Quelle: ch-info.chNach acht langen Jahren lädt Grenchen wieder einmal zum grossen Fest im Stadtzentrum mit Musik, gutem Essen, spannenden Ständen, einem Rummelplatz und vielem mehr – also allem, was das Herz begehrt.

Feiern ist angesagt – aber was genau feiern wir?

Zuerst einmal finde ich es schon sehr feiernswert, dass sich engagierte Schaffer und Visionäre gefunden haben, um unserer Stadt eine Party auszurichten. Ich denke aber auch gern zurück an die Zeit, die das Fundament dafür gelegt hat, dass sich unser ehemaliges Bauerndorf heute „Stadt“ nennen darf.

Obwohl das Festmotto die rauschenden Fünfzigerjahre des letzten Jahrhunderts sind, in denen der Uhrenrubel rollte und Grenchen nach den Sternen griff, hat Grenchens Weg zur Stadt gut 100 Jahre vorher angefangen  – vielleicht noch früher. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war Grenchen nur ein Dorf mit rund 1’500 Einwohnern, aber seine Einwohner interessierten sich schon immer für das, was ausserhalb der Stadt-, Kantons- und Landesgrenzen vor sich ging. Gleichzeitig besassen die Grenchner eine revoluzzerische Schlagseite, was im patrizischen Kantonshauptort Solothurn schon damals für Unmut sorgte. In den 1830er Jahren gewährten die Grenchner liberalen Gesinnungsgenossen wie den Italienern Giuseppe Mazzini sowie den Brüdern Agostino und Giovanni Ruffini, aber auch dem badischen Journalisten Karl Mathy politisches Asyl und schützten sie vor dem Zugriff der ausländischen und der Schweizer Behörden. In den 1850 Jahren legten die Oberhäupter der Familien Schild und Girard dann den Grundstein für Grenchnens spätere Blüte, indem sie die Uhrenindustrie im Ort ansiedelten. Nach einem schwierigen Start entstanden in den kommenden Jahrzehnten zahlreiche Fabriken auf Grenchner Boden.

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Hundert Jahre später, in den besagten rauschenden 1950er Jahren, stand Grenchen in voller Blüte. Das Wirtschaftswunder hatte den Ort erfasst, und Architekten errichteten prägende Bauten wie das Parktheater und die Grenchner „Badi“, die für uns, die wir hier aufgwachsen sind, für alle Zeiten die einzig wahre und unerreichbare Messlatte dessen darstellt, wie ein Schwimmbad sein soll. Junge Badibesucher der späten Siebziger und Achtziger zehren noch heute von der Erinnerung an die weltbesten Pommes Frites in der fettigen Papiertüte, an das sahnigste Soft-Ice der Hemisphäre und die buntesten und bizarrsten Süssigkeiten, die man je an einer Badi-Theke erstanden hat.

Aber genug der elegischen Schlenker. Anfangs der 1970er Jahre unterbrach die Ölkrise den Wachstumsrausch. Die Uhrenfirmen dezimierten sich, der vorher stetige Bevölkerungsanstieg kam zum Stillstand, und plötzlich ging es in die andere Richtung. Es folgten schwierige Jahre, und in den 1980er Jahren war Grenchen auf einem Tiefpunkt angelangt.

Aufgeben gab es indessen nicht. Die Talsohle wurde überwunden, neue Betriebe siedelten sich an, und 2008 erhielt Grenchen vom Schweizer Heimatschutz sogar den Wakkerpreis für den sorgsamen Umgang mit dem öffentlichen Raum, was die NZZ mit dem Titel „Auszeichnung für eine Gebeutelte“ honorierte.

Heute ist Grenchen wirtschaftlich breiter aufgestellt. Die Stadt ist lebendig und entwickelt sich, auch wenn es manchmal eine Weile zu dauern scheint. Es hat noch leere Schaufenster im Zentrum, die auf Inhalte und Unternehmen warten, und der Ortskern darf noch mehr belebt werden, aber die Richtung stimmt. Und für mich ist das Fest, das wir dieses Wochenende feiern, Ausdruck unserer Freude und unseres Stolzes auf das, was wir sind – und auf das, was wir waren.

Unsere Wurzeln prägen uns und gestalten mit, was aus uns wird –
das gilt für uns als Menschen genauso wie für eine Stadt.

Grenchens Wurzeln sind einfach und ehrlich, aber auch mutig und weitsichtig. Sie liegen in harter Arbeit, gepaart mit Risikofreude, Weitblick und der Überzeugung, dass das, was anderswo geschieht, uns auch etwas angeht. Dieser Blick über den eigenen Garten hinaus hat zusammen mit der industriellen Entwicklung auch ein soziales Bewusstsein gedeihen lassen. Dazu kommt die Prise Revoluzzertum, auf die wir irgendwie auch stolz sind und die noch heute einen gewissen Widerstand in der Kantonshauptstadt Solothurn auslöst, wenn auch die Konflikte zumeist an der Fasnacht ausgetragen werden.

Ja, ich bin stolz auf mein Grenchen. 1971 bin ich hier geboren, als es noch ein Spital gab, bin im Lingerizquartier aufgewachsen und habe während meiner Primarschuljahre viele Lehrer mit meinem braven Eifer erfreut (die Fräuleins Allemann und Christen und Herrn Weyermann) oder mit meiner Unfähigkeit zur Verzweiflung getrieben (vor allem das Fräulein Trüssel). Vor fünf Jahren bin ich wieder in Grenchen vor Anker gegangen, und irgendwie erkenne ich mich in allen oben angetönten Grenchner Charakteristika wieder. Vielleicht ist das ja kein Zufall  – vielleicht beeinflussen und prägen sich die Stadt und ihre Einwohner gegenseitig.

Wenn Grenchner sein heisst, sich seiner einfachen Wurzeln nicht zu schämen, es zu schätzen, dass man einander kennt und dennoch über die Ortsgrenzen hinaus blickt; wenn es heisst, einen  rebellischen Zug zu besitzen, ein soziales Gewissen zu haben und sich dafür einzusetzen, dass unsere Stadt für alle lebenswert ist und bleibt – dann bin ich mit Leib und Seele Grenchnerin. Und wünsche meiner Stadt noch viele solcher Jahre und Feste!

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Vo Gränche by Gott!

Verbindest Du mit Deinem Herkunftsort auch bestimmte Eigenschaften? Und wenn ja – was macht für Dich „Deinen“ Ort aus? Oder hast Du einen neuen Ort gefunden, der „Deiner“ geworden ist? Ähnelst Du Deinem Ort vielleicht sogar? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

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SechselaeutenAm vergangenen Montag fand in Zürich das traditionelle „Sechseläuten“ mit seinem Zug der Zünfte und der „Böögg“-Verbrennung statt. Dabei wissen die wenigsten, die den Anlass besuchen und die prächtigen Bilder in sich aufnehmen, dass auf diesem Platz vor 70 Jahren Kartoffeln geerntet wurden. Verantwortlich dafür war ein Mann aus Bern, dem ich dieses heutige Post über Persönlichkeiten des Zweiten Weltkriegs widmen möchte.

Die Schweiz hatte vor dem Krieg rund die Hälfte ihrer Nahrungsmittel importiert, und im Fall eines Embargos der Achsenmächte hätte ihr eine Lebensmittelknappheit gedroht. Deshalb brachte Friedrich Traugott Wahlen, Chef der Abteilung für landwirtschaftliche Produktion und Hauswirtschaft im Eidgenössischen Kriegsernährungsamt, am 15. November 1940 in einem Vortrag ohne Wissen seiner Vorgesetzten seinen seit 1935 vorbereiteten Anbauplan vor eine breitere Öffentlichkeit.

Anbauschlacht 1Sein Plan wurde in weiten Kreisen der Bevölkerung positiv aufgenommen und überzeugte schließlich auch die erst widerstrebenden Führungskräfte in Staat und Wirtschaft. In den kommenden Jahren wurden auf großen Höhen Nahrungsmittel angepflanzt; ungenutzte Flächen wie öffentliche Parks, Sportplätze, aber auch der Sechseläuten- und der Bundesplatz wurden in Ackerland umgewandelt. So gelang es, die Anbaufläche von 183’000 bis 1945 auf 352’000 Hektaren auszuweiten und den Selbstversorgungsgrad von 52% auf 59% zu erhöhen.

Doch der Nutzen der Anbauschlacht ging weit darüber hinaus: Die Unterordnung aller unter ein gemeinsames Ziel förderte die gesellschaftliche Integration, und die Anbauschlacht wurde zum Symbol für die Volksgemeinschaft, den Widerstandswillen und die Selbstbehauptung der Schweiz.

Mit seinem Vorpreschen an die Öffentlichkeit hatte Friedrich T. Wahlen einiges riskiert, aber es hatte sich gelohnt. Und es sollte nicht der letzte große Dienst sein, den er seinem Land erweisen konnte: Nach dem Tod von Bundesrat Markus Feldmann 1958 wurde Wahlen dank seiner im Krieg erlangten Popularität in den Bundesrat gewählt, obwohl er seine Karriere größtenteils in Ausland gemacht hatte.

Nach seinem Agronomiestudium in Zürich war Wahlen in Deutschland, England, den Niederlanden sowie 1923-29 in Kanada tätig. Nach einer längeren Tätigkeit in der Schweiz führte ihn seine Aufgabe als Direktor der Abteilung für Landwirtschaft der „Food and Agricultural Organization“ (FAO) ab 1949 zuerst nach Washington und 1951 nach Rom. 1950-52 war er bei der FAO als Chef des technischen Programms tätig und amtierte 1958-59 als Vizedirektor.

Seine Berufung zurück in die Schweiz kam zwar unerwartet, aber doch nicht ganz unverhofft. Bereits 1950 hatte er in einem Brief während eines Flugs von Rom nach New York geschrieben:

„Der Abflug von Zürich war unvergleichlich schön. Ich habe die Schweiz noch nie bei so schönem Wetter nachts überflogen. Was für ein Lichterkranz um den Zürichsee! Und dann hörte es gar nicht auf. Man sieht erst bei Nacht, wie dicht die Schweiz besiedelt ist. Der kleinste Weiler schickt ein paar Lichtlein zum Himmel. Man denkt sich, wie jedes dieser Lichter ein Bauernhaus, eine Scheiterbeige oder einen Hanslibirenbaum beleuchtet. Ich dachte, ich müsse doch noch einmal eine Mission im Schweizerland haben, früher oder später. Aber vielleicht sind das nur Träume.“

Wie er dann in der Rückschau schrieb, wurden seine Träume zur Wirklichkeit –

„und zwar zu einer sehr verantwortungsvollen Wirklichkeit. Aber was könnte mehr Befriedigung bieten als ernst genommene Verantwortung im Dienste einer geliebten Heimat!“

Ich bin auf Wahlen im Rahmen meiner Arbeit als wissenschaftliche Assistentin gestoßen, und je mehr ich über diesen Mann gelesen habe, desto grösser wurde meine Achtung und Bewunderung für ihn. Er war ein geradliniger, humorvoller, tiefsinniger und doch bodenständiger und – was mich natürlich nicht wundert – ein zutiefst gläubiger Mann. Als Sohn eines Lehrer und Predigers der Evangelischen Gemeinschaft schöpfte er aus seinem Glauben an Gott viel Kraft, und seine Schriften und Tagebucheinträge spiegeln eindrücklich, wie nahe und natürlich für ihn die Beschäftigung mit Gott war. So schrieb er in einer Notiz zum Spiel der Wolken, das er aus dem Flugzeug bewunderte:

„Ob wohl der Schöpfer all diese schönen Formen und Farbeffekte voraussah, als er ans Werk ging? Und ob er wohl vorausplante, dass sich die Menschen daran freuen sollten? Ich denke schon; darum hat er ja unser Leben auch lang genug bemessen. In den zehn oder weniger Jahren, die vielen andern Lebewesen beschieden sind, sähe man wenig.“

Sein Glaube floss auch in seine Beziehungen und in seine Arbeit ein. Er war einer der Bundesräte, die sich in ihrer Antrittsrede vor dem Parlament auf Gott beriefen, und einer seiner engsten Freunde, der 2009 verstorbene Schweizer Journalist und Schriftsteller Alfred A. Häsler, lässt in einem seiner Bücher eine Erinnerung aufleben, die den Schalk, die Lebensfreude und die natürliche Frömmigkeit dieses Mannes demonstrieren:

„Wahlens und wir genossen auf der Terrasse in S. Abbondio am 7. Oktober 1975 einzigartige Wolkengebilde, bei einem Boccalino Nostrano. Auf einmal sagte Fritz Wahlen: ‚Wäre das jetzt Blasphemie, wenn wir auf den lieben Gott anstoßen würden, weil er das so schön gemacht hat?‘ Darauf standen wir auf und stießen auf den lieben Gott an. Es war eine beinahe feierliche Stimmung.'“

Friedrich_Traugott_WahlenFriedrich Traugott (sic!) Wahlen ist für mich ein Vorbild dafür, wie ich als Christ in der Welt leben will – tief verwurzelt im Glauben, aber nahbar, voller Ehrfurcht für meinen Schöpfer und Sehnsucht nach seinem Reich, aber voller Dankbarkeit und Freude an dem, was er mir hier auf Erden schenkt.

Den Kopf im Himmel, die Füße auf der Erde
und das Herz bei den Menschen.

Und meine Hoffnung und Zuversicht gründend auf den lebendigen Gott – oder wie Wahlen selbst es am Schluss seiner Rede „Hochkonjunktur und Menschenwürde“ vor der Neuen Helvetischen Gesellschaft am 23. September 1956 ausgedrückt hat:

„Wenden wir den Blick nur auf die Menschen, dann erscheint die Lage aussichtslos (…) Die einzige Zuversicht, die Bestand haben kann, stammt aus dem Glauben, dass Gott lebt.“

Quellen: Wikipedia, Artikel „Plan Wahlen“, Historisches Lexikon der Schweiz, Artikel „Anbauschlacht“ und „Wahlen, Friedrich T.“, Friedrich T. Wahlen, „Erinnerungen“, „Dem Gewissen verpflichtet“ (hrsg. A. Häsler), Alfred A. Häsler, „Briefwechsel“. Bilder: Wikipedia, Schweizerische Eidgenossenschaft.

??????????Mein Post über „Needful Things“ beschäftigt mich immer noch. Das liegt unter anderem daran, dass ich das Buch erst gerade ausgelesen habe und es eine Menge neuer Gedankenfunken ausgelöst hat. Vor allem hat es mich daran erinnert, was mich am Fach Geschichte fasziniert: nicht das Auswendiglernen von Daten, sondern das Verständnis dafür, dass aktuelle Situationen auf früheren Ereignissen und Entwicklungen beruhen.

Anfang August ist es 100 Jahre her, dass sich der lokale Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien zu einem Kontinentalkrieg und später zum Ersten Weltkrieg ausdehnte, und heute feiern wir 70 Jahre „D-Day“ – den Tag, an dem die Alliierten in der Normandie landeten und der die Wende im Zweiten Weltkrieg markiert. Diese Großereignisse lassen sich kaum anhand einer einzigen Ursache erklären, aber die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hilft uns, besser zu verstehen, was auf anderen Kontinenten, fernen Ländern oder in unserem eigenen Land und Leben vor sich geht.

Quelle: Staatsarchiv LuzernHeute kann sich zum Beispiel niemand mehr vorstellen, dass auf unserem Boden vor weniger als 200 Jahren ein innerschweizerischer bewaffneter Konflikt entbrannte. Die katholisch dominierten, föderalistisch geprägten Kantone schlossen sich gegen die protestantisch und zentralistisch eingestellte Mehrheit zusammen, was schließlich zum Bürgerkrieg führte.

                                                                                           Quelle: Staatsarchiv Luzern

Dank der klugen Kriegsführung von General Dufour starben im kurzen Sonderbundskrieg weniger als 200 Menschen – ein Punkt, der im Ausland sicher ein amüsiertes Lächeln auslöst: ach, und DAS nennt Ihr Krieg? Dennoch war unser Land davor und danach tief gespalten. Die Katholiken waren über 40 Jahre von der Regierung ausgeschlossen. Die Jesuiten wurden aus der Schweiz ausgewiesen, und der Jesuitenartikel, der den Orden in der Schweiz verbot, war bis 1973 Bestandteil unserer Verfassung. Noch in der Generation meiner Eltern wurde eine Heirat zwischen Katholiken und Protestanten nicht gern gesehen.

Wir können uns das heute nur noch schwer vorstellen – dabei sind wir selbst ein Produkt unserer Vergangenheit, und mit ein bisschen Nachdenken und „In-uns-gehen“ können wir oft herausfinden, wo die Ursachen unseres Verhaltens, unserer Vorlieben, unserer Fähigkeiten und Gewohnheiten verwurzelt sind. Ich gehe zum Beispiel gern spazieren und kann in der Natur, in der Weite, der Stille und der frischen Luft gut auftanken. Und ich erinnere mich an meine Kindheit mit Wochenendbräteln am Waldrand und Wanderferien im Berner Oberland. Als Teenager fanden wir diese Art Ferien nicht mehr so prickelnd, aber sie haben den Grundstein dafür gelegt, dass wir heute die Natur und die Bewegung im Freien so schätzen.

Natürlich trägt jeder Mensch auch an Erinnerungen und Erlebnissen, die Narben und oft eine innere Wachsamkeit hinterlassen haben. Wie eine Katze, die sich das Fell angesengt hat, oder ein Hund, der getreten worden ist, machen wir um bestimmte Situationen oder Charaktere einen weiten Bogen – manchmal ohne zu wissen, warum.

Ich habe noch immer Verhaltensweisen an mir, die ich mir nicht ganz erklären kann, erlebe Momente, „wo’s mer eifach tuet“, wo ich meine Reaktionen nicht kontrollieren kann. Und ich möchte erfahren, was dem zugrunde liegt. Das unkomplizierte Verhältnis, das heute zwischen Schweizer Katholiken und Protestanten herrscht, beweist mir, dass sich auch tiefe Gräben auffüllen und Verletzungen heilen lassen – sowohl im Gedächtnis eines Staates als auch im Hirn und Herz eines einzelnen.

Wir sind keine Sklaven unserer Vergangenheit. Wir können uns gegen unsere eigenen Verformungen stemmen, und wenn wir mit Gott in Beziehung stehen, können wir Verletzungen und Schmerz immer wieder bei ihm abgeben. Und wir schaden uns selbst, wenn wir unsere Vergangenheit als Schutzschild und Ausrede verwenden, um in unseren Verkrümmungen zu verharren und allen anderen die Schuld zu geben. Wir sind es uns selbst und anderen schuldig, uns nach innerer Freiheit auszustrecken.

Manchmal brauchen wir für so einen Prozess externe Hilfe. Aber egal, wie schwer unsere Last ist: Gott ist grösser als unsere Verletzungen. Er ist in der Lage, die härtesten Verkrustungen aufzubrechen, dass wundeste Herz zu heilen – wenn wir es wollen, wenn wir Geduld haben und wenn wir uns ihm immer wieder hinhalten.

Der D-Day symbolisiert die Wende im Zweiten Weltkrieg. Wenn ich mir bewusst werde, dass ich noch Befreiung brauche, und mich innerlich aufmache, um diese Befreiung zu erleben, kann auch ich den D-Day feiern.

Alte Schätze 2Mein Mann und ich sind keine großen Aufräumer vor dem Herrn – das Gästezimmer unseres Hauses war so lange eine Abstellkammer, bis sich ein Übernachtungsgast ankündigte. Dann war kurz etwas Hektik angesagt, weil wir noch ein Schlafsofa brauchten und den Raum entrümpeln mussten. Im Zuge dieser Aktion warf ich einen Blick in die obersten Einbauschränke und entdeckte ein paar ungeahnte Schätze.

Einer war ein uralter frommer Frauenroman namens „Der Gottesstrauch“, der andere ein Buch über Heilkräuter, wieder ein anderer eine alte Stickvorlage. Sie alle stammten von den Vorbesitzern unseres Hauses – Überbleibsel einer anderen Zeit, die offenbar niemand mehr gewollt hatte und die jetzt uns gehörten.

Als „History Nerd“ hat mich die Vergangenheit schon immer fasziniert. Beim Betrachten dieser alten Schätze wurde mir bewusst, dass ich auch in meiner Vergangenheit und im Leben meiner Vorfahren immer wieder auf etwas Neues und Interessantes stoße. Mein Vater erzählt davon, wie er als Junge mit seinen Geschwistern regelmäßig im nahe gelegenen Wald Fallholz sammelte und Hagebutten erntete. Meine Mutter überlieferte mir die Erinnerung an ihre eigene Mutter, die Zuhause in Heimarbeit Uhrenteile fertigte.

Alte Schätze 1 linksPhilipp Anton von Segesser, ein Schweizer Politiker des 19. Jahrhunderts und Spross einer verarmten Adelsfamilie, wusste über seine Vorfahren so ziemlich alles. In seiner Autobiografie schwelgt er in Erinnerungen an die Ferien, die er als Junge auf dem alten Landsitz der Familie verbrachte. Dabei beschreibt er, wie er durch den „großen Saal“ schritt und sich wieder und wieder die Bilder seiner Ahnen ansah, vor denen er große Achtung hatte. „Ich kannte alle, wusste die Geschichte aller und freute mich, dass keiner ein Volksbedrücker gewesen, dass alle ehrenhaft durch das Leben gegangen, dem Vaterland mit Ehre gedient und ihre Namen untadelhaft erhalten hatten.“

Sein Blick auf seine Vorfahren dürfte nicht völlig objektiv gewesen sein – schließlich hat jeder Mensch auch seine Schwächen. Aber aus seinen Worten spricht eine tiefe Verbundenheit und ein Bewusstsein für die eigenen Wurzeln, auch ein Stolz auf die edlen Charakterzüge, die seine Vorfahren über Jahrhunderte unter Beweis gestellt haben.

Beschämenderweise muss ich gestehen, dass ich schon über die Generation meiner Großeltern erschreckend wenig weiß, ganz zu schweigen von allen, die davor gelebt haben. Doch von Segessers Worte haben meine Neugierde geweckt. Aus was für einer Linie von Menschen stamme ich? Gab es darunter Missionare oder Menschenfresser, Wohltäter oder Übeltäter? Und wieviel davon trage ich weiter?

Alte Schätze 6Wenn ich an meine Großmutter väterlicherseits denke, fällt mir ihre unerschrockene kleine Gestalt ein und das legendäre Zitat „Tue recht und scheue niemand“, das mein Vater auch gern zum Besten gibt und das sie oft verwendete. Obwohl „recht tun“ ein schwieriger Begriff ist und ich mir bewusst bin, dass ich jeden Tag Fehler mache, ist diese Lebenshaltung doch von ihr auf meinen Vater und auf mich übergegangen. Denke ich an den Clan meines Vaters, berührt mich der starke Zusammenhalt unter den Geschwistern. Und ich freue mich an den in verschiedenen Formen hervorblitzenden Humor und der interessanten Tatsache, dass mein Vater und seine Brüder allesamt charakterstarke, humorvolle und eigenständige Frauen geheiratet haben, die sich nichts vormachen lassen.

Über die Familie meiner Mutter weiß ich weniger, auch weil sie nicht mehr lebt und mir ihre Erinnerungen nicht mehr weitergeben kann. Dafür denke ich gern an die gemeinsame Leidenschaft meiner Eltern für die Jugend und ihren Einsatz für die sozial Schwächeren. Und ich erinnere mich an Mutters heitere Genügsamkeit, ihre Liebe zu spannenden, humorvollen Geschichten und ihren klaren Blick hinter die Fassade der Menschen.

Wie es bei von Segessers Ahnen den einen oder anderen Tintenfleck im Reinheft gab, hat sicher jede Familie auch ihre dunkleren Seiten. Wir alle kennen Charakterschwächen, alte Wunden und verhärtete Einstellungen, die über unsere Familienbande manchmal Eingang in unsere Herzen finden. Es ist befreiend, wenn ich mir klarmache, dass ich die Wahl habe, was ich weitertragen und weitergeben will und was nicht. Natürlich ist es mit der Wahl, etwas loslassen zu wollen, nicht getan, aber ohne die bewusste Entscheidung, ein bestimmtes Muster loslassen zu wollen, wir ganz bestimmt nichts passieren.

Im Guten wie im weniger Guten empfinde ich das Bewusstsein für die Vergangenheit als etwas Erdendes, das mich im Leben verankert. Es erinnert mich daran, dass alles eine Geschichte hat und dass ich mich selbst und andere nur verstehen kann, wenn ich einen Blick hinter die Kulissen und in die Vergangenheit werfe.

Alte Schätze 4

Alte Schätze 5 linksIm Schrank meines Gästezimmers habe ich auch eine über hundertjährige Bibel entdeckt. Sie enthält einen handschriftlichen Eintrag und ein altes Lesezeichen. Diese Fundstücke sprechen von der Zuversicht, dass Gott meine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in seinen Händen hält und mir beisteht, wenn ich ins Trudeln gerate oder nicht weiß, wie es weitergehen soll.

Was weißt Du über Deine „Ahnen“ – gehst Du Dir auf dem Familiensitz die Ölgemälde anschauen, oder beruht Dein Wissen auch eher auf den Überlieferungen Deiner Familie? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

Popcorn-PerlenIch war noch nie auf einer „Star Trek“ Convention und habe keine Uniform von Captain Picard im Schrank, aber ich gestehe frank und frei: Ich bin seit über zwanzig Jahren ein Trekkie, und es gibt Folgen von „Star Trek – The Next Generation“, die ich fast Wort für Wort nachsprechen kann.

Diese Leidenschaft gründet auf dem Fernsehprogramm der Neunzigerjahre, dem geisteswissenschaftlichen Studium vor der Bologna-Reform und meiner angeborenen Faulheit. Ich hatte nur zehn Lektionen Präsenzzeit an der Uni, und wenn ich mich nicht für das Basteln an meinen Seminararbeiten aufraffen konnte, entschied ich mich für einen Trekkie-Marathon auf Pro Sieben. So habe ich im Lauf der Jahre fast alle Folgen von „The Next Generation“ gesehen und mir den Status einer TNG-Expertin er“arbeitet“ – die Auswirkungen auf das Studium werden im Rahmen dieses Posts nicht thematisiert.

Star TrekHeute missbrauche ich „Star Trek“ nicht mehr, um mich vor der Arbeit zu drücken, aber meine Liebe zum Picard‘schen Universum hat sich noch vertieft, weil mir die Schätze dieser unterhaltsamen, spannenden Serie erst mit der Zeit aufgegangen sind. Besonders reich an diesen Schätzen ist mein „all time favourite“ Film „Insurrection / Der Aufstand“.

„Insurrection“ erzählt – knapp zusammengefasst – die Geschichte des Volkes der Bakù, das sich vor Jahrhunderten auf einem kleinen Planeten niedergelassen hat. Obwohl die Bakù die Technologie für Reisen ins All haben, ziehen sie ein einfaches, abgeschiedenes Landleben vor. Doch ihr Planet birgt einen Schatz, der ihn und damit die Bakù ins Zentrum galaxienweiter Gelüste rückt: Die Planetenringe enthalten einen Stoff, der die Zellalterung verhindert und rückgängig macht – das Volk der Bakù hütet damit den Zugang zu ewiger Jugend und zu einem annähernd ewigen Leben.

Das in der Galaxie umherziehende Volk der Son’a hat eine Möglichkeit entwickelt, diesen Stoff aus den Planetenringen zu entfernen und nutzbar zu machen, und will diesen Plan mit Hilfe der Föderation der Planeten (eine Art Staatenbund auf Universumsebene) umsetzen. Doch dabei müsste der Planet zerstört und das Volk der Bakù umgesiedelt werden. Deshalb errichtet eine kleine Gruppe der Föderation eine holografische Kopie des Bakù-Dorfes in einem getarnten Raumschiff und plant, die Bakù bei Nacht und Nebel in das Raumschiff zu beamen und es auf einem anderen Planeten abzusetzen.

„You should read more history, Number One!”

Captain Picard deckt diese Pläne auf und stellt Admiral Dougherty zur Rede, der das Projekt im Auftrag der Föderation überwacht. Dabei lernen wir den leidenschaftlichen Historiker in Picard kennen, der sich tief bewusst war, dass die aktuellen Konflikte einer Gesellschaft auf Ereignisse und Entwicklungen von Jahrzehnten und Jahrhunderten zurückgehen.

Die „Star Trek“-Stories begeistern auch mich immer neu für mein ursprüngliches Studienfach. Mir wird aber auch bewusst, dass dieses Verständnis für die Bedeutung der Vergangenheit nicht auf der Ebene von Nationen und Regionen aufhört. Auch ich muss wissen, woher ich gekommen bin, um mein Leben und mich selbst zu verstehen. Das heisst nicht, dass ich ständig über der Vergangenheit grüble. Aber ich anerkenne meinen Ursprung und meine Geschichte mit allem, was damit zusammenhängt – ohne das Unangenehme auszublenden. Es hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin, und nur von diesem Menschen aus kann ich das Leben vorwärts leben.

“Es gibt Zeiten, Sir, in denen Männer mit einem Gewissen
nicht blind Befehle befolgen können.“

In „Insurrection“ können Picards Argumente und sein Geschichtsverständnis den Admiral nicht überzeugen. Er fordert von Picard Gehorsam gegenüber ihm als Vorgesetzten, und dieser muss sich entscheiden: Soll er die Befehle der Föderation befolgen und seine ethischen Prinzipen umstossen – oder seinem Gewissen folgen und sich widersetzen? Picard zögert nicht lange – er legt die Insignien seiner Generalswürde ab und entscheidet sich für den Aufstand. Picard riskiert damit Kriegsgericht, Gefängnis, Ehrverlust, den Tod.

Solche Helden gibt es auch im realen Leben – ich denke an Dietrich Bonhoeffer, der sich als Christ und Mitglied der bekennenden Kirche am Attentat gegen Hitler beteiligt und das mit dem Leben bezahlt hat, aber auch an viele kleine Aktionen der Zivilcourage, die jeden Tag erbracht werden. Ich glaube nicht, dass mein Heimatland in nächster Zeit in eine Geisteshaltung abdriftet, die Bonhoeffersche Aktionen fordert, aber ich will im Alltag nicht einfach wegschauen und den Mund halten, wenn Zivilcourage gefragt ist. Nur wenn ich mir diesen Mut im Kleinen antrainiere, bin ich notfalls bereit für eine grosse Aktion.

„Zart wie ein Androidenpopo, oder, Data?“

Neben der Spannung, die diese Geschichte vorantreibt, und den wunderbaren Bildern und Stimmungen auf dem Planeten (ganz zu schweigen von der Romanze zwischen Captain Picard und einer Frau der Bakù) lebt dieser Film wie alle „Star Trek“-Geschichten von einem wunderbar hintergründigen Humor, der das „Star Trek“-Universum so einzigartig macht. Es ist fast unmöglich, diesen Humor schriftlich festzuhalten, aber ich muss es versuchen:

Der erste Offizier William Riker und Schiffspsychologin Deanna Troi haben unter dem Einfluss der verjüngenden Planetenringe ihre Liebe füreinander neu entdeckt. Deanna zuliebe rasiert Riker seinen Bart ab und präsentiert sich Data, der künstlichen Lebensform auf der Enterprise, mit der Bemerkung: „Zart wie ein Androidenpopo, oder Data?“ Data fragt verwirrt: „Wie bitte, Sir?“ Dann begreift er und fragt Riker: „Darf ich?“ Er legt prüfend die Hand auf Rikers Wange, lächelt überlegen, schüttelt den Kopf und geht weiter.

Der “Star Trek”-Humor erinnert mich mit jeder Folge und jedem Film daran, dass ich das Leben und mich selbst auch viel zu ernst nehmen kann. Dabei ist ein kleiner Scherz pro Tag gut für die Verdauung und hält das Hirn lebendig, wie ein grosser Humorist mal gesagt hat.

“Sometimes, Number One, you just have to bow to the absurd!”

Ich hoffe, ich habe einige bisherige Star Trek-Abstinenzler neugierig gemacht, sich auch einmal einen Film oder eine Folge anzusehen. Glaubt mir: man stösst dabei „in Welten vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat!“

Ich schliesse mit obigem Zitat aus meiner Lieblingsfolge Star Trek – “Up the long ladder/Planet der Klone” und mit dem letzten, ultimativen Grund für meine „Star Trek“-Leidenschaft:

Jean-Luc Picard hat neben meinem Vater und Louis de Funès die mit Abstand schönste Glatze des Universums.

Bist Du ein Trekkie, oder kannst Du damit gar nichts anfangen? Und wenn Trekkie – welches ist Deine Lieblingsserie / Dein Lieblingsfilm? Ich freue mich auf Eure Antworten!