüren, als mich aufs hohe christliche Ross zu schwingen und mit dem ethischen Vorschlagshammer auf einen gutgemeinten, gut geschriebenen und berührenden Text einzuprügeln.

Vielleicht kündigt Boecking ja mal seine Stellung. Vielleicht ist dieser Artikel der erste Schritt in einem Lebensprozess. Vielleicht sieht er das auch alles ganz anders und lässt uns einmal an seiner Sicht teilhaben. Egal, was davon eintrifft, danke ich ihm hier und jetzt noch einmal für seine Worte. Mögen sie in den Herzen vieler Menschen etwas bewegen und andere Christen ermutigen, ebenfalls „unverschämt“ zu ihrem Glauben zu stehen und sich an das zu erinnern, was Boecking so ausgedrückt hat:

„Wieder und wieder werden wir in der Bibel aufgefordert, uns frei und ohne Angst zu Gott und Jesus zu bekennen. Und damit zu den Grundpfeilern der guten Nachricht: zu Liebe, Barmherzigkeit und Vergebung. Auch dieses offene Bekenntnis ist eine Tat und der beste Anfang.“
(Quelle: „Bild“ Online)

Hast du den Artikel gelesen, und was hältst Du davon? Findest Du Boeckings Aktion heuchlerisch, stark oder weder noch? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

Advertisements

AbstimmungHeute war einer der Abstimmungssonntage in der Schweiz, und ich war wieder einmal „old style“ dabei: ab ins Wahllokal, Stimmausweis hinlegen, Zettel in die Urne werfen. Allerdings nur unfreiwillig und als Folge selbstverschuldeter Ungeschicktheit.

 

Erst war ich beim Öffnen des Unterlagenmaterials so ungeschickt, den Umschlag zu beschädigen. Ich füllte meine Zettel aus, packte sie ein und klebte den Umschlag notdürftig zu. Dann nahm ihn mit zur Arbeit, um ihn dort in die Post zu werfen – und merkte im letzten Moment, dass ich den Stimmausweis nicht unterzeichnet hatte. Also riss ich den Umschlag wieder auf, klaubte den Stimmausweis heraus, kritzelte meine Unterschrift auf die getüpfelte Linie und verstaute alles mit Mühe wieder an den richtigen Ort. Allerdings sah der Umschlag jetzt aus, als hätte ihn auf gutschweizerisch „e Chue i der Schnore gha“ (Nichtschweizer dürfen gern raten – im Notfall hilft das untere Bild). Da ich nicht sicher war, ob die Wahlbüroverantwortlichen dieses Machwerk akzeptieren würden, blieb mir nichts anderes übrig, als nach alter Schule den Weg an die Urne unter meine Füße zu nehmen.

Pixabay Kuh

Bild: Pixabay

Ich habe es nicht bereut. Das Wetter war heute wunderbar, und der kleine Spaziergang hat mich erfrischt und auf den Sonntag eingestimmt – und mir die Gelegenheit verschafft, darüber nachzudenken, wie privilegiert ich bin.

Ich darf wählen und abstimmen, darf mich zu großen und kleinen politischen Angelegenheiten in meinem Land, meiner Region und meiner Gemeinde äussern – und es wird mir leicht gemacht. Wenn ich es schriftlich tun will, brauche ich keinen Antrag zu stellen, damit man mir das Material schickt. Es kommt von selbst frei ins Haus, und ich brauche nur den Stimmausweis zu unterschreiben, meine Jas und Neins einzusetzen, alles wieder in denselben Umschlag zu packen und ihn zuzukleben, zu frankieren und in den nächsten Briefkasten zu werfen. Alles, was es mich kostet, ist die Zeit, mich schlau zu machen und alles auszufüllen, sowie eine Briefmarke. Und nicht einmal die ist zwingend: ich kann auch bei der Einwohnergemeinde vorbeifahren und den Umschlag dort in den Briefkasten werfen.

Wenn ich diese luxuriösen Möglichkeiten der Mitbestimmung vor Augen habe und dann einen Blick auf die chaotischen Verhältnisse und autoritären Systeme rund um den Globus werfe, kommen regelmäßig Dankbarkeit und Beschämung in mir auf. Dankbarkeit, weil ich in einem Land lebe, das mir so viele Möglichkeiten bietet. Ich darf nicht nur wählen und abstimmen – ich kann mich für jedes Amt zur Wahl stellen, darf meine Meinung sagen und meinen Glauben leben. Und Beschämung, weil diese Dankbarkeit so oft verschüttet und begraben ist, ich mich manchmal wie viele Schweizer von der Wahlurne fernhalte und lieber auf hohem Niveau darüber meckere, was alles nicht stimmt.

Tatsächlich ist auch das schweizerische System nicht perfekt. Unsere Demokratie ist schwerfällig, die parlamentarische Maschinerie läuft langsam. Lobbyisten üben ihren Einfluss auf das Parlament aus, und wirtschaftlich stärkere Gruppierungen können sich oft mehr Präsenz leisten. Populistische Meinungsmacher zielen mit vermeintlich einfachen Antworten auf die Schwächsten der Gesellschaft auf und haben damit auch noch Erfolg. In solchen Momenten frage ich mich, ob die direkte Demokratie, wie wir sie pflegen, wirklich das beste System ist.

Aber seien wir ehrlich: das perfekte System gibt es sowieso nicht. Und gäbe es eines, würde es der nicht perfekte Mensch sofort für seine Zwecke verbiegen. Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass unser System uns so viele Möglichkeiten bieten, und wir sollten dieses Glück ehren, indem wir abstimmen und wählen , anstatt nur im trauten Kreis herumzumeckern.

Die heutige Abstimmung ist aus meiner Warte übrigens nicht ganz zufriedenstellend verlaufen. Weitere Details werde ich für mich behalten – wer meine politischen Standpunkte kennt, kann ja eine Spekulation anstellen. Aber ich bin froh, dass ich meiner Bürgerpflicht nachgekommen bin, und will auch den nächsten Termin wahrnehmen – übrigens der 30. November. Und dann werde mir beim Aufreißen des Umschlags ein bisschen mehr Mühe geben – die Temperaturen dürften dann nicht mehr so spaziergangsfreundlich sein.

Wie hältst Du es mit der Bürgerpflicht? Gehst Du wählen und abstimmen? Für Nichtschweizer: beneidest Du uns um die direkte Demokratie, oder bist Du froh, dass Du das nicht auch noch musst? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

 

 

KindergrabenLetztens hat mich eine Freundin über meine Facebooktimeline gebeten, eine von ihr gestellte Frage in ein Post umzuwandeln. Das Thema ist ein harter Brocken, aber ich habe die Herausforderung angenommen, weil es mich auch betrifft und ich es spannend finde. Es betrifft einen Graben zwischen Menschen, der manchmal fast unüberwindbar scheint − den zwischen Eltern und Kinderlosen.

Mein Göttibub und ich vor langer Zeit – er wird bald 16!

 

Die Kommentare unter dem Post meiner Freundin haben aufgezeigt, wie unterschiedlich Wahrnehmung und Bedürfnisse sein können. Ein Vater fand es provokativ, wenn Nicht-Eltern ihm von ihrem Stress erzählten, während er sie im Alltag beobachtete und sah, wie oft sie sich ein paar freie Minuten nehmen oder spontan in einen Kurzurlaub fahren konnten. Ungewollt Kinderlose wiederum litten darunter, dass Eltern ihnen den mühsam erarbeiteten Seelenfrieden nicht abnehmen, weil sie nicht glauben können, das man ohne Schaden aus dem Albtraum ungewollter Kinderlosigkeit herauskommen kann.

Ich gehöre weder zur einen noch zur anderen Kategorie. Mein Mann und ich haben spät geheiratet und haben keine Kinder bekommen, aber wir hatten beide nie ein unstillbares Bedürfnis, eine Familie zu gründen. So gehören wir zu den Menschen, die unter der Kinderlosigkeit nicht leiden. Trotzdem haben wir unsere eigenen Probleme mit dem Thema.

Das Dilemma erinnert mich an mein Post „Fremde Welten“, und ich glaube, dass der Schlüssel zu einem besseren Miteinander auch hier in offener Kommunikation und im Willen beider Seiten liegt, in die „Haut des anderen“ zu schlüpfen.

Beide Lebensformen vereinigen schöne und schwierige Aspekte. Wer Kinder hat, trägt Verantwortung für das Leben anderer, muss viele Wünsche und Bedürfnisse unter einen Hut bringen und persönliche Bedürfnisse oft zurückstellen. Er kann seine Zeit nicht frei einteilen und muss einen großen Teil dieser Zeit für organisatorische Belange aufwenden. Damit einher geht oft eine finanziell angespannte Situation. Andererseits ist die Erfahrung, ein Kind zu bekommen, einzigartig und kostbar. Die Geburt eines Kindes verändert einen Menschen für immer. Ohne es selbst erfahren zu haben, glaube ich, dass Kinder dem eigenen Leben eine neue Dimension hinzufügen − als ob man aus einer zwei- in eine dreidimensionale Welt eintauchen würde. Das Leben wird chaotischer, anstrengender, aber auch tiefer und emotionaler. Und so hart und grenzwertig manche Erfahrungen auch sein mögen – ich habe noch nie Eltern getroffen, die ihre Kinder hergegeben hätten.

Das Leben ohne Kinder bietet auf den ersten Blick auch viel, gerade, wenn man nicht unter der Kinderlosigkeit leidet. Kinderlose können ihre Zeit neben der Arbeit selbst einteilen, können spontan in Urlaub fahren und nach einem stressigen Arbeitstag einfach die Füße hochlegen. Sie können auch mal vor dem Fernseher essen und jederzeit Filme schauen, die ihnen gefallen. Sie haben mehr Geld zur Verfügung. Dafür sind sie – besonders in einem bestimmten Alter – in gewissem Sinn Außenseiter in einer von Familien geprägten Welt. Sie werden als Egoisten oder Sonderlinge betrachtet. Sie müssen sich auf ein einsameres Alter einstellen und ihren Lebensstil rechtfertigen. Wenn sie gern Kinder gehabt hätten, müssen sie die Trauer überwinden.

Dreh- und Angelpunkt des Verständnisses und der guten Beziehungen scheint mir, dass man das „Leben der anderen“ weder durch die rosa noch durch die graue Brille betrachtet. Wenn wir nur die rosa Seite der „anderen“ anschauen, resultieren daraus Neid und negative Gefühle. Wenn wir nur die Schattenseiten betrachten, reagieren wir mit Unverständnis oder Mitleid auf die andere Seite, was auch belastend sein kann.

Für diejenigen, die sich bewusst für oder gegen Kinder entschieden haben, gehört zu einem umfassenden Blick meiner Meinung auch, sich selbst ab und zu an diese Entscheidung zu erinnern. Aus der persönlichen Sicht von jemandem ohne Kinder an die Adresse der „anderen“ meine ich damit: wer sich für Kinder entscheidet, kann sich vielleicht nicht vorstellen, wie grundlegend diese Entscheidung sein Leben auf den Kopf stellen wird. Aber er wird wissen, dass sich vieles ändern wird und er von bestimmten Freiheiten Abschied nehmen muss. Dass man diesen Freiheiten nachtrauert, ist menschlich; dass man sie anderen missgönnt und negative Gefühle schürt, ist unfair und fruchtlos und wird ein Miteinander erschweren.

Hier als erster Schritt der offenen Kommunikation die wichtigsten Bedürfnisse, die ich von Seiten der Kinderlosen herausgespürt habe oder selber kenne:

  • Ungewollt Kinderlose wollen nicht ständig bemitleidet werden. Sie haben meist einen Weg hinter sich, auf dem sie sich irgendwann mit ihrer Situation arrangiert haben. Wenn sie mit Euren Kindern etwas unternehmen wollen, ist das daher kein Zeichen, dass sie gerade eine Krise schieben. Fragt also nicht, „Oje, geht es Dir nicht gut?“ Glaubt ihnen, dass sie ihr Leben auch so genießen, und freut Euch an ihrem Interesse an Euren Kindern.
  • Betrachtet die freie Zeit der Kinderlosen nicht als Manipulationsmasse. Ob gewollt oder ungewollt kinderlos: wir haben uns arrangiert und nutzen diese Zeit. Wir sind gern mal flexibel und schätzen es selbst, dass wir das im Notfall sein können. Wenn Ihr uns aber kurzfristig um Unterstützung bittet, obwohl Ihr schon lange wisst, dass Ihr an dem Tag Unterstützung braucht, vermittelt Ihr uns das Gefühl, dass unsere Lebenszeit weniger wichtig ist als Eure.
  • Sagt uns, was Ihr von uns möchtet – wir können es nicht erahnen, weil wir das „Leben vor dem Kind“ führen und die Umwälzung nie erlebt haben. Auch sprechen manche von uns nicht so gut „kind“-isch und sind unsicher, was man machen kann und soll und was nicht. Dahinter steckt weder Desinteresse noch Unwille. Wenn Ihr merkt, dass wir zu der Sorte gehören – macht uns keine Vorwürfe, sondern helft uns und gebt uns Hinweise.

Bevor das Post noch viel länger wird, werde ich hier einen Punkt setzen. Ich weiß nicht, ob ich von der Warte der Kinderlosen alles abgedeckt habe, und freue mich auf weitere Hinweise und Kommentare.

Vor allem aber öffne ich die Kommunikation und hoffe auf Euch Eltern: teilt uns Eure Bedürfnisse mit! Wo tut unser Verhalten Euch weh? Was wünscht Ihr Euch von uns? Teilt mit uns, wie Ihr Euer Leben erlebt und wo wir Euch besser verstehen und unterstützen können!

NazarenerzeichenIch scheine momentan in einer Laune für inhaltsschwere Posts zu sein – ich verspreche allen Besserung, die schon lange auf etwas Leichtfüßigeres hoffen. Die letzten Wochen haben uns ja leider in dieser Hinsicht wenig geboten, dafür umso mehr Absurditäten aus dem Inland, Abscheulichkeiten aus dem Nahen Osten und anderes, worüber ich stolpere und das mich beschäftigt.

 

Der Irak ist momentan neben dem Nahen Osten der Hot Spot für schockierende Nachrichten, und die Enthauptung des amerikanischen Journalisten James Foley war eine dieser „Hot News“. Sie macht es mir schwer, den Islam nicht an dieser grausamen Frucht seiner radikalsten Anhänger zu messen. Wenn ich meinen Fokus dann auf die radikale Christenheit lenke, stoße ich in letzter Zeit leider ebenfalls auf Grenzwertiges und Grenzüberschreitendes. Als ein Beispiel mögen die Anhänger der Westboro Babtist Church genügen: sie verbreiten konstant Hass gegenüber allen, die inner- oder außerhalb der Kirche nicht nach ihrer Interpretation der Bibel leben. Ihre Wortführer morden nicht, aber aus ihren Tiraden geht klar hervor, dass sie bestimmte Gruppen von Menschen am liebsten tot sehen würden. Nach dem Selbstmord von Robin Williams haben sie einen Hasstweet abgesetzt, dass er „ewig in der Hölle verrotten“ solle.

Abscheulichkeiten wie die der IS und Hasspredigten wie die der Baptisten von Westboro gießen zur Zeit eine Menge Wasser auf die Mühlen derer, die mit Religion nichts am Hut haben: wenn man sich auf diese Übel konzentriert, könnte man tatsächlich folgern, dass jeder radikale Glaube nur das Böse im Menschen hervorbringt.

Aber nur fast.

Ich distanziere mich mit jeder Faser meines Seins von Menschen und Kirchen, die Hass gegenüber Andersgläubigen und anders Lebenden säen. Aber ich weigere mich, meinen Glauben zu relativieren, und ich wehre mich gegen die obige Schlussfolgerung.

Dass radikaler Glaube auch hässliche Blüten treibt, kann niemand bestreiten – ob Christ, Muslim oder Jude (um mal bei den drei großen monotheistischen Religionen zu bleiben). Doch in jeder dieser Religionen finden sich auch Menschen, die ihre Aufgabe darin sehen, Brücken zu bauen. Ich denke an die in der Schweiz beheimatete internationale christliche Organisation „Gemeinschaft der Versöhnung“, die sich für die Förderung des Friedens und die Versöhnung befeindeter Volksgruppen einsetzt, oder an den Dirigenten Daniel Barenboim. Er hat sowohl einen israelischen als auch einen palästinensischen Pass und führt das West-Eastern Divan Orchester, das aus israelischen und arabischen Jugendlichen besteht. Ich denke aber auch an die vielen Menschen in der Schweiz, die sich für den interreligiösen Dialog einsetzen, oder an die Organisation „Granges Mélanges“, die in meiner Heimatstadt Wertvolles für die Integration von Menschen aus allen Kulturen leistet.

Ich weiß nicht, was diese Menschen glauben. Aber ich will und werde mich niemals dafür schämen, eine radikale Christin zu sein. Denn obwohl ich für andere Religionen nicht sprechen kann, bin ich überzeugt, dass das obige christliche Beispiel das Resultat eines falsch verstandenen, auf Abwege geratenen Glaubens ist. Jesus hätte an den Hasstiraden der Westboro-Babtisten keine Freude gehabt. Er hat Klartext gesprochen, wann immer es nötig war, und die Dinge beim Namen genannt, aber er hat es in Liebe getan – immer mit dem Ziel der Wiederherstellung. Er hat nie einen Menschen aufgegeben oder abgeurteilt.

Als Christin stehen für mich drei Ziele im Zentrum: das gemäß Jesu Aussage wichtigste Gebot zu halten und Gott mit allem zu lieben, was ich bin, und meinen Nächsten wie mich selbst; Jesu Auftrag an seine Jünger zu erfüllen und meinen Glauben weiterzugeben, und Gottes Liebe für andere Menschen erfahrbar zu machen, indem ich mich danach ausstrecke, Jesus jeden Tag ähnlicher zu werden.

Alle drei sind nicht einfach, und das letzte wird erst wirklich vorbracht sein, wenn ich ihm Auge in Auge gegenüberstehe. Wenn ich meinen Glauben radikal, unverdünnt und unverblümt teile und offenlege, muss ich damit leben, dass meine Handlungen als Früchte dieses Glaubens angesehen werden – die Guten, die Mittelmäßigen und die mit Wurm. Trotzdem will ich zu meinen Schwächen stehen und mein Leben nicht beschönigen.

Denn im Grunde gibt es kein kraftvolleres Zeugnis für den christlichen Glauben als Menschen, die sich in all ihrer sichtbaren Unvollkommenheit und Zerbrochenheit geliebt, erlöst und sicher fühlen – so sicher, dass sie sich nicht scheuen, anderen die Pickel und Narben auf ihrer Seele zu zeigen und dennoch auszustrahlen, dass sie im Frieden mit sich sind. Als Gebäude „under construction“, willig, sich zu verändern, aber im Wissen darum, dass nichts sie von der Liebe ihres Gottes trennen kann.

galaxy-10996_640In den letzten beiden Wochen habe ich meine Ferien und bei dem Hudelwetter öfters mal ein gutes Buch oder einen Film genossen. Die Ausflüge in die faszinierenden Welten von Frodo, Captain Picard und Harry Potter haben Spaß gemacht und meine Fantasie angeregt.

Bildquelle: Pixabay

Gleichzeitig bin ich mir in letzter Zeit bewusst geworden, dass wir fürs Eintauchen in andere Universen unser eigenes nicht zwingend verlassen müssen. Rund um uns herum können wir Einblicke in Welten erhaschen, die genauso faszinierend sind.

Letztens hat mir mein Vater erzählt, wie sich der Kleiderkauf für ihn und seine Geschwister abspielte, als er ein Teenager war: die ganze Familie machte sich auf ins Bekleidungsgeschäft der Kantonshauptstadt, wo seine Schwester, eine gelernte Schneiderin, die Qualität der Stoffe prüfte, während sein Vater mit Geschick und Hartnäckigkeit dafür sorgte, dass er für den Großeinkauf einen ansehnlichen Rabatt erhielt. Ich kann mich an meine Kleiderkäufe als Teenager gut erinnern – wie alle in unserer Generation war ich sehr auf meine Unabhängigkeit bedacht, und ein familiärer Pilgerzug durch die ansässigen Geschäfte hätte meine persönliche Würde in höchstem Maß gefährdet.

Fremde Welten eröffnen sich auch in der gleichen Generation: ein enger Freund meines Mannes ist als Bauernsohn mit elf Geschwistern im sanktgallischen Rheintal aufgewachsen. Für seine Geburt reiste die Hebamme im schneereichen Januar mit ihrer Vespa an und verhalf dem neuen Familienspross mit entsprechend eisigen Händen ins Dasein. Wie er meinte, kann man ihm nicht verübeln, dass er sich ob dieser Behandlung stimmgewaltig Aufmerksamkeit verschaffte.

Doch selbst im kleinen Universum meiner Jugend haben verschiedene Welten existiert: ich entstamme einer autolosen Familie und habe jeweils am Montag voller Staunen den Berichten meiner Klassenkameraden gelauscht, die von ihren Familienausflügen in die nahe gelegenen Einkaufscenter namens „Carrefour“ und „Shoppyland“ berichteten – solche Konsumtempel waren für uns als Bahnfahrerfamilie völliges Neuland. Und selbst innerhalb einer Familie klaffen Erfahrungen auseinander: ein früherer Bandkollege ist in Ostdeutschland aufgewachsen und erlebte seine Jugendzeit in der DDR; eine Welt, die für seinen jüngeren Bruder bereits nicht mehr greifbar war.

Wenn ich mir diese Beispiele vor Augen halte, erstaunt es mich fast, dass wir uns untereinander verständigen können. Und meine Liebe zum geschriebenen Wort wird noch verstärkt, weil es einer der besten Wege ist, um uns anderen Menschen mitzuteilen: über die Jahrhunderte haben es Klassiker von Goethe, Shakespeare, aber auch neuere Werke wie Herr der Ringe und viele andere geschafft, Landes-, Sprach-, Religions- und Generationsgrenzen zu überwinden und Menschen auf dem ganzen Globus zu begeistern.

Zu diesen Büchern gehört „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee, das uns in den amerikanischen Süden der 1930er Jahre entführt. Es erzählt die Geschichte von Atticus Finch, ein Anwalt, der einen Schwarzen verteidigt, der fälschlicherweise der Vergewaltigung eine weißen Frau beschuldigt wird. Durch die Augen von Finch’s Tochter Scout tauchen wir in Welten ein, die unterschiedlicher nicht sein könnten – die Welt der angesehenen weißen Bürger, die der Schwarzen, deren Großeltern noch Sklaven waren, und die einer weißen Unterschicht, die am Rande der Gesellschaft lebt und deren Gesetze ignoriert.

Das Buch zeigt deutlich, wie einschneidend Hautfarbe, Religion und sozialer Stand unsere persönliche Welt prägen. Vor allem ruft es in Erinnerung, dass auch die Macht von Worten begrenzt ist und wir einen entscheidenden Schritt machen müssen, wenn wir die Welt unseres Nächsten verstehen wollen. Atticus Finch sagt zu seiner Tochter:

„Du wirst eine andere Person niemals wirklich verstehen, bevor Du die Dinge aus ihrer Sicht betrachtest (…)
bevor Du in ihre Haut schlüpfst und darin herumläufst.“

Manchen Menschen fällt es schwer, sich in andere hineinzufühlen, aber es ist unabdingbar, wenn wir die Grenzen zwischen unseren Welten aufweichen wollen. Und sicher bringt das jeder fertig, der schon mal in einem Buch mit einer Romanfigur mitgelitten hat. Bevor ich mich das nächste Mal in aller Rechtschaffenheit über jemanden aufrege oder herablassend lächelnd über ihn erhebe, will ich versuchen, die Welt aus seinen Augen zu sehen. In was für Umständen lebt er? Wie würde ich mich fühlen, wenn ich so leben würde? Kann ich von ihm erwarten, dass er sich die Gedanken macht, die ich mir gemacht habe?

In den obigen Geschichten spiegelt sich auch eine ganze Menge Farbigkeit und Vielschichtigkeit. Ist es nicht spannend, dass Menschen um uns herum so vieles zu erzählen haben, was uns neu und fremd ist? Dass wir manchmal weder ein Buch aufmachen noch einen Film anschauen müssen, um ganz neue Welten zu entdecken – sondern nur dem Menschen neben uns ein paar Fragen zu stellen brauchen? Ich freue mich an dieser Andersartigkeit und Vielfalt und hoffe, dass wir mehr und mehr das Fremde und den Fremden in unserer Nähe mit diesen Augen sehen können.

Fällt es Dir leicht, in die Haut von anderen zu schlüpfen? Was für faszinierende Welten und Geschichten aus unserem Universum kennst Du aus Deiner Umgebung? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

I robot 2Letzten Sonntag habe ich mir einen Film angesehen, der vor ziemlich genau zehn Jahren in die Kinos kam. „I robot“ mit Will Smith basiert frei auf einer Buchvorlage von Isaak Asimov, und obwohl ich es normalerweise nicht so mit Robotern habe (abgesehen natürlich von Data in Star Trek und R2D2 in Star Wars), hat mich der Film berührt und zum Nachdenken gebracht.

Im Jahr 2035 unterstützen Robots die Menschen in vielen Bereichen des Lebens als Arbeiter und Helfer. Um sicherzustellen, dass sich ein Robot niemals gegen die Menschen stellt, wurden jedem Exemplar drei Gesetze eingebaut:

Ein Robot darf keinem Menschen schaden oder durch Untätigkeit einen Schaden an Menschen zulassen.

Ein Robot muss jeden von einem Menschen gegebenen Befehl ausführen, aber nur, wenn dabei das erste Gesetz nicht gebrochen wird.

Ein Robot muss seine eigene Existenz bewahren, es sei denn, dies spricht gegen das erste oder zweite Gesetz.

Die Herstellerfirma steht kurz davor, eine neue Generation Robots auszuliefern, als deren Erfinder tot aufgefunden wird. Ist es Selbstmord, oder ist es Mord? Der Polizist Spooner, der den künstlichen Intelligenzen misstraut, macht sich an die Aufklärung des Falls. Dabei lernt er einen Robot kennen, der ein eigenes Bewusstsein entwickelt hat und sich selbst Sonny nennt. Er findet heraus, dass Sonny eine Zentraleinheit für Emotionen besitzt und als einziger Robot nicht mit dem Zentralcomputer V.I.K.I. verbunden ist.

Schließlich stellt sich heraus, dass die künstliche Intelligenz V.I.K.I. aufgrund der drei Gesetze zum logischen Schluss gekommen ist, dass man die Menschheit entmündigen muss, um sie vor sich selbst zu schützen. V.I.K.I. initiiert mit der neuen Generation Robots einen Putsch, um die Macht zu übernehmen. Mit Hilfe von Sonny kann dieser Plan verhindert werden, weil Sonny auch Emotionen in seine Entscheidungen einbeziehen kann und sich nicht zwingend an die Logik der drei Gesetze halten muss.

Als ich über die Entscheidung von V.I.K.I. nachdachte, ist mir ehrlich gesagt als erstes in den Sinn gekommen, dass dieser Silikonhaufen nicht so unrecht hat.

Wir befinden uns in einer optimalen Zeit, um uns darüber klar zu werden, wie weit wir Menschen in unserem Bestreben, in Harmonie mit der Umwelt und im Frieden mit unseren Nachbarn zu leben, schon gekommen sind.

Ein Bericht der Pendlerzeitung „20 Minuten“ von dieser Woche zeigt auf, wie menschenverachtend manche Schweizer in bestimmten Facebookgruppen über Menschen anderer Nationalitäten und Religionen sprechen. In SMS-Spalten meiner Regionalzeitung werden Asylanten als „Gesindel“ bezeichnet. Daneben brodelt es rund um den Globus. Der Nahostkonflikt schlägt Wellen, die auch bei uns zu bedenklichen Reaktionen führen. Ich brauche nur meine Facebook-News anzuschauen, um in eine übelerregende Flut von Rechtfertigungen, gegenseitigen Anschuldigungen und Hass einzutauchen.  Und die Erde, die Gott uns zur sorgfältigen Bewahrung anvertraut hat? Ihr Zustand ist auch nicht gerade ermutigend.

Ich gebe V.I.K.I. Recht – die Menschheit gehört eigentlich entmündigt. Und doch hat der, der es könnte, es nicht getan.

Gott hat uns so geschaffen, dass wir selber entscheiden können. Er hat wissentlich und willentlich keine fleischlichen „Robots“ kreiert, die ihm ohne eigenen Willen zur Hand gehen, weil er ein Gegenüber wollte, mit dem er einen echte Beziehung pflegen kann. Damit ist das Risiko eingegangen, dass wir Mist bauen, was wir natürlich prompt getan haben. Aber Gott hat uns auch da nicht alleingelassen. Er hat uns Hilfe geschickt und damit die Wiederherstellung der Schöpfung eingeleitet. Aber immer noch können wir uns selbst entscheiden – für Gutes oder Schlechtes, jeden Tag neu.

Manchmal verzweifle ich am Zustand der Welt. Ich sehe mein eigenes Unvermögen und brüte  über aktuellen Konflikten. Und es schmerzt mich, wenn es dort am schlimmsten zugeht, wo die Menschen Gott mit in die Gleichung hineinnehmen,  beide Seiten  ihn auf ihrer Seite wissen wollen und zutiefst überzeugt sind, dass er ihnen zum Recht verhelfen wird.

Aber ich sehe auch Lichtpunkte. Menschen in diesen Krisenregionen, die – aus einem klaren, definiertem  Glauben heraus – mit Menschen anderen Glaubens zusammenspannen, sich bewusst entschließen, in der Not theologische Fragen auf der Seite zu lassen, um gemeinsam Not zu lindern.

Und dann bin ich doch wieder froh, dass Gott uns so geschaffen und uns den freien Willen gelassen hat. Wir werden immer mit Fragen wie „Wo war Gott, als…“ kämpfen. Aber letztlich sind wir aufgefordert, zu handeln. Gottes Geschenk des freien Willens verpflichtet uns und fordert uns auf, unsere Hände, unsere Füße, unser Hirn und unser Herz einzusetzen, um etwas zum Besseren zu bewirken. In einem Lied von den Casting Crowns wird diese Herausforderung eindrücklich besungen – und diese Worte will ich mir auch immer wieder neu ins Herz schreiben.

Wenn wir der Leib sind – warum strecken sich seine Arme nicht aus?

Warum heilen seine Hände nicht? Warum lehren seine Worte nicht?

Und wenn wir der Leib sind – warum gehen seine Füße nicht?

Warum zeigt ihnen seine Liebe nicht, dass es einen Weg gibt?

Denn es gibt einen Weg.

Introvert 6Letzten Sonntag habe ich mich mit einem Mitglied unserer Gemeinde über die Ferien unterhalten. Meine fangen bald an, und ich werde sie daheim verbringen. Auf die Frage, ob das nicht etwas hektisch sei, weil viel Besuch hereinschneien könnte, antwortete ich, dass unsere Freunde genau wüssten, dass wir überfallartige Besuche nicht so schätzten.

 

Daraufhin meinte sie überrascht, sie hätte mich als aufgeschlossen und kontaktfreudig eingeschätzt. In den Worten von Bill Murray in „Und täglich grüsst das Murmeltier“: Bin ich. Bin ich. Aber ich bin auch ein introvertierter Mensch.

Amerika, das Land der exzessiven Extrovertiertheit, fängt gerade an, diese Eigenschaft nicht mehr als zu korrigierende Persönlichkeitsstörung anzusehen, und nach der Lektüre zahlreicher Beiträge zu diesem Thema ist mir noch klarer geworden, was den introvertierten Menschen ausmacht. Im Sinne des besseren Verständnisses lasse ich Euch heute an einigen Hauptmerkmalen unserer Spezies teilhaben. Es sind nämlich nicht immer die, an die man denken würde.

Umgepolter Energiefluss

Unter Menschen zu sein, uns zu unterhalten und Beziehung zu pflegen kostet uns Energie. Das heißt nicht, dass es uns keine Freude macht, aber es leert unsere Speicher. Früher oder später müssen wir uns zurückziehen können, um dort aufzutanken, wo es uns möglich ist: im stillen Kämmerlein. Ich liebe Abende allein zuhause, und wenn mein Mann einmal im Jahr mit seinen besten Freunden in ein Männerwochenende fährt, kenne ich nichts Schöneres, als drei Tage für mich zu haben. Ich stehe auf, schreibe, singe lese, gehe spazieren, sehe fern und esse was, wann immer mir danach ist.  Manchmal geht das Wochenende vorbei, ohne dass ich mit einer Menschenseele gesprochen habe, und das füllt meine Batterien wie nichts anderes.

Introvertiert heißt nicht scheu

Ich habe keine Probleme, vor anderen zu sprechen – in der Gemeinde leite ich Lobpreis und mache ab und zu die Moderation im Gottesdienst. An der Launchparty meines CD-Buchs habe ich gesungen, gelesen und moderiert, ohne dass es mich verrückt gemacht hätte. Ich bin nicht scheu, wenn ich auch in neuer Gesellschaft erst zurückhaltend bin. Natürlich gibt es scheue Introvertierte, aber die Schüchternheit ist kein zwingendes Attribut. Und die Gleichsetzung der Begriffe hat zur Folge, dass Menschen wie ich falsch eingeschätzt werden.

Feine Antennen und eine gute Beobachtungsgabe

Introvertierte sind gute Beobachter; viele Schriftsteller gehören zu unserer Sorte. Sie nehmen Details wahr, die anderen entgehen, und können gut in anderen Menschen lesen. Darüber hinaus haben sie oft ein feines Gespür für Stimmungen, Spannungen und Dinge, die unter der Oberfläche geschehen.

Wohl und Wehe des (christlichen) Introvertierten

Die falschen Vorstellungen über das Wesen der Introvertieren führen dazu, dass man uns Dinge vorwirft, für die wir nichts können. Wenn wir uns in Gesellschaft kurz zurückziehen, gelten wir als Partybremsen oder Unsoziale. Wenn wir keine weiteren Termine wollen, gelten wir als Egoisten. Gerade als Christ fühle ich mich mit meiner „Veranlagung“ manchmal fehl am Platz, weil die unbegrenzte Gastfreundschaft so auf den Schild gehoben wird. Es gehört sich, ein „offenes Haus“ zu haben, während Christsein und „My home is my castle“ irgendwie nicht zusammen zu gehen scheint. Hier möchte ich für ein erweitertes Bild der Gastfreundschaft werben, denn auch wir Introvertierte können gastfreundlich sein. Wenn ich Leute einlade, habe ich Freude daran, sie zu bewirten, auf sie einzugehen und mit ihnen einen schönen Abend zu verbringen. Aber ich widme mich ihnen gern im kleineren Kreis und so, dass ich es planen und mich darauf einstellen kann.

***

Seid ihr nun völlig überwältigt von diesen komplizierten Typen, die sich Introvertierte nennen? Nur die Ruhe – so schwierig ist das Zusammenleben mit uns nicht. Die folgenden heißen Tipps werden Euch helfen, die Intros in Eurer Umgebung artgerecht zu behandeln:

Dosiert Überraschungen im terminlichen Bereich

Auch wir Introvertierten (jedenfalls die halben Chaoten, wie ich einer bin) können damit umgehen, wenn sich Pläne ändern,  und können uns auf etwas Neues einstellen. Aber wir ziehen es vor,  soziale Kontakte zu planen. Wenn ich mit jemandem ein Treffen vereinbare, stelle ich mich darauf ein, bin dann voll präsent und genieße es. Anrufe um fünf für einen Feierabenddrink um sechs sind dagegen nicht so mein Fall, und spontane Besuche überfordern mich. Wer in der Gegend ist und kurz vorbeikommen will, möge zumindest vorher kurz anrufen (oder noch lieber eine SMS schicken, damit ich mir in Ruhe überlegen kann, wie es mir geht und ob ich Besuch will).

Nehmt unsere Art nicht persönlich

Die vielen Eindrücke, die wir in Gesellschaft aufnehmen, schwächen unsere Schutzschilde. Wenn wir zu lange zu viele Menschen um uns haben und uns nicht zurückziehen können, fühlen wir uns wie das Raumschiff Enterprise mit 10 Prozent Energie auf den Schilden. Irgendwann bricht der Schild, und wir fühlen uns nackt und verwundbar – Stimmungen, Eindrücke und Emotionen der Umgebung prasseln ungehindert auf uns herein. Dann versuchen wir abzuschalten und die Menschen innerlich auf Distanz zu halten. Wir reden und beteiligen uns äußerlich, aber es kostet uns immer mehr Anstrengung. Dadurch wirken wir manchmal unfreundlich, abweisend oder sogar arrogant. Wenn ihr so einen Eindruck von uns habt – fragt uns einfach, ob wir einen Overflow haben. Wir werden für das Verständnis dankbar sein!

Urteilt uns nicht als Egoisten ab

Wir wollen nicht einfach unser egoistisches kleines Leben führen – wir können schlicht nicht funktionieren, wenn wir nicht genug Zeit für uns selbst haben, und mit leeren Batterien bringen wir auch anderen nichts. Unser Bedürfnis nach dem Alleinsein ist existenziell, und wenn uns jemand gar kein Verständnis entgegenbringt und durchblicken lässt, dass er uns für eigennützig hält, verletzt uns das.

Fordert uns heraus – aber liebevoll

Ich gebe es zu: wenn man den Introvertierten einfach in Ruhe lässt, besteht die Gefahr, dass er nur für unabdingbare Verpflichtungen aus seiner Höhle herauskriecht. Wir wissen das und sind dankbar, wenn andere ab und zu an die Höhlentür klopfen. Aber tut es sachte und vorsichtig. Überrumpelt und manipuliert uns nicht: das nehmen wir sehr übel, und es wird Eure Chancen, beim nächsten Mal unser Wohlwollen auf Eurer Seite zu haben, empfindlich verkleinern.

Der letzte Appell

Glaubt uns, dass wir nicht anders können und dass dies kein Charakterfehler, sondern eine Charaktereigenschaft ist. Akzeptiert unsere Andersartigkeit. Erzählt uns nicht ständig, wie toll ihr Leute findet, die ein offenes Haus haben und so wunderbar spontan sind. Das nehmen WIR nämlich persönlich. Versucht, unsere Introvertiertheit als etwas Positives zu sehen: wir haben in Gesellschaft die Gabe, uns voll und ganz auf den anderen einlassen. Wir müssen nicht im Mittelpunkt stehen und hören gern zu. Aber dafür müssen wir genug Ressourcen haben. Lasst uns diesen Raum, ohne uns anzuklagen oder als unsozial abzuschreiben. Es lohnt sich auch für Euch.

Und wie geht es Euch anderen?! Aufruf zur Völkerverständigung!

Dieses Post hat mir gezeigt, wie fremd wir einander sein können und wie wenig wir manchmal verstehen, was im anderen vorgeht. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, wenn das Alleinsein einen auslaugt und  man im Zusammensein mit anderen Energie tankt. Nachdem ich also meine Befindlichkeit so ausführlich ausgebreitet habe, lade ich Euch herzlich ein, dasselbe zu tun:

Wie ist das Leben als Extrovertierter? Worunter leidet Ihr?
Was müssen wir Intros wissen, um besser auf Euch einzugehen?
Was macht Ihr, wenn Ihr auftanken wollt und niemanden habt, der etwas mit Euch unternimmt?
Tanken Extrovertierte bei allen Menschen auf, oder kommt es darauf an, wer es ist – und ist das Motto „Je mehr, desto besser?“
Und Ihr Intros da draußen: habe ich es getroffen? Oder erlebt Ihr das Introvertiertsein ganz anders? Ich freue mich auf Euren Kommentar!