Vineyard 3 klein linksAm vergangenen Sonntag habe ich das letzte Mal in der Vineyard Bern den Worship* geleitet und wurde gleichzeitig in meine neue Gemeinde nach Grenchen verabschiedet. Ein schöner und bewegender Moment – immerhin ist die Vineyard die eigentliche „Wiege meines Christenlebens“ und war während fast zehn Jahren mein geistlicher  Heimathafen.

*Worship für Nicht-Freikirchler: auch Anbetung oder Lobpreis, meint: Gott mit Gesang und allem, was dazu gehört, loben. Früher „Grosser Gott wir loben Dich“, heute je nach Gemeinde auch viel Schlagzeug, Stromgitarre und „Jesus we love you“.

Inspiriert von dieser nachdenklichen Abschiedsstimmung habe ich mich gefragt, was die Vineyard Bern für mich ausmacht. Hier als Resultat meine persönlichen Highlights einer ganz besonderen Gemeinde:

Im Januar 2004 sass ich erwartungsvoll in einer Holzbank in der Französischen Kirche und harrte der Dinge, die da kommen würden. Was als erstes kam, war ganz viel Musik – inspirierender und leidenschaftlicher Worship, der mich berührt und mein Herz für Gott geöffnet hat. Dieses erste musikalische Highlight steht für die reiche Worship-Tradition, die die Gemeinde seit ihrer Gründung vor über dreissig Jahren aufgebaut hat. Viele Songs der Vineyard Bern wurden fester Bestandteil des Worships in anderen Schweizer Gemeinden. Vor allem aber hat die Vineyard ihre Gaben multipliziert und unzählige neue, talentierte Musiker hervorgebracht.

Doch Worship hört für die Vineyard nicht bei der Musik auf – sie ist ein Lebensstil. Die Gemeinde verbindet Anbetung eng mit dem Einsatz für soziale Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Vor Jahrzehnten haben zwei Gemeindemitglieder den DaN (Dienst am Nächsten) gegründet, der sich zu einem umfassenden, wertvollen Hilfswerk in der Stadt und Region Bern entwickelt hat. Ehrenamtliche Mitglieder füllen und verteilen  „Heilandsäcke“ mit Lebensmitteln, bieten Deutschkurse an und führen eine unentgeltliche Kleiderbörse,  und das Angebot wird ständig erweitert. Diese enge Verbindung von „Lob Gottes“ und konkretem Einsatz für das Wohl des Nächsten begeistert mich – wir dürfen und sollen uns an unserem Gott freuen und ihn gemeinsam feiern, aber wir haben auch einen Auftrag, zur Verbesserung der Lebensumstände beizutragen und unsere Türen für alle Menschen zu öffnen.

Sind die Türen erst offen, wird schnell offenkundig, dass es den typischen Vineyarder sowieso nicht gibt – weder optisch noch von der Persönlichkeit her. In einem repräsentativen Godi finden sich unauffällige Menschen, eigenwillige und skurrile Figuren und auch eine ganze Menge Volk meines Schlags – äusserlich nicht vom Durchschnitt zu unterscheiden, aber ungemein dankbar dafür, dass man auch mit einem grossen Schrägheitsanteil in dieser Gemeinde willkommen ist. In der Vineyard Bern hatte ich nie den Eindruck, ich müsste in eine bestimmte Form passen oder bestimmte Vineyard-Verhaltensregeln befolgen.

Es wird auch gar nicht erst versucht, den Norm-Vineyarder zu züchten – die Vineyard Bern ist keine „Der Pastor hat gesagt“-Gemeinde. Jeder ist aufgefordert, selbst Bibel zu lesen und sich eine Meinung zu bilden. Das stärkt das Vertrauen als „frischer“ Christ und öffnet Raum, um auch mal zu zweifeln und Dinge in Frage zu stellen – und solche Zweifel und Fragen sind nötig, um ein starkes Glaubensfundament aufzubauen. Wenn ich nur brav schlucke, was mir gelöffelt wird, kann ich in Krisensituationen nicht auf gewachsene Erkenntnisse bauen. Dabei vertritt die Vineyard durchaus eine konkrete Theologie und gibt sie auch weiter, aber sie vertraut und baut gleichzeitig auf die Urteilskraft des einzelnen und hat es nicht nötig, Druck aufzusetzen oder Dekrete zu erlassen.

Die Vineyard-Theologie steht auf festem Boden und rechnet gleichzeitig mit Gottes Wundern: Vineyarder machen Berns Strassen unsicher, stellen auf Berns Plätzen „Wunderstühle“ auf und beten unverschämt für Heilung, während sie gleichzeitig akzeptieren, dass wir oft nicht wissen, warum schreckliche Dinge passieren oder warum Menschen nicht gesund werden. Als Connie Kosewähr, ein Mitglied des Leitungsteams, vor einigen Jahren an Krebs erkrankte, haben sie und ihr Mann die Gemeinde offen an ihren Kämpfen und Hoffnungen teilhaben lassen. Sie haben das medizinisch Mögliche versucht, aber auch für ein Wunder gebetet und sich gleichzeitig  auf den Abschied vorbereitet. Etwa einen Monat vor ihrem Tod stand Connie in der Kirche im Worship vor mir und hat Gott mit ganzem Herzen angebetet –  dünn und schwach, aber voller Freude, Liebe und einem unerschütterlichen Vertrauen. Ich habe nie etwas Bewegenderes gesehen. Der Abschied von Connie war ein Manifest dieses Glaubens an einen Gott, den wir nun mal nie ganz verstehen werden, in dessen Liebe und Barmherzigkeit wir aber dennoch unser Vertrauen setzen.

All diese Besonderheiten haben die Vineyard Bern für mich zu einem geistlichen Zuhause gemacht. Ist sie deshalb eine perfekte Gemeinde? Gott bewahre. Und wie es so schön heisst: wenn sie es jemals gewesen wäre,  hätte das mit meinem Eintritt ein Ende gehabt. Die Vineyard Bern hat ihre Makel wie jede Gemeinde und jede Gemeinschaft von Menschen – aber sie hat mir ein gutes Fundament für ein Leben als Christ mitgegeben und meinen Blick dafür geschärft, worauf ich bei einer Gemeinde achten muss. Das hat mit dazu beigetragen, dass ich in meinem neuen Wohnort – meiner alten Heimatstadt – eine gute Gemeinde und neue geistliche Heimat gefunden habe.

Die Vineyard  Bern hat einen grossen Einfluss auf mein Leben gehabt und wird immer Teil meiner geistlichen Herkunft sein – die Vineyard-Werte sind meine Werte, die ich mitnehme und weitertrage.

God bless you, Vineyard Bern!

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