Schlüsselherz kleinIch hatte schon früh eine innige Beziehung zum geschriebenen Wort. Als kleiner Knopf sah ich meiner Mutter dabei zu, wie sie diese faszinierenden Zeichen in die Schreibmaschine tippte. Ich wollte genau wissen, was es damit auf sich hatte, und sie hat geduldig meine Fragen beantwortet und mir das „Mami-M“, den „Papi-P“ und all die anderen erklärt, bis ich schließlich mein erstes selbst gelesenes Wort aussprach. Es war „Thomy“ von Thomy-Senf, und ich las es mit vier Jahren von einer Plastiktüte.

Es folgten Jahrzehnte, in denen ich jedes greifbare Wort verschlang, angefangen mit „Dominik Dachs“ über „Fünf Freunde“, „Die Schwarze Sieben“, „Geheimnis um…“ „Die drei ???“, tonnenweise Pferdebücher, „Hanni und Nanni“, „Dolly“, „Die Kinder von Bullerbü“, „Karlsson vom Dach“, „Die unendliche Geschichte“, „Mio mein Mio“ und fast alles von Federica de Cesco. Nach einer hormonell bedingten „Sweet Dreams“-Kitsch-Phase kamen die damals verfügbaren Stephen Kings, daneben die humorigen Geschichten von Erma Bombeck und Mary Scott und natürlich Krimis, angefangen bei Agatha Christie über Martha Grimes zu Elisabeth George und Dick Francis.

Geschrieben habe ich damals auch, aber ausschließlich Tagebücher, die ich mit den Lamenti eines schüchternen, introvertierten Teenagers füllte. Dann ging ich Geschichte studieren, danach zog es mich zuerst hobbymäßig, dann halbprofessionell zum Gesang. Vor vier Jahren landete ich unverhofft über ein paar Lieblingssongs wieder beim Schreiben, und heute geht es mir damit wie Tim Ekaterin in Dick Francis‘ Banker-Krimi nach seinen ersten drei Monaten bei der Bank: Man müsste mich mit der Brechstange loseisen. Im Januar und Februar habe ich den Plot für mein erstes Prosabuch erarbeitet, nächsten Mittwoch fange ich mit dem Rohentwurf an, und ich freue mich darauf wie ein kleines Kind, das vor der Wohnzimmertür steht und durch die Glastür die flackernden Kerzen am Weihnachtsbaum sieht. Dass das Schreiben meine Berufung ist, steht für mich außer Zweifel.

Aber wie erkennt man, was Berufung ist? Wie findet man als Mensch mit vielen Interessen und verschiedenen Talenten heraus, wo man sich investieren soll?

Ich habe im Prozess, der mich zum Schreiben geführt hat, verschiedene Kennzeichen ausgemacht, die auf der Suche nach Berufung vielleicht weiterhelfen.

Sie macht Freude
Simpel, aber wahr! Das Schreiben macht mir praktisch immer Spaß. Zwar verfolge ich mit meinem Schreiben auch einen Zweck, und dieser Zweck gehört zur Berufung, aber das Schreiben begeistert mich auch an und für sich. Ich kann mich dabei total vergessen und tauche in eine andere Welt ein, bin eins mit mir selbst. Wenn wir das tun, was uns in die Wiege gelegt ist, sind wir in einem ganz besonderen „Flow“, einem Fluss, der uns trägt und uns Energie schenkt.

Sie lässt Dich nicht los
Ich denke ständig über das Schreiben nach, lese Blogposts und Bücher darüber, lebe darin. Ich freue mich an dem, was ich schon zustande bringe, aber das reicht mir noch lange nicht. Ohne mich mit ihnen zu vergleichen, lasse ich mich von Vorbildern inspirieren, um mich weiterzuentwickeln und so gut zu werden, wie ich kann. Unsere wichtigsten Gaben packen uns mit einer Kraft, der wir uns nur schwer entziehen können – und das ist gut so.

Sie dient anderen
Die Feedbacks, die ich über die Jahre schon erhalten habe, zeigen mir, dass sich beim Schreiben neben der Freude an der Sache mein Herzenswunsch erfüllt: Ich erreiche andere Menschen und gebe ihnen etwas weiter. Die Ausübung unserer Gaben soll uns Freude machen, aber sie ist auch so konzipiert, dass sie anderen dient.

Sie braucht keinen Anstoß von außen – und kein Publikum
Als ich die Idee für „Hier will ich bleiben“ hatte, war mir erst einmal völlig egal, ob ich für das Buch einen Verlag finden und ob es ein Beststeller werden würde – ich wusste nur, dass ich das schreiben und veröffentlichen will, und alles andere zählte nicht. Natürlich brauchen Bücher Leser, um ihren Sinn zu erfüllen, aber im ersten Moment war diese Frage nicht wichtig. Vielleicht machst Du etwas, das der Öffentlichkeit verborgen bleibt und dennoch Deine Berufung ist. Wenn Du in einem kleinen Kreis das tust, was „Deins“ ist, bereicherst und beschenkst Du viele Menschen, ohne dass das über Dein Dorf, Deine Kirche oder Deinen Verein hinausgehen muss.

Sie blüht zur rechten Zeit
Manchmal wünsche ich mir, ich hätte das professionelle Schreiben früher entdeckt, aber im Grunde weiß ich, dass es so genau richtig ist. Ich wäre früher nicht so zielgerichtet gewesen, und ich hätte nicht das zu sagen gehabt, was ich heute sagen will. Wenn Du also dreißig bist und Dich fragst, warum Du „das“ noch nicht gefunden hast, dann entspann Dich – vielleicht musst Du einfach noch ein paar Erfahrungen machen, die Dir den Weg ebnen werden. Es ist nie zu spät.

Sie hat ein Was, ein Wozu und ein Wo
Berufung setzt sich aus drei Zweigen zusammen. Ich schreibe (Was), weil ich damit Menschen ermutigen, berühren, herausfordern und ihnen Gott näherbringen will (Wozu). Und das will ich in der säkularen Literaturszene tun (Wo). Ich könnte meine Schreibe für das Verfassen von Werbetexten einsetzen oder Bücher über das christliche Leben für Christen schreiben, aber beides würde mich nur begrenzt erfüllen. Ich will Menschen mit meinen Geschichten berühren, begeistern und ihnen erfahrbar machen, dass hinter dem seelenbetäubenden Lärm von Karriere, Konsum und Konkurrenz eine tiefere Wahrheit liegt – befreiende Werte, die jedes Leben bejahen und nicht nur dasjenige, das am meisten zum Bruttosozialprodukt beiträgt und dem gerade gängigen, so flüchtigen gesellschaftlichen Ideal entspricht. Wenn Du Dich also fragst, worin Deine Berufung liegt: Vergiss nicht, dass die Gabe an sich nur ein Teil davon ist. Wenn Du Dein Talent einsetzt und Dich das nicht erfüllt, liegt es vielleicht daran, dass Du Deine Gabe nicht für ein Ziel einsetzt, dass Dich wirklich begeistert.

Hast Du Deine Berufung schon gefunden? Falls nicht, bringen Dich meine Gedanken vielleicht dem Ziel etwas näher. Falls ja: Warte nicht auf eine Einladung oder darauf, dass Du „entdeckt“ wirst. Wenn es das ist, was Dich wirklich erfüllt, brauchst Du weder einen Vertrag noch einen Job noch Ruhm noch Geld, um es zu tun. Vielleicht hast du noch viel Zeit, vielleicht nicht. Egal, was zutrifft: Stell Dir einen Moment lang vor, du hättest nur noch ein paar Jahre zu leben. Was würde Dir auf dem Herzen brennen? Ein Buch, eine CD? Ein Missionstrip? Ein Gassenrestaurant?

Egal, was es ist: Go for it –
für Dich und für die Menschen, die Du damit beschenken wirst.

Merch Cover Bundle BlogHeute ist ein Freudentag, den ich mit meinen Seelensnacklern einfach teilen muss: Buch und CD „Hier will ich bleiben“ sind endgültig aus ihrem Ei gekrochen und auf dem freien Markt erhältlich. Ein tolles Gefühl, das mich gleichzeitig erstaunt, erschöpft und überwältigt zurücklässt.

 

 

Letzten Freitag durfte ich vor einem etwa 80-köpfigen Publikum den Release feiern. Die Konzertlesung mit der Unterstützung meines Produzenten Norm Strauss, meiner Schwester Bettina und einem Freund an der Percussion war wunderbar und berührend. Vor allem habe ich in der Vorbereitung auf diesen Anlass wieder etwas gelernt.

Als ich mich auf den Abend einstellte und mir vorstellte, dass ich fast allein mit einer Gitarre auf der Bühne sitzen würde, schlich sich eine leise Panik ein. Würde ich das bringen? Würde ich es schaffen, aus mir herauszugehen und mich selbst zu sein? Als ich um diesw „Kick-Ass“-Einstellung rang, merkte ich, dass da etwas fehlte. Und mir wurde klar, dass mein letztes Post von der Dankbarkeit für unverdiente Geschenke nur einen Teil der Wahrheit abbildete. Wenn ich den Mut, die Kraft und die Überzeugung aufbringen wollte, zu strahlen und mich selbst zu sein, musste ich diesen anderen Teil freilegen.

Bild Release schneid

Dieser Teil ist das Bewusstsein, dass vieles, was ich erlebt hatte, ein Segen war, ich aber einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zum Ganzen geleistet habe. Und dass ich darauf stolz sein darf.

Stolz.

STOLZ.

Kennt Ihr das auch, wenn ein Wort in Euch Widerwillen auslöst? Ich will nicht stolz sein! WILL NICHT!

Aber wie es gute und schlechte Formen von Zufriedenheit gibt, gibt es auch gute und schlechte Formen von Stolz. Und die gute Form bedeutet, dass ich meinen Anteil an der erfolgreichen Fertigstellung nicht unter den Scheffel stellen soll.

In den Tagen vor dem Anlass hat die „Stimme der Wahrheit“, der auf meiner CD auch ein Lied gewidmet ist, deutlich zu mir gesprochen. Und am Release-Abend hat mein Mann ohne es zu wissen diesen Part übernommen und noch einmal genau die Worte gesagt, die ich verinnerlichen musste:

Gott hat Türen geöffnet, hat mir Kraft gegeben, hat vieles möglich gemacht. Aber wenn ich mich nicht auf meinen Hintern gesetzt und geackert hätte, wäre nichts passiert.

Zum Teil habe ich vor Jahren Entscheidungen getroffen, die das alles erst möglich gemacht haben.  Gott hat zu diesen Entscheidungen beigetragen – er hat für eine innere Unruhe gesorgt, die mich zu den richtigen Entscheidungen geführt hat. Aber entscheiden musste ich selbst. Gott spricht jeden Tag zu Menschen, und nicht alle wollen hören, was er ihnen sagen möchte. Dort, wo ich mutige Entscheidungen getroffen habe, die sich jetzt auszahlen, darf ich auch stolz sein.

Vor drei Jahren konnte ich mir nicht vorstellen, um viertel nach sechs  aufzustehen, wenn ich keinen Termin hatte. Seit über einem Jahr arbeite ich am Nachmittag auswärts und stehe jeden Tag in dieser Herrgottsfrühe auf, um an meinem Projekt zu arbeiten.

Und nicht jede Arbeit ist toll, spannend und „mein Ding“. Natürlich haben die CD-Aufnahmen, das Schreiben an sich, die Arbeit am Cover mit Grafikerin Hanna mir Freude gemacht und mich begeistert. Aber ich musste auch Zeug erledigen, das mich langweilte, mir widerstand oder Schweißausbrüche veranlasste: mich durch die SUISA (die Schweizer GEMA)- Formulare durchbeißen, telefonische Nachfragen von Pontius zu Pilatus, einlesen in verschiedenste Themen wie ISRC-Codes, Ebook-Erstellung usw., mein Projekt vermarkten und andere um Hilfe und Unterstützung bitten. Und am Ende: mich vor all die Leute setzen und zum ersten Mal mein Programm durchziehen.

Das alles habe ich getan, und darum will ich mich hier und heute zu diesem Statement durchringen:

Ich bin stolz auf meine Arbeit.

Stolz auf das, was ich – mit Hilfe vieler Menschen und Hilfe von oben – geschafft habe. Und es erfüllt mich mit mehr Freude und Zufriedenheit als alles, was ich bisher gemacht habe.

Einer der ersten Gospelsongs, die ich kennen gelernt habe, hieß „Shine your light“. Der Song spricht davon, dass ich Jesus bitte, sein Licht durch mich scheinen zu lassen, aber gerade heute fordert er mich auch heraus, mein eigenes Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. Ich merke oft, dass sich etwas in mir dagegen sträubt und ein Teil von mir Angst vor Erfolg hat. Unser Land hat eine Tendenz zur „Champignonmentalität“ – wer den Kopf zu weit herausstreckt, kann ihn schnell verlieren. Aber wenn wir das tun wollen, was in uns hineingelegt wurde, müssen wir diese Angst überwinden.

Als kleine Hommage an mein fertiges Werk habe ich hier einen Link zum Titelsong „Hier will ich bleiben“ eingefügt,  den ich selbst geschrieben habe. Er beschreibt meinen Weg zu Gott und meine Freude darüber, angekommen zu sein. Auf meiner Website „klare töne“ findet Ihr – falls Interesse – alle weiteren Infos zu Buch und CD. Ich freue mich über Kommentare und Feedbacks!

 

Dabei bin ich mir bewusst: nicht jeder wird mit dem, was ich schreibe und singe, einverstanden sein. Es wird Kritik geben – verdiente und konstruktive, vielleicht auch unbarmherzige oder gehässige, wenn jemand an einem wunden Punkt getroffen wird. Darauf muss ich mich einstellen. Denn nichts, was wirklich bewegt, bewegt nur in eine Richtung. Und für alle Menschen, die durch meine Worte ermutigt und berührt werden, will ich die Kehrseite der Medaille gern tragen.

Gestern Abend hat Norm Strauss an einem Hauskonzert bei einem guten Freund sein Lied „Unbreakable“ gesungen. Es wurde inspiriert durch den Film mit Bruce Willis, in dem ein Mann sich nicht mehr an seine Superkräfte erinnert und daher auch vergisst, dass es sein Auftrag ist, den Superbösewicht zu bekämpfen.

Im Grunde sind wir alle solche Superhelden, denn jeder von uns hat ihm allein zugeteilte, einzigartige Gaben, die ihn an einen Ort und zu Aufgaben führen, die nur er erfüllen kann. Wenn wir Angst davor haben, unser Licht zu zeigen, können wir diesen Auftrag nicht ausführen. Ich wünsche mir für die kommende Zeit – für mich und für alle, die sich manchmal vor dem Erfolg und dem Scheinwerferlicht ängstigen – dass wir unsere ureigenen „Superkräfte“ entdecken, einsetzen und uns nicht davor fürchten, aufzufallen und gesehen zu werden, sondern uns darüber freuen.

Das, was Du zu geben hast, muss gesehen werden, damit es ankommen kann. Also raus aus dem Schatten ins Licht!